Man stelle sich einen Kongress von Atomforschern einen Tag nach Tschernobyl vor. So müssen sich die deutschen Erziehungswissenschaftler gefühlt haben, als sie am vergangenen Montag in Mainz zum Kongress Bildung in der Demokratie zusammenkamen. Denn die jüngsten Vorwürfe, an der hessischen Odenwaldschule, einem Leuchtturm der Reformpädagogik, hätten Lehrer jahrelang systematisch Schüler sexuell missbraucht, legen ein anderes Kongressmotto nahe: Bildung im Zwielicht.

Den Pädagogen fällt es in Mainz spürbar schwer, eine angemessene Haltung zum Missbrauchsskandal zu finden. In den ersten Ansprachen wird das Thema kaum erwähnt. Stattdessen brandet Beifall auf, als der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, der Münchner Pädagogikprofessor Rudolf Tippelt, die Leistungen der Reformpädagogik preist: "Der Ansatz der Reformpädagogik, Schule als Lebensform zu verstehen, ist Grundvoraussetzung für die Demokratie." In einem gestelzt formulierten Papier nimmt die Pädagogenvereinigung mit "Betroffenheit und Anteilnahme" Stellung "zur Verletzung der psychischen und physischen Integrität von Heranwachsenden in pädagogischen Institutionen".

Der Soziologe Oskar Negt findet dann in seiner Rede deutliche Worte: "Das ist Gewaltverhalten und muss eindeutig so benannt werden." Ihn hätten die Nachrichten "mit einem großen Schlag" getroffen.

Die Reformpädagogik, jene einflussreiche Richtung in der Erziehungswissenschaft, die von der Orientierung am Kind und nicht am Stoff redet, die auf die Selbsttätigkeit der Schüler baut, sie muss derzeit viel verkraften. Die Odenwaldschule im Zwielicht; Gerold Becker, deren langjähriger Leiter, soll über Jahre und systematisch Schüler sexuell missbraucht haben; der Urvater der modernen Reformpädagogik, der große Hartmut von Hentig, der als Lebensgefährte Beckers im Verdacht steht, von alldem gewusst zu haben – und alles schönredet: Die Enthüllungen der vergangenen zwei Wochen haben die Anhänger der Reformpädagogik in eine Art Schockstarre versetzt, aus der sie sich erst langsam befreien. "Es ist so, als wenn man von einem Missbrauch in der engsten Verwandtschaft erfahren würde", sagt Hans Brügelmann, Erziehungswissenschaftler in Siegen und Sprecher des reformpädagogischen Schulverbundes "Blick über den Zaun".

Eine ganze Generation von Pädagogikprofessoren fühlt nun ihr jahrzehntelanges Tun infrage gestellt, unzählige Lehrer und Erzieher in Deutschland sind in ihrem Glauben erschüttert. Weil sie irgendwie alle mit den jetzt unter Verdacht Stehenden – und sei es nur indirekt – zu tun gehabt haben. Als Kollegen im selben Lehrerzimmer oder in derselben Fakultät. Als Koautoren von Monografien und Aufsätzen, als Mitherausgeber von Buchreihen oder Zeitschriften. Oder einfach nur als fromme Leser ihrer Werke, als andächtige Zuhörer ihrer Vorträge.

Bei aller Verschiedenheit der geistigen und geistlichen Traditionen, aus denen die mutmaßlichen Täter stammten, und der Milieus, in denen sie sich bewegten: Parallelen zwischen Tätergemeinschaften gibt es durchaus. So trägt auch die Reformpädagogik wie die katholische Kirche durchaus religiöse Züge. Mit einer strikten Trennung zwischen Gut (Projektunterricht, Gesamtschule) und Böse (Noten, gegliedertes Schulsystem, Frontalunterricht), ihren Pilgerstätten (Laborschule in Bielefeld und Odenwaldschule) mit kanonischen Werken und Priestern.

"Die Reformpädagogen haben immer in einem nach außen abgeschotteten Milieu verkehrt, sagt der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth. "Sie sprechen selbst von einem Corps oder einer Gilde der Erzieher." Hentig war in dieser in viele Gemeinden und Sekten zerfallenen Kirche der wichtigste Prediger, eine Art Oberpriester: mit der asketischen Kargheit seines Auftretens, mit einer ganz eigenen Rhetorik, die stets schwankte zwischen einfachen (einige sagen: platten) Wahrheiten und philosophischen Tiefenbohrungen.