Die politischen Entwicklungen in Iran können wir nicht voraussagen, noch nicht einmal die kurzfristigen. Szenarien für einen überschaubaren Zeitraum dürften realistischerweise aber noch immer von der Islamischen Republik Iran handeln – auch wenn mit Veränderungen innerhalb des Staates zu rechnen ist. Szenarien sind keine Prognosen, sie stellen eher verschiedene mögliche Entwicklungen dar. Deshalb erklären Szenarien Politikern auch nicht, worauf sie sich vorbereiten müssen, können ihnen aber helfen, Gesichtspunkte zu berücksichtigen, die auf den ersten Blick unwahrscheinlich erscheinen.

Stark vereinfacht lässt sich sagen, dass zwei wesentliche Variablen in näherer Zukunft entscheidend sein werden. Die erste betrifft die Stärke des iranischen Regimes. Sie ergibt sich aus seiner Legitimität, seinem inneren Zusammenhalt und der Verfügbarkeit materieller Ressourcen. Die zweite Variable ist die der äußeren Konflikte, nicht zuletzt der Verlauf des Atomstreits. Stellen wir uns eine Grafik vor: Auf der horizontalen Achse bildet die Variable "Regimestärke" ein Kontinuum zwischen Konsolidierung und Fragmentierung ab, auf der vertikalen Achse reicht die Bandbreite der "äußeren Konflikte" von militärischen Auseinandersetzungen bis hin zur Konfliktbeilegung zwischen Iran und den Vereinigten Staaten. Damit ergeben sich vier Szenarien. Keines der hier vorgestellten Szenarien ist "extrem" in dem Sinne, dass es einen offenen Krieg zwischen Iran und Israel oder Iran und den Vereinigten Staaten unterstellt. Denn hier sollen die kommenden eineinhalb bis zwei Jahre in den Blick genommen werden – und das ist ein Zeitraum, in dem alle wichtigen Akteure noch viele andere Optionen ausprobieren werden. Wie also könnte sich die Lage bis 2011 entwickeln?

Szenario 1: Wagenburg

In diesem Frühjahr wird klar, dass ein Nuklearabkommen nicht zustande kommt. Iran hat den von der sogenannten 5-plus-1-Gruppe (die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Deutschland) und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) vorgelegten Vorschlag zum Tausch iranischen Urans gegen Brennstäbe für den Versuchsreaktor in Teheran abgelehnt; die USA erklären iranische Gegenvorschläge für inakzeptabel. China ist schließlich bereit, eine relativ milde neue Sanktionsresolution im UN-Sicherheitsrat mitzutragen. Die beschlossenen Maßnahmen beziehen sich vor allem auf Wirtschaftskontakte mit iranischen Unternehmen, die direkt am Ausbau der Nuklearanlagen beteiligt sind. Darüber hinaus kündigen die USA und die Europäische Union an, dass sie ihren Handel mit Iran weiter zurückfahren werden; Russland hält stillschweigend Waffenlieferungen zurück. China gibt zu Protokoll, dass man weiter Spielraum für eine Verhandlungslösung sieht und dass nicht unmittelbar "proliferationsrelevante" Sanktionen auch in näherer Zukunft keine Option seien. Allerdings erklärt das chinesische Ölunternehmen Sinopec, dass es einen früher geschlossenen Vertrag über den Bau einer Erdölraffinerie in Iran nun doch nicht einhalten könne.

Als Iran gegen Ende des Jahres bekannt gibt, dass man in der neuen Anreicherungsanlage in Fordo in der Nähe der Stadt Qom eine erste Kaskade von Zentrifugen installiert habe und im März 2011 einen Probelauf unternehmen werde, einigt der Sicherheitsrat sich rasch auf eine weitere Sanktionsresolution. Neue, schärfere Sanktionen betreffen die iranische Schifffahrt und den Luftverkehr und untersagen bestimmte industrielle Ausfuhren nach Iran. Dies bringt die iranische Ökonomie zwar nicht zum Stillstand, bedeutet aber schwere Belastungen für die Privatwirtschaft und fördert illegalen Handel, der zum größten Teil von einer Gruppe innerhalb der Revolutionären Garden kontrolliert wird.

Präsident Mahmud Ahmadineschad hatte ursprünglich beabsichtigt, ein Abkommen mit der 5-plus-1-Gruppe zu schließen. Eine Verständigung mit der internationalen Gemeinschaft, insbesondere mit den USA, hätte ihm geholfen, einen Teil der innenpolitischen Akzeptanz zurückzugewinnen, die er durch die Niederschlagung der Proteste nach den Präsidentschaftswahlen 2009 verloren hatte. Außenpolitische Entspannung hätte zudem die schwierige wirtschaftliche Lage verbessern können. Nach dem Scheitern der Verhandlungen ändert er seinen Kurs jedoch. Er hat verstanden, dass seine Gegner in der politischen Elite ihm einen solchen Erfolg nicht erlauben werden. Deshalb spielt er nun die populistische Karte. Damit hat er durchaus Erfolg: Die Führer der Opposition und seine Gegner innerhalb der konservativen Elite erklären ihre Solidarität mit der Regierung, dies insbesondere nachdem der israelische Ministerpräsident mit militärischen Angriffen gegen Iran gedroht hat.

Dass sich die Opposition im Namen der nationalen Einheit hinter die Regierung stellt, hat noch einen weiteren Grund. In Iran wächst zum einen die Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten und andere westliche Mächte hinter wiederholten gewaltsamen Vorfällen in der Region Balutschistan stecken. Zum anderen macht man Präsident Obama den Vorwurf, seine anfänglichen Bemühungen um eine gerechte Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts wieder aufgegeben zu haben. Massendemonstrationen zur Verteidigung der Islamischen Republik gegen Bedrohungen aus dem Ausland scheinen den Geist patriotischer Einheit widerzuspiegeln. Zugleich stagniert die Zahl der tatsächlich arbeitenden Zentrifugen in der iranischen Atomanlage Natans. Vorschläge aus der Türkei und aus China, zum Zwecke der Vertrauensbildung doch auch öffentlich zu erklären, dass man das Nuklearprogramm oder zumindest dessen Ausbau temporär einfriere, werden allerdings ignoriert.

Eine unerwartete Entwicklung in diesem Szenario wäre ein begrenzter israelischer Luftschlag, der den Anreicherungsprozess in Iran eine Zeitlang unterbrechen würde. Wahrscheinlich dürfte Washington die israelische Führung allerdings davon abhalten. So oder so: Anfang 2011 scheint eine größere Konfrontation in der Luft zu liegen. Die Iraner fühlen sich zunehmend isoliert, weil ausländische Investoren um ihr Land einen großen Bogen machen. Die Opposition aber sieht sich gezwungen, die Reihen mit der Regierung zu schließen. Die innere Lage scheint stabil.