Die erste Ölauktion startete im Juni vergangenen Jahres. Sie wurde live aus einem Luxushotel in Bagdad vom irakischen Fernsehen übertragen. 22 Unternehmen aus 15 Ländern bewarben sich um die Ausbeutungsrechte am Rumaila-Ölfeld südlich von Basra – mit einem Volumen von 17,7 Milliarden Fass das größte des Iraks .

Gleich drei Unternehmen in diesem Rennen kamen aus den USA , darunter der Riesenkonzern ExxonMobil. Doch vier Unternehmen wurden von den Chinesen geschickt, darunter die China National Petroleum Corporation (CNPC). CNPC trat gleich in fünf verschiedenen Konsortien mit fünf Geboten an, zumeist mit europäischen Partnern. Zu Beginn der Auktion sah es gut aus für Exxon , doch dann legten die Chinesen gemeinsam mit ihrem britischen Partner BP ein neues Angebot vor. Es war um 50 Prozent günstiger als das der Konkurrenz. Kein Marktpreis, schimpfte die Konkurrenz. Aber die Chinesen bekamen den Auftrag.

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So ist es zurzeit in der irakischen Ölwirtschaft: Die Chinesen sind die größten wirtschaftlichen Profiteure der amerikanischen Invasion geworden – und der Zorn der Amerikaner wächst. "Wir opfern unser Blut, und die Chinesen bekommen die Vorteile" – so drastisch drückte es die New York Times aus. "Ich kann die internationalen Beschwerden gut verstehen", räumt selbst Yin Gang ein, ein Mittelost-Experte an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking. "Die Alliierten haben viel in den Krieg investiert, und die Chinesen bekommen die Friedensdividende."

Ohne einen Ölaufschwung gewinnt der Irak keine Stabilität

Doch die irakische Regierung kann es sich derzeit gar nicht leisten, die Alliierten bei Ölverträgen zu bevorzugen. Die Stimmung in der Bevölkerung ist zu antiamerikanisch. Stattdessen spielt das Regime in Bagdad, das über die drittgrößten gesicherten Ölreserven der Welt verfügt, China und die USA geschickt gegeneinander aus. Und das ging bisher meist zugunsten der Chinesen aus.

Allerdings steht der gerade wiedergewählte Premierminister Nouri al-Maliki selbst unter Druck. Der Irak produziert heute nur 2,4 Millionen Fass pro Tag – deutlich weniger als zu Saddam Husseins Zeiten. Doch al-Maliki hatte vor den Wahlen versprochen, in sechs bis sieben Jahren den Ertrag auf zwölf Millionen Fass zu erhöhen. Jetzt muss er liefern.

Ausländische Investoren sollen deshalb schnellstens die Infrastruktur für die Ölförderung aufbauen. Derzeit wird im Irak nur aus 2000 Quellen gepumpt – der US-Bundesstaat Texas allein besitzt über eine Million Förderanlagen. Ohne einen durchs Öl entfachten wirtschaftlichen Aufschwung aber gewinnt der Irak keine Stabilität. Schon gar nicht dann, wenn der Abzug von inzwischen fast 100.000 US-Soldaten wie geplant abläuft.

Eigentlich dachten die Amerikaner, der Aufbau der Wirtschaft sei ihre Chance. Schon bald nach Beendigung des Krieges hatte die Regierung unter George Bush mit großem Druck versucht, Verträge für Ölfelder auch ohne internationales Bieterverfahren zu bekommen. Doch selbst die amerikanischen Demokraten – damals noch in der Opposition – rieten der irakischen Regierung von dem Geschäft ab. Es könne "die politischen Spannungen vertiefen und unsere Soldaten in noch größere Gefahr bringen", sagte beispielsweise der ehemalige demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry 2008.

 

Dieser Warnung hätte es nicht bedurft. Premier al-Maliki machte ohnehin bald deutlich, dass er keiner Marionettenregierung vorstehen wolle. Er lehnte nicht nur die Forderungen der USA ab, sondern reaktivierte ausgerechnet einen alten Ölvertrag mit den Chinesen. Dieser war noch unter Saddam Hussein unterzeichnet worden, und die Amerikaner hatten ihn nach der Invasion kurzerhand storniert.

Dabei fassen die Iraker auch die Chinesen nicht mit Samthandschuhen an. "Wenn wir uns schnell einigen, können Sie gleich anfangen", lockte Ölminister Hussain al-Shahristani die Chinesen zunächst. Dann wollten die Iraker jedoch Zugeständnisse sehen. Es wurde über einen Erlass irakischer Schulden in China verhandelt – und im Juni 2007 hatte der irakische Staatspräsident Dschalal Talabani nach der Rückkehr von einem Chinabesuch eine wertvolle Zusicherung Pekings in der Tasche. China werde dem Irak 80 Prozent seiner auf über acht Milliarden US-Dollar aufgelaufenen Schulden erlassen und insgesamt 3,7 Milliarden US-Dollar in das Al-Ahdab-Ölfeld investieren.

Im Gegenzug ließ der Irak die chinesischen Ölkonzessionen wieder aufleben, wenn auch zu ungünstigeren Bedingungen. Anstatt einer Profitbeteiligung mussten sich die Chinesen nun damit zufriedengeben, technische Hilfe beim Erschließen und Fördern zu leisten, die mit einer festgelegten Summe pro Fass Öl vergütet wird. Profitbeteiligung, so der Beschluss der irakischen Führung, werde es mit ausländischen Investoren grundsätzlich nicht mehr geben.

Als der Vertrag mit den Chinesen im Herbst 2008 unterzeichnet wurde, fühlte sich die Regierung in Washington hintergangen. "Warum", fragte Frederick Kagan, Professor für Militärstrategie und Berater von George W. Bush , "wurde nach all der Hilfe, die wir dem Irak in den letzten fünf Jahren gegeben haben, das erste Ölgeschäft mit den Chinesen abgeschlossen?" Der Bruder des Außenpolitikspezialisten Robert Kagan erhielt eine lapidare Antwort vom Sprecher des irakischen Ölministeriums: "Das Geschäft war einfacher abzuschließen, weil wir nicht bei null anfangen mussten."

Ein triftigerer Grund dürfte das Rundum-sorglos-Paket gewesen sein, das die Chinesen den Irakern anbieten konnten. Neben dem Schuldenerlass liefert Peking auch noch das Kraftwerk, um aus dem in al-Ahdab gewonnenen Öl Strom zu erzeugen. Gebaut wird das 950-Millionen-Dollar-Projekt derzeit von dem chinesischen Anlagenbauer Shanghai Heavy Industries. "Das ist ein historisches Ereignis", freute sich Ölminister al-Shahristani. "Zum ersten Mal nach 30 Jahren unterstützt uns wieder ein ausländisches Unternehmen bei der Entwicklung von Ölfeldern."

Die Amerikaner ließen freilich auch nicht locker. Doch drei Monate nachdem die Chinesen im Januar 2009 ihre Arbeit aufgenommen hatten, führte ExxonMobil-Chef Rex Tillerson immer noch Gespräche mit der irakischen Regierung "über die Schaffung von Investmentbedingungen", die es Exxon ermöglichen sollten, "einer der größten Ölkonzerne im Land zu werden".

Eines war da schon klar: Das Al-Ahdab-Ölfeld war das letzte, das ohne Auktion an ausländische Investoren vergeben werden sollte. Von nun an würden die Felder meistbietend versteigert. "Damit reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass es einem bestimmten Land gelingt, Druck zugunsten seiner Unternehmen auszuüben", erläuterte Ahmed Mousa Jiyad, ein irakischer Ölberater und ehemaliger Ökonom im irakischen Ölministerium. Die Chinesen hatten je nach Entwicklungsphase für die Erschließung des Feldes noch zwischen drei und sechs Dollar pro Fass Öl bekommen. Die Iraker waren überzeugt, dass die Ausländer es auch für weniger tun würden. Und sie sollten recht behalten.

 

Doch wer hätte ahnen können, dass bei der ersten Ölfeldauktion im Juni vergangenen Jahres wieder die Chinesen siegen würden? Und dass sie sich dabei auch noch so geschickt anstellten?

Um "nicht so im Rampenlicht zu stehen", wie ein CNPC-Topmanager sagte, hatten die Chinesen dem britischen Konzern BP mit einer Mehrheit von einem Prozent die formelle Führung im Konsortium überlassen. Die Rechnung ging auf: Die Medien sprachen vom BP-Feld, die Chinesen bleiben im medialen Windschatten, wo sie sich am wohlsten fühlen. Tatsächlich jedoch sind sie als Investor und Ölkunde mit dem weltweit größten Entwicklungspotenzial der maßgebliche Ansprechpartner der Iraker. Mit BP wollen sie in den nächsten sechs Jahren 2,85 Millionen Fass Öl pro Tag fördern und 16 Milliarden US-Dollar investieren. Vielleicht schaffen sie das aber nicht, warnt Colin Lothian, Analyst beim schottischen Energieberater Wood Mackenzie: "Ein derartiges Produktionswachstum aus einem einzigen Feld hat es in der Ölindustrie kaum je gegeben."

"Zu riskant, alle wichtigen Ölfelder unter chinesische Kontrolle zu stellen"

Auch ein drittes wichtiges Feld, Halfaya, ist an die Chinesen gegangen. Ende Januar dieses Jahres unterzeichneten sie in einem Konsortium mit dem malaysischen Ölkonzern Petronas (25 Prozent Anteil) und dem französischen Konzern Total (25 Prozent) einen entsprechenden Milliarden-Deal. Für das zur Versteigerung stehende West-Qurna-Feld hatten die Chinesen ebenfalls das günstigste Angebot, "doch es wäre zu riskant gewesen, alle wichtigen Ölfelder unter die Kontrolle eines chinesischen Unternehmens zu stellen", analysiert der irakische Ölberater Mousa Jiyad. So kam im Januar endlich auch Exxon mit seinem 50-Prozent-Partner Shell zum Zug. Allerdings nur zu dem von den Chinesen in der ersten Bieterrunde gesetzten Niedrigpreis von knapp zwei US-Dollar pro Fass und bei einem Feld, das nur etwa halb so groß ist wie das größte der Chinesen.

Das kleine Majnoon-Ölfeld in der Region Basra ging weder an die Chinesen noch an die Amerikaner, sondern an ein malaysisch-französisches Konsortium. Die Italiener ersteigerten gemeinsam mit den Südkoreanern ein weiteres Feld. Und auch die Russen kamen mit den Norwegern zum Zug. Die Amerikaner waren nicht mehr im Rennen.

Jetzt wurde bekannt, dass die Verhandlungen über drei weitere kleinere Felder kurz vor dem Abschluss stehen – und dass aus ihnen wieder die Chinesen als Gewinner hervorgehen werden. Zugleich hat der irakische Ölminister angekündigt, die Öllieferungen nach China dieses Jahr auf 300.000 Fass pro Tag mehr als zu verdoppeln, so wie schon im vergangenen Jahr. Damit kaufen die Chinesen dann schon halb so viel wie die Amerikaner, etwa 14 Prozent der für 2010 geplanten Gesamtexporte des Iraks. "Das kann man auch noch steigern", sagt Ölminister al-Shahristani.