Mir wurde in den vergangenen Tagen verschiedentlich vorgeworfen, ich engagierte mich zu wenig für die Aufklärung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule. Zunächst erschien mir das ungerecht, weil mir nicht klar war, was ich denn hätte tun sollen. Nach eingehender Selbstprüfung kann ich nun sagen: Ich muss diese Kritik akzeptieren. Als die Missbrauchsvorwürfe 1998 zum ersten Mal öffentlich geäußert wurden, hätte ich für eine rückhaltlose Aufklärung eintreten und den Hauptverdächtigen, den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker, zum Reden drängen müssen.

Im Folgenden möchte ich darlegen, wie es zu diesem Fehler kam und welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollten.

Als im Jahr 1998 zwei Altschüler der Odenwaldschule Gerold Becker öffentlich sexueller Übergriffe bezichtigten, reagierten wir alle, die wir die Odenwaldschule und Gerold Becker kannten, erschüttert und entsetzt. Die Odenwaldschule begann sofort eine intensive Aufklärungsarbeit, an der alle Gremien, vom Schülerparlament über das Lehrerkollegium bis zum Vorstand, beteiligt waren. Sprecher und Initiator aller aufklärenden Aktivitäten war der damalige Schulleiter Wolfgang Harder. Die Ergebnisse der Aufklärungsarbeit wurden in einem Bericht an das Regierungspräsidium zusammengefasst. Wer sich genauer darüber informieren möchte, sollte diesen Bericht bei der Odenwaldschule anfordern.

Aus dem Bericht geht hervor, dass Wolfgang Harder als Leiter vor 1998 nichts von diesen Übergriffen wusste. Ich habe keine Kenntnis darüber, dass ein anderer Mitarbeiter davon wusste. Auch ich erfuhr damals zum ersten Mal davon. Salman Ansari, dreißig Jahre als Lehrer an der Odenwaldschule tätig und kritisch Becker gegenüber eingestellt, berichtet in der Frankfurter Rundschau, dass er in dieser langen Zeit nie etwas von sexuellen Übergriffen erfahren habe.

Freunde, aber auch Menschen in pädagogischer Verantwortung baten oder bedrängten Becker, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Ich weiß, dass manche bis zum Bruch der Beziehung eine Erklärung forderten. Ich selbst habe nach Kenntnis dieser Anstrengungen darauf verzichtet, ihn auch noch zu bedrängen, weil ich zum ferneren Kreis seiner Freunde gehörte und pädagogisch so anders dachte als er, dass ich meinem Drängen nach Stellungnahme keine Chance gab. Außerdem vertraute ich auf Hartmut von Hentig, den geachteten Pädagogen und Lebensgefährten Gerold Beckers, dass er selbst Klärung bei ihm gesucht hätte und dass er nichts decken würde, was Kindern geschadet hätte.

Beinahe zwölf Jahre später klagten über dreißig weitere Altschüler Becker des sexuellen Missbrauchs an. Diese Altschüler berichteten von sexuellen Übergriffen, die die Vorstellungskraft aller in der Erziehung Tätigen sprengte und von denen 1998 nicht die Rede gewesen war.

Warum sich diese dreißig nicht früher gemeldet haben, dafür gibt es so wenig eine Erklärung wie für die späten Meldungen der missbrauchten Altschüler kirchlicher Internate. 1998 erfuhr durch die Veröffentlichung eine breite Mehrheit von den Übergriffen. Es schien nicht zu genügen, um weitere Altschüler zu ermutigen, sich zu äußern. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif, um mit Berichten über so tief erlittenes Leid an die Öffentlichkeit zu treten.