Deutschland war für Susam Dündar-Isik immer ein Land des freien und selbstständigen Handelns. Diese Vorstellung hatte sie bereits als Kind, als ihr Vater das Dorf in Kappadokien zunächst ohne die Mutter und die vier Kinder verließ, um in Deutschland als Lehrer Arbeit zu finden. Und diese Vorstellung hat sie auch heute noch. Umso schwerer fällt es ihr zu verstehen, was in den vergangenen Wochen geschehen ist. In was für eine Gemengelage aus Sport, Homosexualität und Geschlechterkampf sie hineingeraten ist.

Ihre Geschichte als engagierte Frau hat Susam Dündar-Isik in mehreren Aktenordnern dokumentiert und mitgebracht. Sie blättert die Seiten einzeln um. Jedes Papier hat sie in Klarsichthüllen gesteckt, wie konservierte Schätze. Rechtfertigungen dafür, dass ihr Handeln richtig war. Danksagungen, Zeugnisse, Zeitungsartikel: Franz Müntefering dankt dem SPD-Mitglied Susam Dündar-Isik für ihr Engagement im Wahlkampf; die türkische Religionsbehörde Ditib gratuliert Frau Dündar-Isik zur Wahl als "Frau des Jahres"; sie überzeugt als Leiterin eines Berliner Ausbildungsprogramms Unternehmer davon, Ausbildungsplätze zu schaffen.

Und die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gratuliert Frau Dündar-Isik, Vorstandsmitglied und Pressesprecherin des Berliner Fußballvereins Türkiyem Spor, zur Auszeichnung mit der Berliner Tulpe, dem renommiertesten deutsch-türkischen Integrationspreis des Landes. Türkiyem Spor hat ihn erhalten, weil sich der Verein – und nicht zuletzt Susam Dündar-Isik – immer wieder für die Akzeptanz von Schwulen und Lesben im Sport eingesetzt hat. Ausgerechnet Türkiyem Spor, ein Verein, der von muslimischen Einwanderern gegründet worden war.

Doch nun ist Susam Dündar-Isik nicht mehr Pressesprecherin des Vereins. Der Verdacht liegt nahe, dass der Vorstand sie wegen ihres Engagements gegen Homophobie von ihren Aufgaben entbunden hat – wegen jenes Engagements also, für das der Verein doch gerade ausgezeichnet worden ist. Wie konnte das passieren?

"Wir setzen uns für eine Welt ein, in der niemand diskriminiert wird, egal, welche sexuelle Orientierung oder Herkunft er hat", hat Dündar-Isik in die Preisbewerbung geschrieben. "Das ist die Welt, in der ich leben möchte", sagt sie lakonisch. Warum engagiert sie sich ausgerechnet für Homosexuelle? Und warum bei Türkiyem Spor?

Im Internet steht: "Sie ist die Schande des Vereins"

Als sie mit der Arbeit in dem Kreuzberger Club begann, habe es ihr imponiert, dass er sich "hochgearbeitet" hatte, so wie viele seiner Mitglieder. Eine Gruppe von Gastarbeitern aus Izmir hatte den Verein, der zu Deutsch "meine Türkei" heißt, vor 31 Jahren gegründet. Vieles war für sie in Deutschland damals noch unerreichbar. Bessere Jobs genauso wie ein eigener Rasenplatz. Doch Türkiyem Spor stieg auf, Jahr für Jahr, und machte gleichzeitig Sozialarbeit im Kiez. Der Migrantenverein lebte das wichtigste Prinzip der Einwanderung vor: Aufstieg durch eigene Kraft. Mittlerweile ist er ein multiethnischer Club geworden, mit 1200 Mitgliedern und 600 Fußballspielern aus 25 Herkunftsländern – und im Vereinsvorstand saßen zuletzt drei Frauen.

Vor zwei Jahren war Susam Dündar-Isik gewählt worden. "Menschen, die selbst ausgegrenzt wurden, engagieren sich jetzt dafür, dass andere eingeschlossen werden – das ist für mich Integration. Das wollte ich mitgestalten", sagt sie. Dabei nahm sie das Engagement gegen Homophobie vielleicht ernster als manch anderer im Verein. "Ich habe in der Türkei gesehen, was Schwule und Lesben ertragen müssen." Ausgrenzung, sagt sie, komme in unterschiedlichen Formen daher – mal seien es die Einwanderer, mal die Schwulen.