Der erste Ton auf dieser CD ist ein in der Originalpartitur nicht vorgesehenes, aber ungemein schönes Maultrommelgezirpe. Die Lautten Compagney Berlin verbreitet einen ganz seltsamen, durch nichts und niemanden zu verscheuchenden Zauber im Raum, und wenn dann jemand die Tür aufstößt, kann es sein, dass der Besucher bewusst auf Zehenspitzen wieder von dannen zieht. Man ist, mit einem Wort, hier sofort auf Du und Du mit Henry Purcell, mit tanzenden Luftgeistern, verwunschenen Wäldern und rituellen Tänzen im Morgennebel. Und da kommt schon die Hauptperson auf dieser auch beim dritten Hören im Detail und im Ganzen immer noch umwerfenden Aufnahme – Dorothee Mields.

In den Anfängen der Originalklangpraxis hätte eine Sängerin wie Mields ihren Schwerpunkt im 17. und 18. Jahrhundert beibehalten, wäre also bei Monteverdi, Bach, Dowland (den sie vor einiger Zeit wunderbar mit der Gambistin Hille Perl eingespielt hat) und allenfalls Mozart geblieben. Dorothee Mields jedoch hat diesen engen Horizont für sich beträchtlich erweitert und setzt sich längst (unter anderem beim Klangforum Wien) mit Pierre Boulez und Beat Furrer auseinander, was wiederum nicht ohne Folgen für die Alte Musik bleibt: Wie Purcell wirklich klingt, phrasiert gehört und in welcher Reihenfolge seine Semi-Opern The Fairy Queen oder Timon of Athens am Ende zu singen wären, bewegt sich eben auch durchgehend im experimentellen Bereich. Mields weicht keinem Risiko aus und durchschreitet die Stücke trotzdem mit sicherer Balance. Purcell ist bei ihr in doppeltem Sinn gut aufgehoben.

Hark, how the songsters, also "Horcht! Wie die Sänger des Hains singen", wäre, kaum dass der Kuckucksruf das Stück eingeleitet hat, ein klassischer Fall, um sich zu verlieren: an den Rhythmus und die laue Stimmung einer oberflächlich betrachtet lustigen Szene. Mields aber gibt dem Moment mit hervorragender Diktion Dauer, sie ist mittendrin in der Handlung. Sie nimmt Purcell jeden Anflug falscher Harmlosigkeit. Und wenn sie "Ach" singt, ertönt nicht nur ein Ausrufezeichen, sondern ein ganzer Satz Lebenslust in drei Buchstaben: Wie kostbar ist das: Freude!

Dem auf den ersten Blick womöglich entstehenden Eindruck, es könne sich bei Purcells Love Songs lediglich um eine Aneinanderreihung hübscher Stellen handeln, wirkt die Dramaturgie des Dirigenten Wolfgang Katschner mit aller Entschiedenheit entgegen: Katschner hat einerseits Vergnügen daran, den Staub aus alten Partituren zu blasen, ist andererseits aber beständig auf der Suche nach Dauerhaftem in der Neuen Musik. Man wundert sich also nicht, wenn eine Chaconne aus The History of Dioclesian über einer sechstaktigen Basslinie sich fast so anhört, als ließe sich jederzeit darüber rappen. Es ist, wenn man so will, Volksmusik im besten Sinne: ganz simpel ungeheuer raffiniert gemacht, direkt aufs Herz zielend. Abschließend schnurrt und kratzbürstet Dorothee Mields Man is for the woman made. Aber man soll sich nicht täuschen: Auch dieses Lied hat mindestens einen doppelten Boden.

Henry Purcell: Love Songs. Dorothee Mields, Lautten Compagnie Berlin, Ltg. Wolfgang Katschner (Carus 83.435)