Zwischen Seminartischen sitzt Hilary Hahn in einem schlecht geheizten Tagungsraum der Stuttgarter Liederhalle. Die Geigerin hat den Mantel beim Gespräch an, die Hände hält sie zwischen die Oberschenkel geklemmt. Ihr ist kalt. Sie hat Magenprobleme. Die transatlantischen Flüge der letzten Wochen sitzen ihr noch in den Knochen. Aber Hilary Hahn ist perfekt darin, sich selbst in die Pflicht zu nehmen. Sie wirkt konzentriert über alle Unpässlichkeit hinweg. So hat sie es weit gebracht. Mit drei Jahren begann sie Geige zu spielen. Mit 15 Jahren wurde sie als Jahrhunderttalent gehandelt. Mit 30 Jahren gehört sie zu den besten Geigerinnen der Welt.

DIE ZEIT:
Frau Hahn, Sie haben gerade eine CD mit Kantaten-Arien von Bach veröffentlicht. Es findet sich darin eine Arie aus der Kantate Ich bin in mir vergnügt. Können Sie das auch von sich behaupten: Ich bin in mir vergnügt?

Hilary Hahn: Ehrlich gesagt, habe ich die Worte bisher noch nicht auf mich bezogen.

ZEIT: Die Kantate handelt von der Zufriedenheit, die der Mensch erlangt, wenn er für höhere Werte lebt. Der Sopran singt: "Bei dem kehrt stets der Himmel ein, der in der Armut reich kann werden."

Hahn: Mich beschäftigt mehr die Frage, wie das auf der Geige klingen soll. Man muss den Sinn ja auf sein Instrument übertragen.

ZEIT: Und wie muss das klingen: jubilierende Freude in protestantischer Demut?

Hahn: Schwer zu sagen. Es ist beides möglich, man kann die Freude herausstellen oder die Umstände, in die sie eingebettet ist. Es geht bei Bach immer darum, eine Balance finden.

ZEIT: Bachs Musik begleitet Sie von klein auf. Als Sie 18 Jahre alt waren, gaben Sie Ihr CD-Debüt mit einer spektakulären Einspielung der Solowerke von Bach. Warum haben Sie sich jetzt ausgerechnet Arien aus Kantaten und Oratorien vorgenommen?

Hahn: Ich wollte unbedingt etwas gemeinsam mit Sängern machen, weil man von ihnen so wahnsinnig viel lernen kann. Phrasierung, Atmung, Artikulation – Sänger denken über diese Dinge vollkommen anders nach. Davon profitiert man als Geiger sehr.

ZEIT: Sind die ausgewählten Stücke Ihre Lieblingsarien?

Hahn: Nein. In erster Linie haben die Sänger die Auswahl getroffen, Christine Schäfer und Matthias Goerne. Ich wollte das nicht selbst bestimmen. Wenn man mit Sängern zusammenarbeitet, ist es wichtig, dass sie einen Bezug zu den Arien haben.

ZEIT: Bewegen Sie sich auch sonst gerne in der Welt des Gesangs? Gehen Sie viel in die Oper?