Der liebe Besuch verspätet sich, wird erst am Nachmittag kommen. Aber dann ist niemand mehr zu Hause. Dass der Schlüssel nicht schon am Morgen vorsorglich unter dem Blumenkübel oder der Fußmatte deponiert wurde, erweist sich jetzt als Problem. So eine Situation könnte sich in Zukunft ganz einfach lösen lassen: Ein Hausschlüssel wird Gästen per SMS zugeschickt. Wie einfach das geht, demonstriert die Informatikerin Birgit Wilkes von der Technischen Fachhochschule Wildau in Brandenburg zusammen mit der kleinen Berliner Softwarefirma elegate.

"Als Schlüssel kann jedes neuere Handy mit Farbdisplay dienen", sagt Wilkes, "das Schloss muss sich elektrisch öffnen lassen und mit einem kleinen Farbtemperatursensor ausgerüstet werden. Mehr ist nicht nötig." Der Schlüssel, den der Besucher als SMS erhält, ist nichts als eine Abfolge von Buchstaben und Ziffern. Im Telefon errechnet ein kleines Programm daraus einen Farbcode, der als kurzes Filmchen über den Bildschirm flimmert. Der Sensor an der Tür registriert die Abfolge der Farben, ein integrierter Computerchip kann darin den Öffnungscode erkennen. Und schon schnappt das Schloss auf.

Interessant ist diese Technik vor allem für Pflegedienste. Bisher müssen sie die Wohnungsschlüssel ihrer Kunden einsammeln, in einem Tresor aufbewahren und den zuständigen Mitarbeitern zu Beginn ihrer Tagestour aushändigen. Geht ein Notruf ein, muss der Rettungsdienst den entsprechenden Schlüssel erst in der Zentrale abholen – oder, falls Lebensgefahr besteht, die Tür aufbrechen. Aufsperren per SMS-Code würde da viel Zeit und im Extremfall Reparaturkosten sparen. "Die Johanniter waren sehr interessiert, als wir ihnen das System demonstriert haben", sagt Birgit Wilkes.

Für weitere Artikel der Serie klicken Sie auf das Bild

Und das auch noch aus einem anderen Grund. Haus- und Wohnungsschlüssel nehmen die Pflegedienste gar nicht so gern entgegen. Die Verwaltung verursacht nämlich nicht nur Kosten. Wenn im Haus oder der Wohnung eines Pflegebedürftigen etwas abhanden kommt, gerät leicht auch der Pflegedienst in Verdacht, den anvertrauten Schlüssel nicht sorgfältig genug verwahrt zu haben.

Ein digitales System kann diese Unsicherheit erheblich verringern. Denn der per SMS verschickte Schlüssel ist für eine bestimmte, vorher festgelegte Zeit gültig. Mitarbeiter des Pflegedienstes können ihn zum Beispiel nur während ihrer Arbeitszeiten nutzen, der Fahrer von Essen auf Rädern nur in der Mittagszeit, und der Übernachtungsgast schließt bei der Abreise die Tür mit dem Handy ab und muss hinterher keinen Schlüssel mehr in den Briefkasten werfen. Der Code auf dem Handy wird nach dem Ende des Besuchs automatisch ungültig.

"Mit dem farbigen Blinken können wir derzeit zehn Milliarden verschiedene Schlüssel erzeugen", sagt Matthias von Tippelskirch von der Softwarefirma elegate, die das System entwickelt hat. "In Zukunft sollen es sogar Quadrillionen werden." In einem Potsdamer Consulting-Unternehmen mit häufig wechselnden freien Mitarbeitern installiert er gerade das erste Pilotprojekt einer Handy-Schließanlage, Ende des Jahres soll der SMS-Schlüssel als Produkt auf den Markt kommen. Neben den rund 150 Euro für die nötige Hard- und Software will elegate dann auch noch eine Lizenzgebühr von 50 Euro pro Jahr für die Nutzung erheben. Voraussetzung ist zudem ein Stromanschluss an der Tür.

Weil das für einen Massenmarkt wohl noch zu teuer ist, haben sich die Erfinder eine weitere Anwendung ausgedacht: Konzertveranstalter, Kinos, Restaurants oder Einzelhändler sollen ihren Kunden Eintrittskarten und Rabattcoupons als SMS-Code zuschicken. An der Kasse müssten die dann nur noch ihr bunt blinkendes Mobiltelefon vor ein Lesegerät halten. Dahinter steckt die gleiche Technik wie beim Handy-Schlüssel. Und der gleiche Grundgedanke: Gutscheine, Tickets oder Schlüssel vergisst der moderne Mensch gerne mal, sein Handy dagegen hat er inzwischen immer dabei.