ZEIT: Sie profitieren insofern, als sich einige Ihrer Mandanten von Ihnen erhoffen, Sie würden den öffentlichen Druck erhöhen. Das haben Sie zum Beispiel getan, als Sie im Volkswagen-Verfahren den ehemaligen Hurenbeschaffer Klaus-Joachim Gebauer verteidigten.

Kubicki: Ich habe die politischen und journalistischen Kontakte genutzt, die ich besaß, ja. Das läuft dann so: Mein Mandant entbindet mich von der Schweigepflicht, davon profitieren zugleich die Medien, übrigens auch die ZEIT. Die Medien haben heute unendliche Recherchemöglichkeiten, über die ich als Anwalt nicht verfüge. Auch die Staatsanwälte nicht, die anfangs nicht so recht ran wollten an das korrupte System Volkswagen. Mein Angebot war: Informationen gegen Recherche. Ich hatte den Vorteil, dass die Kommunikationsabteilung von VW gepennt hatte. Die waren alle im Urlaub, als es losging. Die hätten den Fall komplett abschirmen können, wenn sie nicht geschlafen hätten. Alles wäre bei meinem Mandanten hängen geblieben, dem kleinsten Licht in der ganzen Affäre. Schön, dass das nicht geklappt hat. Sonst wären die deutsche Gewerkschaftsbewegung und Peter Hartz gerettet worden.

ZEIT: Vor Gericht hatten Sie es auch mit dem Zeugen Ferdinand Piëch zu tun, dem mächtigen VW-Aufsichtsratschef. Wie haben Sie ihn erlebt?

Kubicki: Piëch sollte erledigt werden, das wollten alle Journalisten, mit denen ich zu tun hatte. Ich habe aber gesagt: Mein Interesse ist nicht, dass er fällt, sondern dass mein Mandant eine faire Chance im Prozess hat. Dann gab es die Vernehmung von Peter Hartz, dem ehemaligen VW-Vorstand…

ZEIT: …eine Situation, die Sie Ihrem Mandanten damals so beschrieben: "Stellen Sie sich vor: 1945. Wir befinden uns im Führerhauptquartier. Und gerade hat sich der Führer umgebracht."

Kubicki: Kann sein. Jedenfalls gab es die Veranstaltung Niedersachsen meets Baden-Württemberg in Hannover, zu der ich eingeladen war. Da war auch Matthias Prinz, Piëchs Anwalt. Und Prinz fragte mich: Wie wirst du mit meinem Mandanten umgehen? Ich antwortete: Weil Hartz alles Wichtige bestätigt hat, kann ich Piëch in Ruhe lassen.

ZEIT: Der Konzern hat sich bei Ihrem Mandanten für diese freundliche Behandlung finanziell erkenntlich gezeigt…

Kubicki: Dazu kann ich nichts sagen.

ZEIT: Ärgert es Sie, dass Sie die Schlacht mit Piëch nicht führen konnten?

Kubicki: Nein, Piëch wäre eine Nummer zu groß für mich.

ZEIT: Sie hatten Ihren Meister gefunden. Oder wie Sie vielleicht sagen würden: Sie wollten nicht vor Stalingrad enden.

Kubicki: Man sollte juristisch keine Schlachten führen, die man sehr wahrscheinlich verliert. Ferdinand Piëch hat die ganze VW-Affäre genutzt, um sich die Mitte des Konzerns zurückzuerobern. Piëch ist Hartz losgeworden, außerdem den früheren VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder, er hat die Gewerkschaften kleinlaut gemacht, sie für den Porsche-Deal eingespannt, alles hat er am Ende erreicht. Davor ziehe ich meinen Hut. Christian Wulff, der niedersächsische Ministerpräsident, wollte auf Piëch losgehen, hat dann aber einen Waffenstillstand mit ihm geschlossen.

ZEIT: Haben Sie Piëch einmal persönlich gesprochen?

Kubicki: Nur kurz. Es ging um Belanglosigkeiten. Piëch hat mich nur 14 Tage lang ernst genommen.

ZEIT: Bewundern Sie ihn?

Kubicki: Kennen Sie das A-Team? Diese Fernsehserie, in der ein Plan immer aufgeht? Ich bewundere Menschen, die vom Ende her denken und alles darauf abstellen, dass das Ende gelingt.

ZEIT: Manchmal wirkt etwas auch erst in der Rückschau wie eine Strategie. Genau das haben Sie uns im Fall von Möllemanns antisemitischer Kampagne klarzumachen versucht. Wir wollen darauf jetzt aber nicht zurückkommen. Mögen Sie eigentlich Westerwelles Begriff von der geistig-politischen Wende?

Kubicki: Überhaupt nicht, ein misslungener Ausdruck. Im wahrsten Sinne banal. War alles vorher unmoralisch? Wende wohin? Ich ärgere mich darüber schon deshalb, weil es an Helmut Kohls Begriff erinnert, die geistig-moralische Wende. Die Kohl-Ära war aber nur kurz eine wirkliche Ära, durch Zufall, durch die Wiedervereinigung, zu der man ihn auch noch zwingen musste. Ich frage mich, was jetzt mit Wende gemeint sein soll.

ZEIT: Vielleicht die Hartz-IV-Empfänger.

Kubicki: Wohin sollen die sich denn wenden?

ZEIT: Vielleicht in Richtung Arbeitsaufnahme?

Kubicki: Ach, lassen wir das.

ZEIT: Wen wird die FDP als Nächstes angreifen, wenn die Wahl in Nordrhein-Westfalen einigermaßen erträglich für Ihre Partei ausgehen sollte?

Kubicki: Ich gehe von einer Stärkung der FDP in NRW aus, wir hatten dort bei der letzten Wahl ja nur ein bisschen über sechs Prozent. Und dann braucht Frau Merkel eine warme Winterjacke. Wir werden die Union nicht schonen, das ist jetzt klar. Wir halten uns an keine Schmusekursabsprachen, die die andere Seite schon lange nicht mehr einhält. Auf unseren Erfolg folgen weitere Schritte, definitiv. Das Verhältnis zur Union würde deutlich rauer. Das bekäme insbesondere die CSU zu spüren, bei der wir jede Hemmung fallen lassen würden.

ZEIT: Auf die CSU hauen Sie dann ein?

Kubicki: Bis die Schwarte kracht. Diesen CSU-Generalsekretär werden wir uns als Erstes vornehmen. Feuer frei von jedem. Ich freue mich schon auf jede Sottise. Und warum nicht auch mal den CSU-Chef Horst Seehofer fragen: Hat Ihre Abneigung gegen die Kopfpauschale auch damit zu tun, dass Ihre Familienplanung etwas aus dem Ruder gelaufen ist?

ZEIT: Kubicki, der Kämpfer im Dienste der Partei. Dabei haben Sie auch ganz andere Zeiten erlebt. Als Jürgen Möllemann 2003 nach dem enormen Druck aus der FDP austrat, hieß es lautstark, am besten geht Kubicki, sein Kampfgefährte, auch gleich mit.

Kubicki: Ja, das war überall zu hören. Ein bemerkenswerter Gleichklang für eine liberale Partei.