Ein Film ist genau dann eine perfekte Konstruktion, wenn diese gänzlich in der Geschichte verschwindet. So wie in Ajami , gedreht von Scandar Copti, einem arabischen Christen, und Yaron Shani, einem israelischen Juden. Erst im Nachhinein kommt man klugen Diskretion der Erzählung auf die Schliche, nämlich dann, wenn die Schlägereien vorbei, die Tränen versiegt und die Schreie und Schüsse verhallt sind. Etwa zehn Figuren und noch einmal so viele Nebenfiguren fügen sich zu fünf ineinander verzahnten Kapiteln, die jeweils aus anderer Sicht erzählt sind. So entsteht ein Parcours der Religionen, Familien und Milieus, ein Panorama des heutigen Israel.

Es ist das Panorama einer Gewalt, die wie eine perfide Matrix unter allen Lebensformen liegt. Sie hat Jung und Alt infiziert, sie ist die Sprache, auf die alles zurückgeht, sie kriecht in die Häuser und Zimmer, sie liegt auf der Straße und lauert selbst dort, wo man sie am wenigsten erwartet.

Ajami, der als israelischer Kandidat ins Oscarrennen zog, spielt im gleichnamigen Viertel von Tel Aviv, in dem Moslems, Juden und Christen auf engstem Raum zusammenleben. Der Film beginnt mit einer sonnigen, unbeschwerten Szene: Ein Halbwüchsiger bastelt an einem Auto und bittet ein junges Mädchen, ein Werkzeug aus dem Haus zu holen. Wenig später liegt der Junge mit zwei Kugeln im Körper auf der Straße. Seine Exekution war ein "Fehler", eigentlich war Omar, der Sohn der Nachbarsfamilie, das Ziel. Die Mörder gehören zu einem Beduinenstamm, der eine Blutschuld tilgen will. In einer durch ihren Ernst absurden Szene errechnet ein Dorfrichter den genauen finanziellen Gegenwert dieser Blutschuld: Ein Menschenleben wird zu einer Gleichung aus Zinsen und Tagespauschalen. Am Schluss gibt es noch zwanzig Prozent Ermäßigung im Namen Allahs.

Mit Omar gelangt der Film zu weiteren Figuren und Schicksalen. Zu seinem Freund, dem palästinensischen Teenager Malek, der Geld für die Operation seiner Mutter auftreiben muss. Zu Omars Freundin, einer Christin, und ihrem Vater, der die Romanze mit Hass verfolgt. Oder auch zu dem palästinensischen Restaurantbesitzer Binj, der eine Jüdin liebt und dafür von seinen Freunden gehänselt wird. Andere Geschichten stehen wie Monolithen im Raum, bis sie sich mit der Erzählung verbinden: etwa die Trauer einer israelischen Familie, deren Sohn, ein Soldat, vor Jahren spurlos verschwand.

Aber auch wenn Ajami die Gewaltmechanismen und Gewaltgeschichten hinter den einzelnen Schicksalen freilegt – auf der reinen Bildebene erzählt der Film etwas anderes. Seine Kamera kommt den Figuren nahe, beobachtet kleinste Gesten, interessiert sich für verstohlene und offene Zärtlichkeiten. Wie eine Seelenverwandte registriert sie die Umarmungen von Müttern und Söhnen, zwischen Freunden. So wie sie Haut, Haare, Augen, Blicke filmt oder einfach einen Unterarm im Auto, über den zärtlich die Hand einer Frau streicht, macht sie die Menschen zu Verbündeten und Gleichen unter Gleichen.

Auch in der Urszene von Ajami , dem Gerangel, scheinen sich die Grenzen zwischen den Körpern immer wieder aufzulösen: Kameradschaftliches Gerangel, wenn Omar seinen kleinen Bruder in den Schwitzkasten nimmt. Feindseliges Gerangel, wenn israelische Polizisten einen palästinensischen Dealer verhaften wollen und von dessen Nachbarn bedrängt werden. Tödliches Gerangel bei einem Nachbarschaftsstreit, der mit einem Messerstich endet. Schmerzliches Gerangel, wenn ein Mann, der die Überreste seines lange verschollenen Bruders sehen will, von fürsorglichen Soldaten daran gehindert wird.

Ajami gelingt es, das politische, soziale und religiöse Spannungsfeld zu beschreiben, in dem die Gewalt entsteht. Aber er entlässt den Einzelnen nicht aus der Verantwortung. Eigentlich könnte alles anders sein, scheint dieser Film immerzu im Durcheinander der Arme, Beine und Hände zu sagen, wir müssen nur verstehen, wie es anders werden könnte.