Roland Büchner sitzt am Flügel, ein paar Minuten vor der Konzertprobe der Regensburger Domspatzen studiert der Chorleiter mit Linus die Phrasierung eines Soloparts ein. Der Knabe steht kerzengerade, die Hand aufs Zwerchfell gelegt. Ein ums andere Mal wiederholt er die schwierigen Melodiebögen, die ihm Fritz Schieris Cantus Horche auf, o Himmel in höchsten Stimmhöhen abverlangt. Engelsgesang erfüllt den lichten Probenraum im Dachgeschoss, von wo aus der Blick über Regensburgs Kirchturmspitzenvielfalt und, aus ihrer Mitte ragend, die mächtige Kathedrale schweift.

Klangbeseelt sind Roland Büchners Züge, doch sieht man ihm den inneren Aufruhr dieser Tage an. Wie gern würde er alles vergessen, was da draußen, außerhalb seiner passionierten musikpädagogischen Arbeit, gerade geschrieben und geredet wird. Für den Kirchenmusiker ist die Leitung der traditionsreichen Domspatzen, die er 1994 übernahm, die Krönung seiner Biografie. Und nun steht sein Konzertchor, einer der herausragenden der Welt, im Zentrum der Diskussion um die immer neuen Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Nun stehen über Domspatzen-Artikeln Schlagzeilen wie Knaben-Harem.

Das liegt nicht nur an der Prominenz des Chors, sondern auch an der extremen Fallhöhe: von der heiligen Schönheit der Stimmen hinab in die Untiefen schwüler und gewalttätiger Übergriffe auf wehrlose Jungen. Vor allem aber heißt Roland Büchners Amtsvorgänger Georg Ratzinger, und der mittlerweile 86-jährige frühere Domkapellmeister ist der Bruder des Papstes. Was ist unter seiner Ägide alles geschehen? Wie viel wusste er, und wie viel wurde auch im "geschwisterlichen Verhältnis" geredet, wie man den kurzen Weg nach Rom bei den Domspatzen nennt? Die Nähe zum Heiligen Stuhl steigert die Brisanz jeder Einzelheit, die ans Tageslicht kommt.

Zudem werden unter Gerhard Ludwig Müller, einem von Deutschlands konservativsten Bischöfen, die politischen Auswirkungen der Missbrauchsskandale noch schärfer sichtbar: die Kollateralschäden einer Aufklärung, die manchmal allzu aufgeregt geschieht. Der veraltete Klerus schottet sich forsch und verunsichert zugleich vor den Opfern ab. Und seine Autorität schwindet.

Wer all das zu ordnen versucht, was in der Stadt geschah, wird zunächst auf einen unerwarteten Ort verwiesen: das Theater. Hier wurde die jüngste Skandallawine Mitte Februar losgetreten. Auf dem Spielplan steht Felix Mitterers Missbrauchs-Stück Die Beichte . In dieser quälend dichten Wiederbegegnung eines katholischen Priesters mit seinem einstigen Zögling stößt der Täter, seine Schuld kalt verdrängend, hervor: "Unzählige Kinder haben so etwas erlebt und sind ganz normale Erwachsene geworden…" Immer wenn dieser Satz falle, sagt Friederike Bernau, die Chefdramaturgin, "zeigen die Atmungsreaktionen im Publikum: Hier sitzen auch Menschen, die so etwas selbst erlebt haben."

Ehemalige Sänger erinnern sich an "Frühformen von Folter"

Zwei Fälle im Bistum Regensburg haben den Anstoß zur Inszenierung gegeben: 2004 war ein Priester in der Oberpfalz der Pädophilie überführt worden, nachdem ihn die Kirche aus dem gleichen Grund schon einmal versetzt hatte. 2008 wurde ein weiterer Geistlicher im nahen Riekofen verurteilt, auch er ein kirchlich gedeckter Wiederholungstäter. Dennoch habe sie keineswegs allein die katholische Kirche kritisieren wollen, betont Friederike Bernau: "Wir möchten allen Opfern eine Stimme verleihen, auch denen, die in Jugendgruppen, Sportvereinen oder ihrer Familie ähnlich Schlimmes erlebt haben." Schon vor der Premiere zeigte das Theater als moralische Anstalt Wirkung. Als ein Schauspieler im Radiointerview sagte: "Ich weiß, wovon die Rede ist", horchten die Journalisten auf – und wurden bei ehemaligen Domspatzen fündig.