Sie parken ihr Auto nicht vor dem Eingang, sondern lieber drei Ecken weiter. Sie haben ihren Termin unter falschem Namen vereinbart. Sie sprechen nicht am Telefon, aus Sorge, abgehört zu werden.

Gesetze brechen ist ihre Sache eigentlich nicht. Noch nie waren sie vor Gericht, erst recht nicht im Gefängnis. Sie haben viel Geld und genauso viel Angst: brave Bürger – mit einem unschönen Familiengeheimnis. Sie sind Steuersünder.

Klassisches Verhalten, klassische Fälle, wie sie Anwälte mit dem Spezialgebiet Steuerrecht derzeit zu Dutzenden aus ihrem Arbeitsalltag schildern können. Das schlechte Gewissen allein, das den Steuerhinterziehern zumindest von ihren Verteidigern bescheinigt wird, trieb die Leute noch nicht zu Tausenden in die Kanzleien. Dafür brauchte es Datensätze aus der Schweiz, die Bundesländern zur Verfolgung von Steuersündern angeboten wurde. Entscheidend war die Furcht, entdeckt zu werden. "Es regiert teils die blanke Panik", sagt einer der Juristen, der Tag für Tag Heimlichtuern die rechtliche Beichte abnimmt. "Angst ist der Ratgeber, nicht die Vernunft."

Mehr als 5000 Menschen sollen sich in den vergangenen Wochen wegen nicht deklarierter Steuern aus den vergangenen Jahren selbst angezeigt haben – innerhalb weniger Wochen sind das schon mehr, als sich im gesamten vergangenen Jahr bei den Finanzämtern in Nordrhein-Westfalen gemeldet haben. Nach dem lange angekündigten Ankauf einer Daten-CD seien die Finanzämter regelrecht mit Meldungen überschwemmt worden, hieß es bei der Steuergewerkschaft.

Schon bei der ersten CD mit Bankdaten aus Liechtenstein gab es vor zwei Jahren eine ähnliche Schwemme von Selbstanzeigen. Aber dieses Mal ist der Effekt noch stärker gewesen.

Das liegt auch daran, dass die Tathelfer offenbar umdenken. Der Banker im Hinterziehungsland ist gemeinhin der erste Ansprechpartner für die Täter – aus dem einfachen Grund, dass er der Einzige ist, der von der Sache weiß. "Die klare Ansage ist neuerdings ›Raus aus der Steuerhinterziehung‹", hat der renommierte Steueranwalt Rolf Schwedhelm in Gesprächen mit Schweizer Bankberatern vernommen. Die Aufforderung kommt nicht von ungefähr: Nach Liechtenstein will auch die Schweiz die Amtshilfe in Steuerfragen ausweiten – neue Abkommen sind in Vorbereitung. Der Industrieländerklub OECD scheint mit seiner Strategie, Steueroasen auf graue und schwarze Listen zu setzen, erfolgreich zu sein. Der Druck aus den anderen europäischen Staaten auf die Steueroasen wächst.

Wenn die Hinterzieher den Rat ihres Bankers annehmen und gewillt sind, den Weg in die Steuerehrlichkeit anzutreten, heißt das allerdings nicht zwangsläufig, dass sie sich auch selbst anzeigen. Auch möglich: das Vermögen in Lebensversicherungen oder Edelmetalle umschichten, sodass erst mal keine direkten Zinsen mehr fällig werden – und damit auch keine Steuern. Wer dann fünf Jahre abwartet, hat in der Regel strafrechtlich nichts mehr zu befürchten, nach weiteren fünf Jahren verjährt auch die Steuerschuld. Das ist die Variante für Nervenstarke. "Etwas überspitzt gesagt: Nur die Ängstlichen kommen zu mir", sagt der Anwalt Schwedhelm. Er vertrat den ehemaligen Postchef Klaus Zumwinkel in seinem Hinterziehungsverfahren, das durch die Liechtenstein-CD ins Rollen kam.

Kritiker halten die Selbstanzeige für eine unzeitgemäße Privilegierung

Die Zahl der Ängstlichen nimmt zu. Auch ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Dezember 2008 hat die Situation für Steuerhinterzieher unwirtlicher gemacht. Danach sollen Angeklagte mit mehr als einer Million Euro Steuerersparnis durch Hinterziehung künftig nicht mehr mit Bewährungsstrafen davonkommen. Allerdings ist umstritten, auf welchen Zeitraum sich die ersparte Hinterziehungssumme bezieht. Steuerrechtsprofessor Roman Seer von der Ruhr-Universität Bochum hält das allerdings nicht für den springenden Punkt. Das Urteil habe dazu beigetragen, die Sünder aufzuschrecken. "Genau wie die Datensammlung schafft das eine enorme Unsicherheit."