Nervös wünscht der Marketingchef viel Glück beim Interview. Die Sekretärinnen nicken aufmunternd. So muss sich ein chancenloser Boxer fühlen, wenn er in den Ring steigt. Maurice R. Greenberg, an der Wall Street besser bekannt als Hank, erscheint in der Tür zu seinem Büro und bittet hinein. Der Mann, der die gefährlichste Firma der Welt erschaffen hat, den Versicherungskonzern AIG, der Ende 2008 beinahe das Weltfinanzsystem zum Einsturz gebracht hätte.

"Also los", beginnt er das Gespräch. Sein Händedruck war kurz und fast erschreckend kräftig. Hank Greenberg hat mit eisblauen, durchdringenden Augen Maß genommen und thront jetzt auf einem Lehnstuhl neben seinem ausladenden Schreibtisch. Kaum mehr als 1,60 Meter ist er groß und 84 Jahre alt; fast zerbrechlich, könnte ein flüchtiger Betrachter urteilen. Doch Greenberg ist einer dieser Menschen, die durch ihren bloßen Willen zur imposanten Erscheinung werden. Greenberg war stets gefürchtet. Gestandene Manager mit Milliardenverantwortung scheuten sich vor Besuchen in seinem Büro. Er gelingt ihm irgendwie, dieser psychologische Trick: Man kann im Büro des alten Herrn sitzen und Schweiß in den Handflächen spüren.

Es hilft, sich klarzumachen, dass Greenberg gerade sein Lebenswerk um die Ohren geflogen ist. 37 Jahre lang hat dieser Mann gebraucht, um den Versicherungskonzern AIG zu erschaffen, ein Imperium, wie es die Welt nie gesehen hatte. Über 4000 Unternehmensteile in über 130 Ländern hatte diese Organisation, und eigentlich durchschaute sie nur Greenberg selber. Zeitweise hatte der Konzern gut 74 Millionen Kunden und verwaltete ein Vermögen von mehr als einer Billion Dollar. Das sind 1000 Milliarden. So viel wie die jährliche Wirtschaftskraft der Schweiz, Belgiens und Österreichs zusammen.

Bis dann am 16. September 2008, zwei Tage nach dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers, der Staat einspringen musste. AIG brauchte 85 Milliarden Dollar Nothilfen, und später wurden stolze 180 Milliarden daraus. Der Konzern wurde zu 80 Prozent Volkseigentum, sein Aktienkurs stürzte von einst über 100 Dollar auf knapp einen Dollar. Was von AIG noch übrig ist, wird im Augenblick verscherbelt.

"Wer sagt das? Das ist komplett falsch!", ruft er und springt fast auf

Kaum ein anderes Unternehmen ist in dieser Finanzkrise so spektakulär untergegangen. Schuld daran waren Zockerpapiere – sogenannte Credit Default Swaps (CDS) –, die AIG massenhaft auf den Markt zu werfen begann, als der herrische alte Mann im Lehnsessel dort oberster Chef war.

Er wird böse, wenn man ihn darauf anspricht. Unter seinem, unter Hank Greenbergs Regime, soll die Saat für die Katastrophe ausgebracht worden sein? "Wer sagt das? Das ist komplett falsch!", ruft er, und er springt fast auf.

Tatsache ist: Auf der Suche nach neuen Einnahmequellen hat Greenberg persönlich Ende der achtziger Jahre die neue AIG-Finanzabteilung schaffen lassen, und die entdeckte Ende der neunziger Jahre das große Geschäft mit den CDS. Kein Versicherungsgeschäft im klassischen Sinne: Ursprünglich waren CDS einmal als eine Art Risikoabsicherung gedacht gewesen, als eine Police gegen den Ausfall von Krediten. Doch bald versicherte am Finanzmarkt kaum noch jemand mit CDS seine Risiken. Milliardenjongleure in Banken und Hedgefonds kauften die Papiere, um auf die Kreditbewertung eines Unternehmens, eines Kreditbündels oder eines ganzen Staates zu spekulieren. CDS waren eine Art Wettschein geworden.