Es ist eines dieser modernen Märchen, die an den digitalen Lagerfeuern der Internetgemeinschaften die Runde machen. Es handelt von einer mit der Waffe in der Hand verfassten Rebellenmusik. Seine Helden sind geheimnisvolle Söhne der Wüste, die ihr Gesicht hinter Schleiern verbergen, als seien sie einer alten Erzählung entsprungen. Weitere Zutaten: ein magischer Gitarrenstil, dessen Geheimnis von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird, sowie eine Begegnung in der Sahara, wo zivilisationsmüde Rockstars aus dem Westen die Hüter dieses musikalischen Schatzes aufgespürt haben sollen. Es war einmal in Nordafrika…

Tamikrest heißt die Band, der der Ruf einer abenteuerlichen Truppe vorauseilt, noch bevor sie auch nur ihren Fuß auf europäischen Boden gesetzt hat. Vor vier Jahren, heißt es, liefen sich der lockige Frontmann Ousmane Ag Mossa, sein Freund Cheikh Ag Tigly und diverse Mitstreiter erstmals über den Weg. In Kidal, einer Provinzhauptstadt im Nordosten Malis, an der Grenze zu Algerien gelegen, probten sie erste Stücke ein. Zwei Jahre später traten sie schon beim berühmten Festival au Désert auf, das zur Feier der Tuareg-Kultur 2001 ins Leben gerufen wurde und seitdem Besucher aus aller Welt anzieht. Dort kam es zu jener schicksalhaften Begegnung, welche den Leumund der jungen Band jetzt weit über ihre Heimatregion in der Sahara hinaus trägt.

Der Bandname Tamikrest bedeutet auf Tamashek – so heißt die Sprache der Tuareg – so viel wie Bündnis oder Treffpunkt. Man kann das auf vielfältige Weise verstehen, denn die Grenzstadt Kidal, die vor hundert Jahren von französischen Kolonialbeamten als Militärstützpunkt in den Wüstensand der Sahara gesetzt wurde, gilt heute nicht nur als Heimat vieler sesshaft gewordener Tuareg-Nomaden, sondern auch als Knotenpunkt für den Schmuggel von Zigaretten, Cannabis, Waffen oder Armutsflüchtlingen, die weiter nach Europa wollen. Für den 27-jährigen Ousmane Ag Mossa und seine Band Tamikrest aber ist Kidal einfach ihr Basislager, verschlug es sie doch ursprünglich aus ganz verschiedenen Himmelsrichtungen in dieses Provinznest. Nun bilden sie die jüngste Garde eines Genres, das man als Tuareg-Rock beschreiben könnte.

 

Die Geschichte dieses Musikstils beginnt Anfang der achtziger Jahre in einem militärischen Ausbildungscamp, das der libysche Diktator Gadhafi im Süden seines Landes einrichten ließ. Er rekrutierte dort junge Tuareg, die vor der Dürre und dem politischen Druck in Nachbarländern wie Niger und Mali gen Norden geflohen waren, wo sie sich als Tagelöhner ohne Perspektive verdingten. Gadhafi wollte aus ihnen eine schlagkräftige Söldnertruppe schmieden, um seine territorialen Ambitionen im Tschad und anderswo zu verwirklichen, und setzte dabei auf den legendären Ruf der Tuareg als ritterliche Kämpfer auf dem Kamel. Ein paar junge Tuareg-Musiker taten sich damals zusammen und verfassten zur Gitarre aufrührerische Songs. Sie warben damit für die politischen Ziele einer Rebellengruppe, die für die einstigen Wüstennomaden einen eigenen Staat forderte. Auf ihren Gitarren verwoben sie traditionelle Weisen mit Mustern des westlichen Rock’n’Rolls und gedehnten Reggae-Rhythmen zu einem erdigen und sehr eigenen Stil. Auf Kassetten machten ihre Aufnahmen die Runde, und als im Juni 1990 eine Tuareg-Revolte losbrach, hatte sich ihr Ruhm überall dort herumgesprochen, wo Angehörige ihres Volks siedelten, von Algerien über Mali und Niger bis nach Burkina Faso. Ihre Lieder wanderten von Zelt zu Zelt und von Stadt zu Stadt, in der Tradition der Poeten und Geschichtenerzähler. Der Name dieser legendären Gruppe lautete Tinariwen, was in der Sprache der Tuareg so viel wie "leerer Ort" bedeutet und auf ihre Herkunft aus der Wüste verweist.

Ein Gesang wie dieser konnte nur in der Sahara entstehen

Solche romantischen Erzählungen sind der Stoff, aus dem heute Weltmusik-Karrieren gemacht werden. Und so war es nur eine Frage der Zeit, dass eine global vernetzte Musikhörerschaft auf die Männer und Frauen von Tinariwen aufmerksam wurde. In indigoblaue Gewänder gehüllt, die Männer mit Turban und obligatorischem Gesichtsschleier, bereicherten Tinariwen zu Beginn des neuen Jahrtausends erstmals europäische Konzertbühnen und Festivals mit ihrer exotischen Erscheinung. Ihr energischer Bluesrock klang vertraut und doch seltsam fremd, er übte einen hypnotischen Sog aus, dem sich selbst mancher traditionelle Rockfan nicht entziehen konnte. Seither haben Tinariwen vier CD-Alben veröffentlicht, das jüngste erst im vergangenen Herbst, und mehrfach die Besetzung gewechselt. Doch ihr Ruf als Pioniere des Tuareg-Blues bleibt unbestritten.

Auch die Musiker von Tamikrest sind, wie alle Tuareg-Jugendlichen ihrer Generation, mit der Musik von Tinariwen aufgewachsen. Nun treten sie in die Fußstapfen ihrer großen Vorbilder. Behilflich sind ihnen dabei jene Musikprofis, die sie beim Festival au Désert in den Dünen von Essakane bei Timbuktu kennengelernt haben. Chris Eckman, Mitbegründer der alternativen Rockband The Walkabouts, und seine Freunde waren dort auf die Jungs um Ousmane Ag Mossa gestoßen und hatten sich mehrere Tage lang in einem Zelt gegenseitig Lieder vorgespielt. Die Musiker aus dem Westen waren so fasziniert von der spontanen Begegnung, dass sie sich ein gutes Jahr später in Bamako, der gut zwei Tagesreisen von Kidal entfernten Hauptstadt von Mali, wiedertrafen, um dort in einem Studio professionell aufzunehmen. So entstand neben einem neuen Album von Chris Eckmans aktueller Band Dirt Music Adagh, das erste Album von Tamikrest.

 

Seit Ry Cooder sich mit dem – inzwischen verstorbenen – Afroblues-Gitarristen Ali Farka Touré zum musikalischen Pow Wow in Mali traf, hat sich dieses Prinzip eingebürgert: Musikalische Globetrotter suchen in möglichst entlegenen Gefilden nach neuer Inspiration. Sie betätigen sich gleichsam als Entwicklungshelfer, indem sie bislang kaum bekannte Drittweltmusikern zu einem internationalen Publikum verhelfen. Man sollte dieses Prinzip nicht vorschnell verdammen, denn es handelt sich um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, dem die Welt so hervorragende Produktionen wie Ry Cooders grammygekröntes Gitarrenduett Talking Timbuktu zu verdanken hat. Nun also "Talking Tamashek", wobei streng genommen nur das Album BKO von Dirt Music eine musikalische Kooperation darstellt: Hier fließen dezente nordafrikanische Muster in einen ansonsten nach bekannter Manier vor sich hin rumpelnden Bluesrock ein. Auf Adagh, dem Debüt von Tamikrest, hielt sich Chris Eckman zurück und beschränkte sich auf den Platz hinter dem Mischpult.

Seiner behutsamen Produktion ist es zu verdanken, dass die gedehnten, tranceartigen Melodien in ihrer Kargheit erhalten blieben. Alles dreht sich um drei mal konkurrierende, mal einander anfeuernde Gitarren und einen grummelnden Bass, im Hintergrund sind Freudentriller und ein paar verstreute Trommeln zu hören. Über allem aber liegt ein klagender Gesang, wie er so nur in der Wüste entstehen konnte. Vom rauen Leben in der Sahara handeln die Songs, von der Trockenheit und Weltabgeschiedenheit. Sie sind Ausdruck des Aufbegehrens gegen die Zentralregierung in Bamako und Medium eines brennenden Wunsches nach Unabhängigkeit. Letztlich handeln sie aber auch von einer Welt im Wandel. Früher wurde bloß mit der Waffe gekämpft, heute auch mit den Mitteln des Songs.

In den vergangenen Jahren sind die Kämpfe in der Region um Kidal wieder aufgeflackert, derzeit herrscht dort ein brüchiger Friede. Anders als ihre Vorgänger Tinariwen jedoch haben die Mitglieder von Tamikrest in Wahrheit nie ein Gewehr in die Hand genommen. Ihr Ausdrucksmittel ist, wie für andere Jugendliche auf der Welt auch, der Rock. Mit Adagh legen sie ein Album vor, das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Dass darin das Echo eines schwelenden Konflikts erklingt, wird ihrem Erfolg beim westlichen Publikum aber nicht abträglich sein. In Zeiten gecasteter Reißbrettbands ist nichts so begehrt wie eine aufregende Geschichte. Und aufregende Geschichten haben diese Rockrebellen aus der Wüste wahrlich genug zu bieten.

Tamikrest: Adagh;
Dirt Music: BKO
(beide Glitterhouse/Indigo)

Tourdaten (mit beiden Bands): 14.5. Berlin, 17.5. Gent, 19.5. London, 22.5. Beverungen, 23.5. Ulm, 26.5. Zürich