Wolfgang Kubicki mit seiner Ehefrau Annette Marberth-Kubicki beim Henri-Nannen-Preis 2009 in Hamburg

ZEIT: Um all die ganz normalen Mittelschichtsleute, die sich von den Volksparteien verraten fühlen, weil sie glauben, zu hohe Steuern zu zahlen, die an sogenannte Sozialschmarotzer verteilt werden.

Kubicki: Jetzt überlegen Sie doch mal: Wenn der Kollege Peer Steinbrück, seines Zeichens Sozialdemokrat und bis vor einigen Monaten noch Bundesfinanzminister, auf die Steuerfluchtparadiese Schweiz oder Liechtenstein zeigt und seine Kavallerieattacke mit dem Satz rechtfertigt: "Man wird ja wohl noch sagen dürfen", fischt er dann auch in diesem schmutzigen Teich? Ich warne vor diesen Schubladen: Westerwelle ist wie Haider, rechts, Steinbrück ein Held, politisch in Ordnung. Oder nehmen Sie die nordrhein-westfälische Sozialdemokratin Hannelore Kraft. Was wäre wohl los, wenn ein Liberaler sagte: "Wir müssen endlich ehrlich sein. Rund ein Viertel unserer Langzeitarbeitslosen wird nie mehr einen regulären Job finden, weil sie verlernt haben, zu arbeiten"? Wir kommen den Problemen nicht näher, wenn wir die Akteure in Schubladen stecken.

ZEIT: Im Gegensatz zu Hartz IV ist Steuerflucht strafbar. Das Déjà-vu-Erlebnis mit Ihrer Partei ist ein anderes. Nehmen Sie Ihren Freund Möllemann. Er stand an der Spitze einer antisemitischen Kampagne Ihrer Partei.

Kubicki: Sie wollen behaupten, dass Möllemann ein Antisemit war?

ZEIT: Eine Menge spricht dafür, ja.

Kubicki: Ach, niemals. Ich habe mit Möllemann und Paul Spiegel , dem verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Bundesvorstand der FDP gesessen. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sich Paul Spiegel mit einem Antisemiten an einen Tisch gesetzt hätte. Bei Möllemanns 50. Geburtstag waren Spiegel und ich die einzigen aus der FDP, die eingeladen waren. Was man Möllemann vorwerfen kann, ist, dass er bei aller Intelligenz nicht genug politisches Gespür besaß. Er hatte das Potenzial an Verunglimpfung gegen sich nicht gesehen, als er Michel Friedman vom Zentralrat der Juden angriff. Antisemitische Denunzierung reicht immer aus, um jemanden komplett hinzurichten. Das muss man immer beachten.

ZEIT: Möllemann wollte eine schweigende Gruppe von grummelnden Wählern ansprechen, darin besteht das Déjà-vu-Erlebnis mit Ihrer Partei.

Kubicki: Der Impuls war nicht Antisemitismus, völliger Unsinn. Da war Friedman, und da war Möllemann, und die konnten sich nicht ausstehen. Und Möllemann fand Bestätigung, nicht unbedingt in der eigenen Partei, in der die Parteikollegin Hildegard Hamm-Brücher und andere "Parteifreunde" ihn gleich rauswerfen wollten. Möllemann war ein Kämpfertyp, der sich durchsetzen musste, in einer bestimmten Phase beratungsresistent wurde, seine Kraft überschätzte, aber Zustimmung bekam von ganz normalen Leuten. Wie jetzt auch Westerwelle eine Menge Zustimmung bekommt in der Hartz-IV-Debatte, von ganz vernünftigen Menschen, auch von unvernünftigen, meinetwegen. Aber Zuspruch alleine ist noch kein Wert. Ich habe es doch miterlebt, damals bei Möllemann. 5000 Leute in der einen Veranstaltung, in der nächsten wieder 5000 Leute. Und dann war er Vorsitzender dieser Deutsch-Arabischen Gesellschaft, das Geschäftliche verband sich mit dem Politischen, immer nicht ausreichend beachtend, dass unser Verhältnis zu Israel ein besonderes ist.

ZEIT: Er wusste nicht, dass unser Verhältnis zu Israel ein besonderes ist?

Kubicki: Er hat es nicht mehr wahrgenommen, meine ich. Möllemann war auf einem Trip.

ZEIT: Und dass sich die Hallen mit Zuhörern füllten, hat die FDP überrascht? Ihre Partei wurde also überfahren von Möllemann, einem Einzelkämpfer?

Kubicki: Wissen Sie, ich will Ihnen nichts unterstellen. Schon gar nicht, dass Sie Politikwissenschaftler sind. Diese Zunft weiß hinterher immer alles. Politologen glauben auch daran, dass politische Prozesse immer gesteuert ablaufen. Manchmal entwickelt sich aber etwas, und es wird erst später ein Prozess daraus. Die ersten Veranstaltungen mit Möllemann waren damals noch verhalten besucht, dann wurde alles immer größer.

ZEIT: Die halbe Partei war offenbar auf einem Trip.

Kubicki: Das würde ich so nicht sagen.

ZEIT: Die FDP hatte eine Kampagne gestartet.

Kubicki: Ich kann Ihnen sicher sagen, dass eine Kampagne nicht geplant war. Aber das Problem ist, dass es sich zu einer Kampagne entwickelte und dass sie nicht gebremst wurde. Genau das ist das Problem mit dem öffentlichen Zuspruch.

ZEIT: Es gibt also falschen öffentlichen Zuspruch. Hätten Sie stärker einschreiten müssen?

Kubicki: Im Nachhinein ja, definitiv. Aus heutiger Sicht hätte ich sagen müssen: 5000 Zuhörer, das ist ja ganz schön, aber es gibt die Gefahr der Verunglimpfung, des moralischen Urteils. Sie kennen vielleicht das alte Lied Spiel nicht mit den Schmuddelkindern. Wir konnten zu Schmuddelkindern werden, weil wir plötzlich in eine Ecke gestellt wurden.

ZEIT: Diese Gefahr ist ja nicht gebannt, wie man an der Hartz-IV-Debatte sieht, die Westerwelle losgetreten hat. Machen Sie sich Sorgen um ihn?

Kubicki: Momentan noch nicht, aber wenn die Kampagne gegen ihn, das Westerwelle-Bashing, so weitergeht, würde ich mir Sorgen um ihn machen. Ich gelte ja nun wirklich nicht als ausgewiesener Westerwelle-Freund, aber ich schrieb ihm aus dem Mallorca-Urlaub eine SMS. Sie ging los mit der "moralischen Anmaßung der politischen Nichtsnutze", "Scheinheiligkeit nicht mehr zu ertragen" und so weiter, und ich fügte meiner SMS am Ende den Satz hinzu, dass auch meine Frau Annette ihn grüßen lässt und ihn in den Arm nimmt. Und dann dauerte es 30 Sekunden, und er schrieb mir zurück: "Das ist wirklich eine tolle SMS", mit vier Ausrufungszeichen. 30 Sekunden! Das zeigt mir: Er steht unglaublich unter Druck.

ZEIT: Machen Sie sich auch Sorgen um Ihre Partei?

Kubicki: Nein. Die Partei hat schon so viel erlebt.

ZEIT: Auch personell nicht? Wer wäre denn Westerwelles Nachfolger oder seine Nachfolgerin, wenn er plötzlich nicht mehr zur Verfügung stünde?

Conny, sage ich, Frauen rausstellen wird nicht reichen. Die müssen auch genommen werden
Wolfgang Kubicki

Kubicki: Da hätten wir jetzt keinen, vielleicht den Gesundheitsminister Philipp Rösler, in vier oder fünf Jahren – wenn er medial und im Ministerium durchhält. Vier, fünf Jahre muss Guido also mindestens noch überstehen, so ist die Lage. Wir haben aber auch den jungen Generalsekretär, Christian Lindner, ein Juwel der Partei. Sie merken ja, dass ich selbst sehr eitel bin, aber dieser Lindner ist wirklich gut.

ZEIT: Der aktuelle Vorwurf, dass Westerwelle zu sehr von anderen in der Partei bedrängt werde, ihm die Luft oben zu dünn werde…

Kubicki: …ist absoluter Quatsch. Wir haben Protagonisten in der Partei, die – weil sie keinen Arsch in der Hose haben – immer behaupten, die anderen seien schuld. Ich sehe es ja im Bundesvorstand. Der stellvertretende Bundesvorsitzende Andreas Pinkwart fordert eine breitere Aufstellung, aber niemand hindert ihn doch, sich öffentlich zu äußern – wenn auch nicht immer glücklich. Und dann ist da noch Cornelia Pieper, meine besondere Freundin im Bundesvorstand, die immer meint, die Partei müsse mehr Frauen herausstellen. Und der sage ich: Conny, herausstellen wird nicht reichen. Die müssen auch genommen werden. Also, ich finde, wir sollten jeden Tag beten, dass Guido Westerwelle nichts passiert.

ZEIT: Haben Sie als Rechtsanwalt von Ihrer politischen Erfahrung profitiert?

Kubicki: Eher nicht. Die ganze Schönberg-Affäre damals wäre keine Affäre geworden, wenn ich nicht politisch tätig gewesen wäre. Ich habe mich auf Strafverteidigung konzentriert, weil es da am wenigsten Probleme mit der Politik gibt. Weil ich da am geringsten zu denunzieren bin.