DIE ZEIT: Erst waren es nur katholische Schulen, in denen Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt wurden, nun stehen die berühmte Odenwaldschule und mit ihr die liberale Reformpädagogik in der Kritik. Ist das erst der Anfang der Aufklärung?

Enja Riegel: Ja. Ich komme viel in Schulen des Inlands und des Auslands herum, der Missbrauch findet in allen Typen von Schule statt, auch in Sportvereinen, in kirchlichen Freizeiteinrichtungen. Er war immer üblich und ist es noch. Viele dieser Geschichten handeln von Männern und Jungen. Internate und Klöster sind aufgrund des engen Zusammenlebens besonders gefährdet. Jetzt hören wir nur von den Fällen, die verjährt sind, aber das Problem besteht täglich weiter fort.

ZEIT: Auch wenn es überall passiert, so ist doch jeder Ort etwas anders anfällig. In der Odenwaldschule leben Schüler und Lehrer familienähnlich zusammen. Bringt diese Nähe die Gefährdung mit sich?

Riegel: Dadurch verschwimmen die Unterschiede zwischen den Rollen des Lehrers, des Vaters, des besten Freunds, und so wird eine Distanz unterlaufen, die pädagogisch notwendig ist. Vielleicht sind Einrichtungen mit einem ausgeprägten moralischen oder pädagogischen Anspruch wie die Odenwaldschule zusätzlich gefährdet, weil dort die Vorstellung entstehen kann: Bei uns gibt es so etwas Furchtbares wie Missbrauch nicht. Aber es geschieht überall. Menschen sind fehlbar.

ZEIT: Gehört die Reformpädagogik auf den Prüfstand?

Riegel: Man sollte nun nicht eine engagierte Pädagogik wie die an der Odenwaldschule oder am Canisius-Kolleg unter Generalverdacht nehmen. Es gibt keinen zwingenden, in der Sache liegenden Zusammenhang zwischen der liberalen Reformpädagogik, wie ein Hartmut von Hentig sie geprägt hat, und dem Missbrauch. Aber es hat an Zivilcourage gefehlt. Eine Schule könnte gerade dadurch vorbildlich sein, dass sie ihre Fehler einräumt und den Kindern Schutz gibt, indem man zeigt: Wir lassen nichts durchgehen. An jeder Schule sollte eine Kultur des Hinsehens entstehen.

ZEIT: Was soll das sein?

Riegel: Alle Menschen an einer Schule sollen und können beobachten, was sich zuträgt, vom kleinen Vandalismus über das Mobbing bis zum Missbrauch. Jeder kann sich fragen, warum ein Kind plötzlich immer stiller wird oder blasser. Und wer etwas Besorgniserregendes sieht, sollte dann auch eingreifen und handeln: Er oder sie sollte zum Schulleiter gehen oder zu einer Vertrauensperson und das Gespräch suchen. Das hat mit Denunziation nichts zu tun, sondern damit, Schwierigkeiten ins Auge zu blicken.

ZEIT: Kann man als Laie das Leid durch bloße Aufmerksamkeit erkennen?

Riegel: Wir haben unseren Blick im Kollegium psychologisch schulen lassen. Es gibt auch Kinder, die in ihren Familien mißbraucht werden und also in der Schule einen Anwalt finden müssen, der ihre Sache erkennt und vertritt. Wir sind in jedem Fall eingeschritten und haben uns an das Jugendamt gewendet.

ZEIT: Ist es heute noch typisch für die deutsche Schulkultur, dass Schwierigkeiten unter den Teppich gekehrt werden?

Riegel: Und wie! Es gibt eine latente Angst der Lehrer vor dem Schulleiter und vor eigenen Nachteilen, aber auch eine Angst der Schulleitung davor, klar darauf zu bestehen, dass Regeln eingehalten werden. An fast jeder Schule kann es einem heute passieren, dass ein Lehrer, der schwerer Alkoholiker ist, unbemerkt weitertrinkt, und sei es in der Pause, im Auto vor dem Schultor, ohne dass jemand aufsteht und sagt: So geht es nicht weiter. An Schulen, in denen Lehrer weniger vereinzelt und in Teams arbeiten, herrscht meist eine größere Offenheit.