Warum schweigt Genscher? Das wird sich in den vergangenen Wochen mancher innerhalb und außerhalb der FDP gefragt haben. Immerhin hat der aggressive Kurs, den Guido Westerwelle in den ersten Monaten als Vizekanzler einschlug, ja nicht nur die FDP in Verruf gebracht. Recht zielstrebig ist es ihm zudem gelungen, auch das Amt des Außenministers in Mitleidenschaft zu ziehen. Spätestens hier wäre der liberale Altmeister gefragt. Schließlich dürften ihn die Zweifel nicht kaltlassen, ob sein Nachfolger sich überhaupt für das neue Amt interessiert, vor allem aber, ob der entfesselte Innenpolitiker Westerwelle nicht zwangsläufig das Außenamt zu einer Art Nebenspielstätte degradiert.

Zwar hat inzwischen selbst die Bundeskanzlerin vergeblich versucht, ihren Stellvertreter ein wenig zu mäßigen. Doch eine Intervention Genschers könnte er nicht so leicht ignorieren. Gerade weil die FDP so ganz und gar auf Guido Westerwelle zugeschnitten ist, ragt der frühere Vorsitzende und Außenminister wie kein anderer aus der Partei heraus. Nach wie vor verfügt er über enorme Autorität, steht für die erfolgreichsten Jahre der Liberalen, personifiziert geradezu das Kunststück, sich als kleiner Koalitionspartner Respekt und Einfluss zu sichern.

Gleich gegenüber zwei starken Kanzlern, Schmidt und Kohl, konnte er sich behaupten. Mit Schläue und Eigensinn hielt Hans-Dietrich Genscher die komplizierte Balance, die Westerwelle gar nicht erst sucht: zwischen dem omnipräsenten Innenpolitiker, der doch dem Außenpolitiker nichts von seiner Wirkung nimmt.

Je mehr auch innerhalb der FDP die Sorge wächst, dass Westerwelles Methode der Partei auf Dauer schadet, desto wirkungsvoller wären die Fingerzeige des Altmeisters. Warum also schweigt Genscher? Er schweigt gar nicht, so kann man aus der Partei hören, er versuche sehr wohl, den Novizen im Amt zu beeinflussen und auf eine zurückhaltendere Tonlage einzustimmen. Wenn er das aber auch öffentlich tue, werde er den Einfluss auf seinen Nachfolger verlieren.

Doch Zweifel an Genschers Disziplinierungsversuchen sind angebracht. Denn auch früher schon, in den wilden Jahren 2001 und 2002, als das Projekt 18 zur Strategie für die FDP wurde und das Duo Möllemann/Westerwelle die Partei auf ihre populistischen Eskapaden einschwor, ließ sich die Skepsis Genschers bestenfalls erahnen. Auf der grell erleuchteten Bühne der Spaßpartei war damals immer auch der Ehrenvorsitzende zur Stelle, seinen guten Namen für das Projekt herzugeben. Und auf der Höhe des Spaß-und Ressentiment-Wahlkampfes schreckte er nicht einmal davor zurück, Westerwelle seiner Partei als Kanzlerkandidaten vorzuschlagen.

Dass die FDP sich von diesem Tiefpunkt ihrer Entwicklung bis heute nicht völlig erholt hat, hängt nicht nur damit zusammen, dass Westerwelle, statt einer rückhaltlosen Aufarbeitung gemeinsam begangener Fehler, die Schuldverschiebung auf Möllemann bevorzugte. Auch Hans-Dietrich Genscher versäumte es damals, seine Partei zu einem unmissverständlichen Neuanfang aufzurufen.

Das Verhältnis zu Westerwelle hat die trübe Erfahrung von damals nicht erkennbar beeinträchtigt. Zumindest beriet und promovierte Genscher auch in den Folgejahren den FDP-Chef, bis hin zum Außenminister. Dafür lässt Westerwelle auch umgekehrt kaum eine Gelegenheit verstreichen, sich auf den großen Alten zu beziehen. Wann immer eine außenpolitische Idee entfernt an ihn erinnert, ruft er die Genscher-Tradition auf. Nur dass er mit seinen aggressiven Auftritten dem Genscher-Modus diametral widerspricht, das lässt sich mit keiner internationalen Abrüstungsinitiative kaschieren. Wo Genschers Stärke der kalkulierten Unklarheit entsprang, in der sich Gegner und Widersacher oft verirrten, liegt Guido Westerwelles Schwäche gerade in der aggressiven Direktheit seiner öffentlichen Auftritte.

Wie sehr das Uneindeutige sich nicht nur mit Genschers Amtsführung, sondern mit seiner politischen Persönlichkeit verwoben hat, das merkt man auch an den unterschiedlichsten Erwartungen, die sich in der aktuellen Krise auf ihn richten. Die einen hoffen, dass es ihm gelingt, Westerwelle zu zügeln, die anderen vermissen, dass er sich nicht öffentlich hinter den angeschlagenen Nachfolger stellt. Dass man ihm beides zutraut, zeigt, wie sehr er im Laufe der Jahre den Sphinx-Modus perfektioniert hat.