Mittwoch, 17. Februar

Warum soll ausgerechnet ich Tagebuch führen? Ich beute doch sowieso schon mein ganzes Leben aus, das ist alles Stoff. Ich schreibe sowieso zu viel.

Was ist das für eine literarische Form? Eine pseudointime, letzten Endes veröffentlichen sie ja dann doch alle ihre Tagebücher. Da wird man die ganz großen Schweinereien und die Peinlichkeiten wohl aussparen. Ein ehrliches Tagebuch würde ich gern lesen, schreiben möchte ich es nicht unbedingt.

Man belügt sich auch selber ganz gern, man macht sich Illusionen, man ist selbstgerecht. Muss man das auch noch aufschreiben?

Im Gegensatz zur Kolumne braucht man keine Pointe, kein Kreis muss sich schließen, es gibt keine formalen Vorgaben. Das immerhin.

Wie lange werde ich das überhaupt noch machen? A. sagt, dass ich jetzt ein paar Jahre lang nur noch Reportagen, Essays und literarische Texte veröffentlichen soll. Das Kolumnenzeug ganz lassen. Nichts Lustiges mehr. Klingt verlockend. Aber Roy Black hat ja auch immer weitergesungen.

Vielleicht hängt meine Negativstimmung mit der Berlinale zusammen, jeden Tag ein oder zwei lockere Texte, man kann niemandem, der das nicht kennt, begreiflich machen, wie sehr das auslaugt. Man hasst und liebt das wahrscheinlich auf die gleiche Weise, auf die ein Kumpel das Bergwerk hasst und liebt. Und dabei noch ein schlechtes Gewissen zu haben, weil andere viel mehr produzieren und man doch eigentlich, objektiv betrachtet, ein prima Leben hat. Vier, fünf Stunden am Schreibtisch, hey, mehr isses doch nicht, bloß dass die Energie abends nur noch zum Schlafen und zum Trinken reicht. War bei Roy Black sicher ähnlich.

Donnerstag, 18. Februar

Jud Süß von Oskar Roehler. Wurde beim Festival ausgebuht. Nach Inglourious Basterds geht so was gar nicht mehr – diese Naziklischeechargen, die böse mit den Augen rollen. Entweder macht man das richtig und macht das Klischee als Klischee kenntlich, wie Tarantino, oder man zeigt echte Menschen.

Dieser billige Pseudomoralismus solcher Filme. Leute, die in gestreiften Häftlingskostümen vor einem Ortsschild "Auschwitz" ihre eigenen Gräber ausheben müssen. Und zufällig kommt natürlich ein Ufa-Schauspieler, die Hauptfigur, spazieren gehend vorbei. Aus dramaturgischen Gründen. Damit man seine Verdrängungsleistung irgendwie ins Bild kriegt.

Ich würde gerne mal Leuten wie meinem Opa im Kino begegnen. Sympathischen, gutherzigen Leuten, keinen Monstern, die von Hitler begeistert sind, weil sie glauben, dass er ihnen ihre Würde zurückgibt. Bis 1939 war das noch eine Diktatur wie andere auch, dass "Auschwitz" kommt, konnte man 1939 tatsächlich nicht ahnen, so etwas hatte es ja noch nie gegeben (einerseits war der Nationalsozialismus "historisch einmalig", andererseits soll jeder in der Lage gewesen sein, ihn von Anfang an zu durchschauen).

Ich habe in den Siebzigern so viele gekannt, die dafür waren, aus politischen Gründen Leute umzulegen. Das war eine völlig normale Position – revolutionäre Gewalt! Lenin! Ansonsten: nette Leute, Freunde. Hätten sie’s auch gemacht? Einige bestimmt.

Mir tun bei so etwas immer die Schauspieler leid, vor allem Martina Gedeck. So eine Sexszene, Intimität, Entblößung, in einem Scheißfilm, das muss wehtun.

Online haben sie die Radfahrerkolumne herausgenommen. Soll ich mich beschweren? Da ist ein Text mal ein bisschen kontrovers, und er wird, natürlich ohne dem Autor etwas zu sagen, aus dem Netz genommen. P. sagt, ich dürfe mir das nicht gefallen lassen, jeder merke außerdem, dass in der Abfolge der Kolumnen eine Lücke klafft, jeder frage sich: Wieso? Hat er zum Umsturz aufgerufen? Aber ich bin zu müde. Nächste Woche beschwere ich mich bei der ganzen Welt.