Vielleicht ist das ja ein Zeichen, ein Beleg für ihre Anziehungskraft. Um halb drei – die Kaffeezeit hat noch gar nicht richtig begonnen – gibt es keine Luisentorte mehr. Mit Orange und Schokolade war sie und natürlich "lecker", sagt die junge Kellnerin am Buffet. Jetzt sei noch Zimtgebäck da, die Luisentorte aber, die ist ausverkauft im Museumscafé, das in einem Zelt hinter Berlins Charlottenburger Schloss untergebracht ist.

Luise, Königin von Preußen, starb vor 200 Jahren. Der Romantiker August Wilhelm Schlegel nannte sie eine "Königin der Herzen", lange vor Lady Diana. Luise betörte Männer, selbst ihren Feind Napoleon, der gesagt haben soll, noch eine halbe Stunde mit ihr, und er hätte ihr ein Königreich zu Füßen gelegt. Aber auch Frauen schwärmten von der jungen Königin. Die Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun schrieb: "Alles an ihr übertrifft noch das Zauberhafteste, was man sich denken kann." Solch eine Königin hatte Preußen noch nie gehabt. So schön, so aufgeschlossen, so modern – den bürgerlichen Idealen so nah. Als sie mit 34 Jahren an einer Lungenentzündung starb, lebte ihr Mythos noch lange fort, bis er mit dem Untergang Preußens 1945 erlosch.

Nun ist Luise wieder da. Mit drei Ausstellungen erinnert die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten zum 200. Todesjahr an "Miss Preußen". Schon jetzt zeigt Charlottenburg, der einstige Sommersitz, Leben und Mythos der Königin. Im Mai beginnt auf der Pfaueninsel Die Inselwelt der Königin, Ende Juli folgt im Schloss des preußischen Musterdorfs Paretz Die Kleider der Königin.

Luise mochte alles Russische, vor allem Alexander, den Zaren

Auf der Luiseninsel im Charlottenburger Schlosspark hat ein anonymer Verehrer die Büste der Königin mit Efeu bekränzt. Darin steckt eine rote Plastikrose. Keine 100 Meter Luftlinie entfernt, steht das Mausoleum, das Friedrich Wilhelm III. für seine Gemahlin entworfen hat. Allerdings führte der junge Karl Friedrich Schinkel, der später als Preußens genialer Baumeister Berühmtheit erlangte, seiner Majestät wohl die Hand. Ein Jahr zuvor hatte er Luises Schlafzimmer eingerichtet. Es ist oben im Schloss zu besichtigen.

 

Friedrich Georg Weitsch, 1799: Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise im Schlossgarten von Charlottenburg

 Jetzt ruht Luise hier unten. Ihr schlafendes Ebenbild hat Christian Daniel Rauch auf dem Sarkophag in Marmor verewigt. Auch er gehörte zu den jungen Talenten, die bei Hofe gefördert wurden und sich im Umfeld der Königin einen Namen machten.

Liegt denn Luise wirklich hier begraben und nicht in der Hohenzollerngruft des Berliner Doms? "Nix Dom", brummt der Wächter und betont das "o" nur kurz, das "m" umso stärker. Vielleicht ein Russe? Das hätte der Königin gefallen. Sie mochte alles Russische, vor allem Alexander, den Zaren. Der Mann war feinsinnig und aufgeklärt. Auch er eine Majestät, die modern sein wollte.

"Ich wünschte sehr, Sie könnten hier sein, mein lieber Vetter, und könnten den Zauber des entzückenden Charlottenburg genießen", schrieb Luise dem Zaren. Verständlich, dass Rudolf Scharmann, Schlossleiter in Charlottenburg und Kurator der jüngst eröffneten Luisenschau, dieses Zitat besonders liebt. Denn es zeigt, wie sehr Luise Charlottenburg schätzte.

Königin Luise von Preußen im Reitkleid, Wilhelm Ternite, 1810

War da was mit dem Zaren? Scharmann lächelt. Der schlanke Mann mit dem grauen Schnauzer lächelt überhaupt viel, wenn von Luise die Rede ist. "Nein", sagt er entschieden. Im Gegenteil, Luise und Friedrich Wilhelm III. waren einander sehr zugetan. Und zwar in aller Öffentlichkeit. Ein Porträt der Ausstellung zeigt sie Händchen haltend, in ihren Briefen haben sie sich geduzt. Tatsächlich war die Verbindung zwischen Preußens Kronprinz und der Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz arrangiert. Aber auch wenn sie sich nicht gesucht haben, so haben sie sich offenbar doch gefunden.

Liebende Eheleute galten in bürgerlichen Kreisen um 1800 als äußerst fortschrittlich. Zuerst hatte Rousseau in seinem Heloise-Roman das Thema entdeckt, ein europäischer Bestseller seiner Zeit. Dann kam Friedrich Schlegel mit seiner Lucinde . Im wahren Leben verkörperte nun ausgerechnet ein Königspaar das bürgerliche Ideal. Auch auf anderen Gebieten war Luise ihrer Zeit voraus. Als 17-jährige Prinzessin tanzte sie Walzer, der wegen der körperlichen Nähe allgemein verpönt war. Als Mutter – in 17 Ehejahren brachte sie zehn Kinder zur Welt – kümmerte sie sich selbst um die Erziehung, die traditionell in den Händen von Bediensteten lag. Und als Preußen unter dem Ansturm der Franzosen zusammenbrach, das Königspaar an den Rand des Reiches fliehen musste, war sie es, die bei Napoleon um Gnade fürs Volk bat. Luise stieg zu einer Art preußischer Schutzpatronin auf.

Ein bisschen Frivolität, Liebe, Treue und Engagement: Luise ist Sissi, Scarlett O’Hara und Lady Diana in einer Person. Ihr Mythos zeigt viele Facetten, was es offensichtlich schwierig macht, ein klares Bild von ihr zu zeichnen. Wie sie in Wirklichkeit aussah, das weiß niemand so recht, der die Ausstellung auf Charlottenburg verlässt, so viele Büsten, so viele Porträts. War sie blond oder braun? Nun, wenigstens dieses ist gewiss: Sie war aschblond. Das verrät eine ihrer Locken, vielleicht das anrührendste, weil persönlichste Schaustück hier. Neben der Totenmaske und dem Bild einer Kuh, die der achtjährige Wilhelm seiner Mutter zum Geburtstag malte. 65 Jahre später war er erster deutscher Kaiser.

 

Entwurf von Karl Friedrich Schinkel, 1810: Schlafzimmer der Königin Luise im Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg

Einblicke in Luises Leben verspricht auch das Appartement im Obergeschoss des Schlosses. "Wie bescheiden", sagt eine ältere Dame zu ihrer Begleiterin. Wahrscheinlich kommen die Besucherinnen gerade aus den angrenzenden Gemächern Friedrichs II., die, ganz Rokoko, üppig mit Gold und Stuck verziert sind. In ihren Räumen gibt es weder Gold noch Stuck. Vergleichsweise schlicht wirkt die Einrichtung, wirklich bescheiden ist sie nicht. Den Möbeln haben die Tischler eine kunstvolle Bambusoptik verliehen, Tapeten wurden eigens aus Indien importiert. Rückschlüsse auf Luises Geschmack sind allerdings schwierig, denn das Dekor geht auf die Gräfin Lichtenau zurück, Lieblingsmätresse von Luises Schwiegervater, König Friedrich Wilhelm II. Allein das Schinkel-Schlafzimmer mit dem eleganten Bett aus Birnbaumholz wurde für die junge Königin entworfen, nutzen konnte sie es nur wenige Nächte bis zu ihrem frühen Tod.

Vielleicht kommt man der Königin auf der Pfaueninsel näher. Wer auf das einstige Feriendomizil inmitten der Havel will, ist auf die Fähre angewiesen. Rund fünfzigmal pendelt sie täglich hin und her. Sollte sie irgendwann aussetzen, sind die 20 Insulaner, alles Angestellte der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, abgeschnitten vom Rest der Welt. So wartet Oswald Graffunder den Dieselmotor der Fähre auch weiterhin – "schon im eigenen Interesse". Dabei ist der Mann, der eine entfernte Ähnlichkeit mit Hans Albers hat, bereits im Rentenalter. Seit 1970 lebt er mit seiner Frau Hannelore auf der Insel, die beiden bewohnen das einstige Dampfmaschinenhaus am Ufer. "Schöner", sagt Frau Graffunder – und hält dabei den Hahn fest, der mit der Kralle scharrt und sich anschickt, auf den Besucher loszugehen – "schöner kann man in Berlin gar nicht wohnen." Abgelegener auch nicht.

Josef Grassi, 1802: Königin Luise von Preußen

Die 63-Jährige führte fast 40 Jahre Gruppen durch das kleine Inselschloss, das Friedrich Wilhelm II. errichten ließ. Obwohl es damals noch keine Paparazzi gab, schätzte er die Randlage, gern fuhr er mit seinen Mätressen hierher. Das kleine weiße Schloss, das zwischen den Bäumen hindurchschimmert, erinnert mit seinen zwei Türmen und den brüchigen Zinnen an eine verfallene Burg. Genauso war es auch konzipiert, des romantischen Eindrucks wegen. Im Turmzimmer ließ der alte König eine Art Bambushütte einbauen und schuf sich einen exotischen Sehnsuchtsort. Später übernahmen Luise und ihr Mann die Anlage. Friedrich Wilhelm III. mochte die Pfaueninsel sehr, die noch heute in ihrer Abgeschiedenheit mit den bis zu 400 Jahre alten Bäumen der wohl idyllischste Park der Stiftung ist.

In Paretz ließ das Königspaar ein preußisches Musterdorf errichten

Das Königspaar inszenierte hier ein landwirtschaftliches Mustergut. Wenn seine Majestät im Festsaal der neogotischen Meierei eine Gesellschaft gab, stellte er zum Beispiel ein Rindvieh bereit, damit die naturverbundenen Herrschaften sich als Melker betätigen konnten. Mit Rücksicht auf die empfindlichen Nasen seiner Gäste ließ der Hausherr die Kuh allerdings parfümieren.

 

Ehefrau von König Friedrich Wilhelm III.: Luise von Mecklenburg, Königin von Preußen (1776-1810)

Es gibt ein Indiz dafür, dass Luise den Ort nicht ganz so gerne mochte wie ihr Ehemann. Sie schrieb über die "enge Pfaueninsel-Behausung, wo kein Schloss und kein Riegel vor Einbruch bewahrt" und die dünne Wand wirklich "jeden Seufzer verräterisch seinen Nachbar hören lässt". Vielleicht schnarchte ihr Gemahl, der sein Feldbett, wie man heute noch sehen kann, in einer Kammer neben ihrem Schlafgemach hatte. Vielleicht ging ihr auch das Gekreische der Pfauen im Park auf die Nerven. Sicher war es übertrieben, wenn Luise klagte, die Mauern bestünden aus Papier, waren sie doch aus verputztem Holz. Aber besonders komfortabel logierte sie hier nicht. "Die Räume waren nicht einmal richtig zu beheizen", sagt Frau Graffunder, "wahrscheinlich hat Luise manchmal gefroren." Die Liebe zur Natur hat eben auch ihre Schattenseiten.

Von Mai an sollen sich hier historisches Ensemble und zeitgenössische Kunst in einem ambitionierten Ausstellungsprojekt gegenüberstehen. Weder Papier- noch Holzwände umschließen die Installation Parkett . Mitten auf der Wiese hat Kurator Michael Lukas einen dreifarbigen Sportbodenbelag ausgebreitet und den Parkettboden des Schlosses im vergrößerten Maßstab nachempfunden. Himmel und Landschaft bilden Decke und Mauern – so will Lukas eine Wechselbeziehung zwischen Kunst und Natur herstellen.

Morgenrock der Königin Luise von Preußen, Deutschland, 1805/10

Das Dorf Paretz, letzte Station auf der Spurensuche, liegt 30 Kilometer südwestlich von der Pfaueninsel. Schlossführer und Mitkurator Stefan Schimmel betont den Namen übrigens auf der zweiten Silbe. Anders als Charlottenburg oder das Schloss auf der Pfaueninsel wurde Paretz eigens für das Königspaar errichtet. Hier konnten die beiden ihr Selbstverständnis demonstrieren. "Bauen Sie wie für einen einfachen Gutsherrn", soll Friedrich Wilhelm seine Architekten, Friedrich Gilly und dessen Sohn David, angewiesen haben. Einfach hieß: An die Stelle des alten Gutshauses kam ein Schloss im damals modernen neoklassizistischen Stil, das ganze Dorf wurde abgerissen und ebenfalls neu aufgebaut.

Die Bauern machten dabei ihren Schnitt. Sie erhielten solide Steinhäuser, die an einer Seite des Parks vor dem Schloss und in der Werderdammstraße erhalten sind. Außerdem wurden die Landarbeiter aus der Erbuntertänigkeit entlassen. Als Gegenleistung mussten sie dem königlichen Personal in ihren Dachkammern Unterkunft gewähren. Und sie wurden Statisten der Inszenierung, die das Paar hier zumeist in der Erntezeit aufführte.

Zahlreiche Anekdoten ranken sich um ihre Aufenthalte, wonach Luise einer Bäuerin schon mal beim Pflaumenmuskochen geholfen haben soll. Solche Geschichten förderten das Bild von den vermeintlich bürgerlichen Eheleuten. Im Schloss teilten Friedrich Wilhelm und Luise zwar nicht das Bett, aber – ungewöhnlich genug – das Schlafzimmer. Die im Inventar von 1810 aufgeführten Betten sind leider verloren gegangen. Das Schloss ist jedoch nach Jahrzehnten der Fremdnutzung weitgehend wiederhergestellt, die Räume der königlichen Wohnung sind rekonstruiert. Sogar die Originaltapeten hat man wieder angebracht.

Ausgerechnet in Paretz wird nun am Mythos der bescheidenen, bürgernahen Königin gekratzt, wenn hier im Sommer Die Kleider der Königin gezeigt werden. Luise bezog nämlich nicht nur die aktuellsten Modemagazine ihrer Zeit. Sie hatte, wie Mitkurator Stefan Schimmel sagt, als einzige Frau in Deutschland genügend Mittel zur Verfügung, an jeder Mode teilzuhaben. Den Morgenrock aus violetter Seide etwa erhielt sie aus Paris. Der weiße Baumwollmusselin für das unter der Brust geraffte Kleid im Empirestil wurde in Indien gewebt und bestickt, über England nach Preußen geschickt. Uneitel und genügsam war Luise also nicht, lautet Schimmels Urteil.

Aber eines macht die Ausstellung klar: Mit Konfektionsgröße 34 bis 36 – so viel weiß man aus der erhaltenen Garderobe – machte die Königin ein gute Figur. Mit einer Körperlänge zwischen 1,72 und 1,74 Meter war sie eine große Frau für ihre Zeit. Näher kann man Luise kaum kommen.

Berlin-Brandenburg: drei Ausstellungen für die Königin Luise von Preußen