DIE ZEIT: Eltern fragen sich, wie sie ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen können. Wie gut sind Schulen auf die Thematik vorbereitet?

Ursula Enders: Es gibt Einrichtungen, die das Thema schon seit Jahren im Blick haben und bereits Regeln erarbeitet haben, aber das sind Ausnahmen. Die meisten Schulen sind zutiefst erschüttert. Ich komme gerade von einer Konferenz von 50 Schulleiterinnen und Schulleitern, und in keiner dieser Schulen gab es in der Schulordnung eine Regel zum Schutz vor sexueller Gewalt. Aber durch die Vorkommnisse der vergangenen Wochen haben Schulen die Relevanz des Themas erkannt und sind bereit, etwas zu verändern.

ZEIT: Es heißt, Lehrer müssten stärker sensibilisiert werden, um die Hinweise auf sexuellen Missbrauch rechtzeitig wahrzunehmen. Nach allem, was wir nun wissen: Taugen Lehrer überhaupt noch als Vertrauenspersonen für Schüler?

Enders: In der Regel wenden sich Mädchen und Jungen gar nicht an ihre Lehrer. Sie wenden sich auch nicht an ihre Eltern, sondern vertrauen sich ihren Freunden an. Es geht also nicht so sehr um die Frage, was Lehrer nun lernen müssen. Es geht darum, präventive Strukturen in den Institutionen einzuführen. Das heißt, dass Mädchen und Jungen mit ihrem Eintritt in eine Institution über ihre Rechte informiert werden sollten und zum Beispiel eine Hausordnung übergeben bekommen, in der steht, dass niemand ihre Gefühle verletzen und ihnen Angst machen darf. Außerdem sollten die Einrichtungen Ansprechpartner von außen benennen, an die sich die Schüler wenden können, sodass es für sie kein Verrat gegenüber ihren Lehrern ist. Wenn Kinder erfahren, dass es die Lehrer akzeptieren, dass sie sich woanders Hilfe holen können, fassen sie häufig auch mehr Vertrauen zu den Personen in den eigenen Institutionen.

ZEIT: Sie fordern einen Verhaltenskodex für alle Pädagogen an deutschen Schulen. Wie kann man sich das vorstellen?

Enders: Es könnte darin zum Beispiel festgeschrieben werden, dass es keinem Lehrer erlaubt ist, einfach die Umkleidekabine von Jungen und Mädchen zu betreten. Oder dass kein Lehrer in der Schulbibliothek pornografische Filme schauen darf. Wer sich nicht daran hält, muss mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen rechnen. Aber aufgrund des Beamtenrechts ist es heutzutage immer noch einfacher, einen übergriffigen Pfarrer aus einer Gemeinde zu entfernen als einen gewalttätigen Lehrer aus einer Schule. Außerdem werden bei sexuellem Missbrauch durch Lehrer oft Juristen zur Befragung der betroffenen Schüler eingesetzt, die im Umgang mit Kindern überhaupt nicht geschult sind. Die Kinder sind dann so verschreckt, dass sie nichts mehr sagen. Und oft heißt es danach: Da war gar nichts. Besser wäre es, wenn die Einrichtungen externe Gremien benennen, die in Fällen einer Vermutung sexueller Grenzüberschreitung involviert werden und die für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen qualifiziert sind.

ZEIT: Welche Maßnahmen empfehlen Sie noch?

Enders: Wichtig sind klare Dienstvorschriften für den Umgang mit Nähe und Distanz und ebenso klare Verfahrensregeln in Fällen von sexuellen Grenzverletzungen. Schulen sollten Präventionsangebote für Schüler und Eltern machen und ihre haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in regelmäßigen Fortbildungen über die Strategien der Täter und die Hilfen für die Opfer aufklären. Ich empfehle auch einen fröhlichen, lebensnahen Sexualkundeunterricht, der es Kindern ermöglicht, offen über Sexualität und sexuelle Grenzverletzungen zu reden.