Zweihundert strahlende Gesichter sind auf einer ganzseitigen Zeitungsanzeige zu sehen – junge Frauen und Männer in Urlaubslaune. Es sind Privatfotos von Angestellten, mit denen Italiens zweitgrößtes Telekommunikationsunternehmen Fastweb wirbt. "Wir sind ehrliche Menschen, wir haben nichts zu verbergen", sagen die Angestellten in der Werbung. Und: "Wir sind Fastweb, glaube uns." Es ist der verzweifelte Versuch, ein verloren gegangenes Gut wiederzuerlangen: Glaubwürdigkeit. Denn Fastweb und sein größerer Konkurrent Telecom Italia werden seit Wochen von einem Skandal ungeheuren Ausmaßes erschüttert. Täglich werden aus der akribischen Ermittlungsarbeit römischer Staatsanwälte und ihrem 1600 Seiten starken Bericht neue, beunruhigende Details bekannt.

Für die kalabrische Mafiaorganisation ’Ndrangheta sollen die Telekommunikationsunternehmen 2,2 Milliarden Euro gewaschen und weitere Handlangerdienste übernommen haben. Außerdem wird vermutet, dass sie 365 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Noch nie standen international verzweigte Unternehmen dieser Größe unter dem Verdacht, gemeinsam schmutzige Geschäfte mit der Mafia betrieben zu haben. Die Affäre wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf Italien. Auch das Image der Schweiz und Spaniens leidet, denn den Mehrheitsanteil von Fastweb hält die Schweizer Swisscom, und an der ehemals staatlichen Telecom Italia ist die spanische Telefonica beteiligt. Zu einer Fusion der Telekommunikationsriesen aus Spanien und Italien wird es nun wohl nicht mehr kommen.

Die dunklen Geschäfte von Fastweb und Telecom beschädigen den Ruf Italiens in einem sensiblen Moment. Der Export und die Investitionen ausländischer Unternehmen in Italien sinken, die Arbeitslosenzahl und die Staatsverschuldung steigen.

Dann ist da noch eine hässliche Korruptionsaffäre: Politiker, Unternehmer und Funktionäre des Zivilschutzes sollen sich an staatlichen Großaufträgen wie dem G-8-Gipfel und dem Wiederaufbau des Erdbebengebiets von L’Aquila bereichert haben. Angesichts dieser Ereignisse sprechen Beobachter von einer Neuauflage von "Tangentopoli" (tangente ist italienisch für "Schmiergeld") – einem früheren Korruptionssumpf, in dem 1992 Großunternehmer und Traditionsparteien versanken.

Die Affäre Telecom/Fastweb erscheint wie ein weiteres Zeichen dafür, dass in Italien etwas außer Kontrolle geraten ist: Selbst vermeintliche Konkurrenten sind keine mehr, wenn die Mafia die Geschäftspraktiken diktiert. Und zwar nicht mit Einschüchterung oder Gewalt, sondern schlicht, indem sie die Gier betrügerischer Manager befriedigt.

Im Zentrum des Betrugs steht der römische Geschäftsmann Gennaro Mokbel. Der inzwischen inhaftierte 50-Jährige besaß zwar nie ein größeres Unternehmen, dafür aber beste Kontakte in die Unterwelt. Sein Bekanntenkreis reichte nach Erkenntnissen der Ermittler von Rechtsterroristen über die Hauptstadtmafia Banda della Magliana bis zur ’Ndrangheta. Ebenso soll er Kontakt zu einigen Telekommunikationsmanagern gehabt haben. Für seine Geschäftspartner von der Telecom-Tochter Telecom Sparkle und von Fastweb organisierte Mokbel angeblich ein vermeintlich perfektes Betrugssystem über fingierte Telefondienste und nicht existente Telefonkarten, Briefkastenfirmen im Ausland und Auslandskonten. In neun Ländern wurden die Ermittler fündig, darunter in San Marino, dem chinesischen Hongkong und auf den Seychellen. Auch über Konten in Wien soll Schwarzgeld geflossen sein. Die ’Ndrangheta wusch so einen Batzen Geld rein, die Partner aus den legalen Unternehmen steckten sich einen Teil in die eigene Tasche, den größeren Part jedoch verbuchten sie in den Bilanzen.