In den späten Abendstunden des 12. März 1920 alarmiert eine Nachricht die Reichshauptstadt: Die Marinebrigade Ehrhardt marschiert auf Berlin zu. Ihr Ziel: Sturz der amtierenden Koalitionsregierung unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Gustav Bauer und Beseitigung der erst wenige Monate alten deutschen Republik.

Eine Stunde nach Mitternacht versammelt Reichswehrminister Gustav Noske ( SPD ) die führenden Militärs in der Bendlerstraße. Seiner Forderung, dass man Gewalt nur mit Gewalt beantworten könne, schließt sich allein der Chef der Heeresleitung, General Walther Reinhardt, an. Alle anderen hohen Offiziere lehnen einen Kampf gegen die Putschisten ab. "Truppe schießt nicht auf Truppe", erklärt der Chef des Truppenamts, General Hans von Seeckt.

In einer eilig zusammengerufenen Kabinettssitzung um vier Uhr morgens, an der neben Reichspräsident Friedrich Ebert auch Mitglieder der preußischen Regierung teilnehmen, wird beschlossen, auf bewaffneten Widerstand zu verzichten. Eine erregte Debatte entspinnt sich über die Frage, ob man in der Hauptstadt bleiben solle oder nicht. Schließlich einigt man sich auf einen Kompromiss: Ebert, Bauer und die meisten Minister sollen sich nach Dresden begeben, da Noske den dort kommandierenden General Georg Maercker für zuverlässig hält; der Vizekanzler aber, Justizminister Eugen Schiffer von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), soll mit zwei weiteren Ministern in Berlin ausharren.

Um 6.15 Uhr verlässt Ebert, in Begleitung von Außenminister Hermann Müller und seinem leitenden Büromitarbeiter Otto Meissner, im Kraftwagen seinen Amtssitz. Zehn Minuten später rücken die Putschtruppen in die Wilhelmstraße ein.

Eigentlich kam der Umsturzversuch nicht überraschend. "Was gegenwärtig marschiert, ist die Gegenrevolution, hinter der die Monarchie schon deutlich wieder auftaucht", notierte der Diplomat und Kunstmäzen Harry Graf Kessler Anfang September 1919. Seit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages am 28. Juni gärte es im Offizierskorps.Unerträglich war für die Militärs vor allem der Gedanke, die Regierung könne ihrer Verpflichtung nachkommen und das Heer auf 100.000 Mann reduzieren. In der Truppe herrsche große Unruhe, meldete der kommandierende General des Reichswehrgruppenkommandos I in Berlin, Walther Freiherr von Lüttwitz, dem Reichswehrminister, "weil die berechtigte Frage: Wann werde ich auf die Straße gesetzt? in allen Köpfen spukt".

Vor allem die Freikorps, die Noske in den bürgerkriegsähnlichen Kämpfen des Frühjahrs 1919 gegen die radikale Linke eingesetzt hatte, sträubten sich gegen ihre Auflösung. Dazu zählte auch die Marinebrigade unter Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt, die im Januar 1920 nach Döberitz, 25 Kilometer von Berlin entfernt, verlegt wurde. Die rund 5000 Mann starke Truppe betätigte sich offen republikfeindlich, lehnte Schwarzrotgold ab und trug – ein deutliches Zeichen für ihre Sympathien mit völkisch-rechtsradikalen Kreisen – das Hakenkreuz am Stahlhelm.