Vielleicht liegt es an der Hitze über dem Tal oder an der Abgelegenheit dieses verschlafenen Dorfes. In Nxamalala, der Heimat von Jacob Zuma, ist jedenfalls nichts zu spüren von der Empörung über den Präsidenten, die seit Wochen Südafrika aufwühlt. JZ, wie ihn das Volk nennt, hat schon wieder in fremden Betten gewildert! Und schon wieder hat er ein Kind außerhalb seines polygamen Haushalts gezeugt! 20 Kinder hat er nun, eheliche und uneheliche.

Was nur soll der Rest der Welt über einen Staatschef denken, dem seine rechtmäßigen Frauen offenbar nicht mehr genügen? Der ausgerechnet im Jahr der Fußballweltmeisterschaft, bei der sich Südafrika als modernes, aufgeklärtes Land präsentieren will, alle Stereotype über Afrika bedient? Stammeshäuptling, Vielweiberei, wilde Lust – die englische Presse zog alle Register, als Zuma vorige Woche von der Queen empfangen wurde. Und daheim schrieb ein Kommentator, dass Südafrika dem Ausland wie eine Bananenrepublik vorkommen müsse. Nicht nur Opposition, Kirchenführer und Frauenorganisationen kritisieren die Entgleisungen des Staatschefs ungewöhnlich scharf, sondern auch ältere Genossen aus seiner regierenden Partei, dem African National Congress (ANC). Ein hochrangiger Funktionär, der anonym bleiben will, bekennt: "Wir wissen nicht mehr, wie wir mit seinem sexuellen Appetit umgehen sollen." Viele seiner Landsleute, schwarze wie weiße, fragen sich, ob ein Mann, der seine Begierden nicht zügeln kann, die moralische Eignung für das höchste Staatsamt hat.

In Nxamalala hat man mit den Seitensprüngen des Präsidenten kein Problem. Die Leute sind stolz auf ihren JZ, denn hier, im Herzen des Zulu-Landes, ist er geboren. "Unser Präsident soll sich vermehren, damit sein Clan wächst", sagt Ntobifuthi, eine Frau von 19 Jahren. Alle Dorfbewohner haben großen Respekt vor dem berühmtesten Spross ihres Dorfes, es gehört sich einfach nicht, eine derartige Autorität zu kritisieren, schon gar nicht für junge unverheiratete Frauen wie Ntobifuthi. "Was reden die Leute nur? Es ist doch gut, wenn der Präsident noch ein love child hat." Ein Kind der Liebe. Man wünscht Zuma Fruchtbarkeit. Und freut sich darauf, dass er demnächst die sechste Frau in seinen Kral führen will: Prinzessin Sebentile Dlamini aus Swasiland. Lobola, den Brautpreis von zehn Rindern, hat er bereits bezahlt.

Neulich, beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, fragte ein Journalist Zuma nach seinen vielen Ehen. "Es ist meine Kultur!", beschied der südafrikanische Präsident trocken. In seiner Heimat wird diese Kultur gepflegt – vorausgesetzt, man kann sich mehrere Ehefrauen leisten. Nxamalala, das Zumas Clan und zugleich den Ort bezeichnet, liegt in einer armen, rückständigen Gegend. Winzige Äcker, kleine Rundhütten, die meisten ohne Strom und Wasseranschluss. Der einzige Reichtum ist das Vieh. Und die Traditionen, in deren Bahnen das Leben verläuft: Geburt, Initiation, Heirat, Tod. Sie regeln die Besitzverhältnisse, den Ahnenglauben, die sozialen Normen, die Geschlechterrollen. Es ist eine ländlich-afrikanische Welt, in der die Männer seit Menschengedenken das Sagen haben.

In diese Welt wird Jacob Gedleyihlekisa Zuma im Jahre 1942 hineingeboren. Er wächst vaterlos in ärmlichen Verhältnissen auf und hütet das Vieh im Busch. Eine ordentliche Schulbildung hat er nie genossen. Mit 17 Jahren stößt er zur Befreiungsbewegung. Das weiße Regime kerkert ihn dafür zehn Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island ein. Nach dem Untergang der Apartheid steigt Zuma in die höchsten Zirkel des ANC auf. Im Dezember 2007 katapultiert ihn eine interne Revolte an die Spitze der Regierungspartei. Er tritt auf, wie ihn die Leute von Nxamalala beschreiben: jovial, fürsorglich, volksnah. Er spricht weiches Zulu-Englisch, lacht, scherzt und redet geschickt um die Kardinalprobleme seines Landes – Massenarmut, Kriminalität, Korruption, Aids – herum. Jacob Zuma weiß, dass ihn auf dem Weg an die Macht niemand mehr aufhalten kann.

Zuma ist beliebt, vor allem in den schwarzen Townships, wo die Menschen seit dem Ende der Apartheid auf ein besseres Leben warten. Mit populistischer Verve schwingt er sich auf zum "Anwalt der Armen", der gegen die arrogante Machtelite kämpft. Im April 2009 ist er am Ziel: Das Volk wählt ihn mit überwältigender Mehrheit zum neuen Staatspräsidenten. Der Hirtenjunge aus den grünen Hügeln des Zulu-Landes ist jetzt der "Vater der Nation" – ein big man, allmächtig wie ein absolutistischer Herrscher.

Bei Problemen verschanzt sich Zuma hinter der südafrikanischen Kultur

"Ein Mann ist ein Mann", sagt Simon, "und er muss tun, was ein Mann tun muss." Simon, 23 Jahre alt, ist ein Neffe von Jacob Zuma. Er sitzt im Schatten einer Schirmakazie, ringsum verrostete Autowracks, tschilpende Küken, Ziegen, die an Dornbüschen knabbern. "Wir bewahren unsere Kultur", erklärt Simon. Mehr will er zum Thema nicht sagen. Und auch die korpulente Frau, die neben ihm sitzt, gibt sich wortkarg, Ntombi, eine jüngere Schwester Zumas. "Dort hat mein Bruder geheiratet", sagt sie nur und deutet hinüber zum grünen Palisadenzaun. Die Bilder vom Präsidenten im Leopardenfell, der mit seiner fünften Frau Thobeka Madiba tanzt, gingen um die Welt.