Es gehört zum Wesen des Patriarchats, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Spätwerk Die männliche Herrschaft analysiert, dass das Patriarchat sich nicht bekennt, gerade in diesem Schweigen liegt seine Macht. Männlichkeit steht, im doppelten Sinne, nicht zur Diskussion. In dieser Koppelung von Macht und Schweigen findet sich eine beklemmende Nähe zum Geschehen des Missbrauchs. Denn auch die missbrauchende Beziehung verschweigt immer die Macht, die sie ausübt.

Der missbrauchende Erwachsene ist, sagt uns die Sexualforschung, von einer Störung der sexuellen Orientierung getrieben, auf minderjährige Sexualpartner aus. Den Begriff Krankheit vermeiden Psychiater, weil er die Möglichkeit einer Heilung suggeriert. Pädophilie, was im engeren, medizinischen Sinne nur die Fixierung auf vorpubertäre Kinder meint, ist wie Sucht und nicht zuverlässig durch Kontaktvermeidung eindämmbar, die Rückfallquoten reichen bis über 50 Prozent. Im Kern handelt es sich um eine narzisstische Prägung, die im anderen nur das eigene Begehren erkennen kann. Weshalb es zum Standardrepertoire der Kinderschänder gehört, das eigene Handeln damit zu entschuldigen, das Kind habe es doch gewollt. Der Satz des Pädagogen Hartmut von Hentig, mit dem er seinen Partner Gerold Becker, den beschuldigten früheren Direktor der Odenwaldschule, in Schutz nehmen will, dass Becker womöglich selber verführt worden sei, rückt beide in die Nähe der schlechten Gesellschaft, die sich in Internetforen mit solchen Verniedlichungen beweint. In Wahrheit geht es um den machtvollen Zugriff auf jemanden, der unterlegen ist. Selten drohend. Da würden Kinder ja davonlaufen. Meistens lockend, werbend, mit Geschenken, Liebesschwüren, wie der Name Kinderverführer sagt.

Der Kinderschänder verführt mit einem Gut, an dem es nicht nur Kindern oft mangelt – Nähe. Bedeutung. Er verführt Jungen vor allem mit Männlichkeit – wonach lechzen sie mehr in einer Gesellschaft der allzu oft abwesenden Väter? Nach der Nähe zum Fußballtrainer-Gott, zum heiß geliebten Pater, dem charismatischen Lehrer.

Das Kind findet sich in der Nähe zum Mann erhöht und endet in der Erniedrigung als Sexboy. Es wird mit Zuneigung zugeschüttet und darunter erdrückt. Der Missbrauch liege in der Verwirrung, die all das in der Seele des Kindes anrichtet, schreibt der Missbrauchsexperte Manfred Karremann in seinem Buch Es geschieht am helllichten Tag über die Verborgene Welt der Pädophilen. Der Gestus des Pädophilen mit der sich als Zärtlichkeit tarnenden aggressiven Zudringlichkeit, schrieb der Sexualforscher Gerhard Amendt in einem Aufsatz, sei immer zerstörerisch für das Kind, auch wenn der Pädophile das leugne. Er leugne die Trennung zwischen Erwachsenem und Kind und untergrabe so dessen Möglichkeit, aus dem Schatten der Eltern herauszutreten in die eigene Zukunft. Nein, es geht nicht darum, "moralische Barrikaden" zu errichten, wie der Autor Adolf Muschg jüngst in Verteidigung Beckers behauptet. Sondern darum, zu erkennen, dass Pädophile, so Amendt, "den wahnhaften Wunsch nicht aufgeben, alle Orte dieser Welt zugleich zu beherrschen: Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Gespiele und Lehrer gleichzeitig sein. Dieser Größenvorstellung stehen Grenzen und Generationenfolgen als Hindernisse entgegen – eben das, was Kultur ausmacht."

Kinder können gegen die gewalttätigen Zusammenhänge nicht antreten, denen sie ausgeliefert sind. Da ist die Scham des Opfers. Das Opfer verstrickt sich in eine Gefolgschaft mit seinem Missbraucher, der sich als sein Wohltäter gibt. Das Opfer fühlt sich mitschuldig und, wenn es spricht, als Verräter. Auch seiner selbst. Der Zugriff des Missbrauchers hat das männliche Kind, dessen Sexualität noch unbestimmt ist, zum Schwulen gestempelt, darin müsste es sich nun outen. Gewalterfahrung, so hat es der Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma als Opfer einer Entführung formuliert, ist "aus der Welt fallen". Das Trauma, das ein Leben lang das Opfer beherrschen könne, bestehe darin, "dass die Erfahrung des Nicht-für-möglich-Gehaltenen nicht aus dem Leben verschwindet". Und wer wäre dieses aus der Welt gefallene Geschöpf, um anzutreten gegen die mächtigen Institutionen der Welt, den Chor mit seiner großartigen Tradition, die Heilsgeschichte der Reformpädagogik?

Je mächtiger die Bedeutung der Institution aufragt, umso nichtiger ist der Mensch in seinem Schatten, umso mehr das erniedrigte Kind. Die Institutionen wehren sich gegen jede Behauptung, die ihre Unantastbarkeit in Zweifel zieht. Sie können darin auf die Verteidigung aller zählen, die diese mit einem Vorschuss an Vertrauen ausgestattet haben: die Gläubigen ihre Kirche, Eltern das renommierte Internat, dem sie ihre Kinder anvertrauen, Zöglinge des Internats, die wie die ehemalige Odenwald-Schülerin Amelie Fried meinen, ihm eine tolle Kindheit zu verdanken, jetzt mal abzüglich des Missbrauchs. Diesen Wunsch-Raum verteidigen sie erbittert. Warum? "Vertrauen erträgt weder Ambivalenz noch Unklarheit", schreibt Reemtsma in Vertrauen und Gewalt. Lieber opfert man die Knaben. Auch deshalb gehört Missbrauch zu den schlecht kontrollierten Delikten, die Kriminalforschung geht davon aus, dass 90 Prozent nicht zur Anzeige gelangen, ungesühnt bleiben.

Bleibt die Frage, warum eine Gesellschaft, die sich so erfolgreich als Patriarchat behauptet, mit ihren arrondierten Männergruppen an allen Schaltstellen der Macht, so hilflos darin erscheint, ausgerechnet das männliche Kind vor dem pädophilen Zugriff zu schützen. Vielleicht ist das nur zu verstehen als Abwehr des homophilen Elements, das sich in jeder Männergruppe findet, welche sich nach dem narzisstischen Prinzip der Ähnlichkeit zusammenrottet, was noch jedes Foto einer Vorstandssitzung gnadenlos outet. Das hat jetzt sogar die Telekom verstanden und eine Frauenquote eingeführt. Die Männergruppe, so Bourdieu, schottet sich ab, zum eigenen Machterhalt wie zur gegenseitigen Versicherung der Männlichkeit. Sie weiß um die fragile Künstlichkeit ihrer Macht. Deshalb die frenetische Abwehr gegen eindringende Weiblichkeit – oder den Verdacht der Homoerotik, der einer Männergruppe immer anhaftet. Es geht um die eigene Deckung, koste es, was es wolle. Was die Opfer betrifft, ist folgerichtig nun von Entschädigungszahlungen die Rede.