Dominik Wandinger packt zusammen. Im ersten Stock der Akademie für Bildende Künste München konnte man in den vergangenen Wochen seine Werke betrachten. Raumgreifende Stahlskulpturen, anmutend wie "Kraftmaschinen für Riesen", wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Es war Wandingers Diplomausstellung, jetzt muss er die Lobby räumen. Jahrelang hat Wandinger an der Münchner Akademie Bildhauerei studiert, sich ausprobiert, seiner Kreativität freien Lauf gelassen, sein Ding gemacht. Und jetzt? "Keine Ahnung", sagt er. Natürlich würde er gerne von seiner Kunst leben. Aber wie genau das funktioniert – jetzt, da er sein Diplom in der Tasche hat –, weiß er nicht. Er hat keine Kontakte, weiß nicht, welche Galerie zu ihm passt, und seinen Professor hat er auch nicht um Rat gefragt. Hinter Dominik Wandingers Zukunft steht ein großes Fragezeichen.

Jedes Jahr verlassen Hunderte Studenten die deutschen Kunstakademien. Darunter immer Menschen wie Wandinger, die zwar Jahre damit zugebracht haben, ihre handwerklichen Fähigkeiten zu perfektionieren und ihre künstlerischen Ideen in konkrete Objekte umzusetzen, aber nicht wissen, wie man sich als Künstler auf dem Markt etabliert. Wie finde ich eine Galerie, die zu mir passt? Wie verkaufe ich meine Kunst? Welche Marketingstrategien gibt es? Wie baue ich ein belastbares Netzwerk in der Branche auf? Was ist und wie funktioniert eigentlich die Künstlersozialkasse? Solche für die berufliche Praxis bedeutenden Fragen werden an deutschen Kunsthochschulen nicht systematisch behandelt. Deswegen finden einige Studenten auch während sechs Jahren Studium keine Antworten darauf.

Zwang und Pflicht sind unter Kunststudenten Reizwörter

Warum die Lehre nicht an diese Bedürfnisse angepasst wird? Spricht man mit Studenten von Braunschweig bis München, von Stuttgart bis Nürnberg, bekommt man immer die gleiche Antwort: Das System ist sehr gut, so wie es ist. Die Lehre an den deutschen Akademien hat Tradition. Anders als in den meisten Ländern der westlichen Welt findet sie in Meisterklassen statt, in denen die Studenten während ihres kompletten Studiums bei einem Professor gemeinsam mit Kommilitonen aller Semester arbeiten. Innerhalb der Klassen gilt das Prinzip Freiheit. Zwang, Pflicht, Institutionalisierung, das sind Reizwörter – für Studenten wie Professoren. Prüfungen und Zensuren gibt es nicht, Individualität ist alles. "Ich verstehe die Akademie als geschützten Raum, in der ich meinen Gedanken freien Lauf lassen kann, ohne den Kommerz im Nacken zu haben. Hier kann man machen, was man möchte, und muss nicht das machen, was ankommt", sagt Sarah Erath, 30, Studentin der Freien Malerei an der Akademie für Bildende Künste in Nürnberg. Anders als einige ihrer Kommilitonen versucht sie aber aus Eigenantrieb, sich so gut wie möglich über die Arbeitsbedingungen und Erfolgskriterien auf dem Kunstmarkt zu informieren.

Eine Möglichkeit dafür bietet ihr Julia Lehner. Sie ist Kulturreferentin der Stadt Nürnberg und Honorarprofessorin an der Akademie für Bildende Künste. Jedes Wintersemester bietet sie das Seminar "Kunst und Wirtschaft" an. Es soll den Studenten einen Einblick vermitteln, was sie im Berufsleben als selbstständige Unternehmer, die sie als Künstler de facto sind, erwartet – von der Steuererklärung über die Krankenversicherung bis zur Frage, wie man Verträge mit Galeristen abschließt.

"Oft stellt sich heraus, dass auf den ersten Blick profane Dinge gar nicht so profan sind", sagt Lehner. Zwei Stunden hat sie neulich mit ihren Studenten über die Frage diskutiert, wie man sich am besten für einen Kunstwettbewerb bewirbt. Mit dabei saß auch Sarah Erath: "Das war eine enorme Bereicherung, weil es ein Bewusstsein dafür geschaffen hat, mit welchen praktischen Fragen man sich als Künstler befassen muss." Lehners Seminar kommt an. Sowohl die Teilnehmerzahlen als auch die Diskussion im Seminar seien gleichbleibend gut. "Der Bedarf ist da", sagt die Kulturreferentin. "Oft bekomme ich Anrufe von ehemaligen Studenten, die jetzt in der Praxis vor irgendeinem konkreten Problem stehen und mich dann fragen: ›Was muss ich jetzt machen?‹"