Verdacht unterminiert alle Lebensverhältnisse und vergiftet das menschliche Miteinander: Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller schildert dank persönlicher Erfahrungen in ihren Romanen haarklein, welche perversen Folgen es hat, wenn ein Regime das Misstrauen zum obersten Staatsprinzip erklärt. Heute ist Deutschland drauf und dran, von einem Vertrauensstaat zu einer Verdächtigungsrepublik zu verwahrlosen. Die öffentliche Debatte spiegelt, wie stark das alles zersetzende Gift unsere Gesellschaft bereits deformiert.

Der kleine Mann hält jeden Reichen tendenziell für einen Steuerhinterzieher. Und die Eliten des Landes ereifern sich über mögliche Heerscharen von Hartz-IV-Empfängern, die sich mit Fast Food und Alkohol vor der Glotze einrichten. Die Arbeiter am Band und auf dem Bau erregen sich über die fetten Gehälter der Bosse. Und die feinen Kader in den Chefetagen blicken herablassend in U-Bahn-Schächte, in denen die Unterschicht Eisenanker klaut, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verscherbeln.

Den wechselseitigen Vorwürfen liegt jeweils ein harter Kern zugrunde. Das offenbaren die dem deutschen Fiskus zum Kauf angebotenen Steuersünder-CDs. Das decken die staatsanwaltlichen Untersuchungen über die Ursachen für den Einsturz des Kölner Stadtarchivs auf. Das belegen die fast 120.000 Fälle, in denen die Sozialbehörden im Jahr 2008 Hartz-IV-Leistungen wegen fehlender Arbeitsbereitschaft auf null gekürzt haben. Keine Gruppe ist frei von menschlichem Makel. Was Reichen die Steuerhinterziehung, ist Armen der Hartz-IV-Betrug.

Diese Verletzungen des Gemeinwohls haben im Vergleich zu früher keineswegs dramatisch zugenommen. Sie sind vielmehr Zufall, ja eine Verkettung schicksalhafter Umstände. Sie zeugen auch von einem anderen, härteren Umgang der Behörden mit Regelverstößen, ist auch Fluch beziehungsweise Segen des technischen Fortschritts.

Wo ist hingegen die öffentliche Debatte angekommen? Jedenfalls nicht bei Aufklärung. Reiche und Arme überziehen einander mit Kollektivverdächtigungen. Politiker von rechts bis links machen sich zu den Sprachrohren und Verstärkern der wechselseitig gepflegten Vorurteile und spielen die sozialen Gruppen gegeneinander aus.

So sind wir in Deutschland im Moment drauf und dran, das Fundament zu unterminieren, auf das jede Demokratie wie Marktwirtschaft angewiesen ist: Vertrauen. Warum Vertrauen so wertvoll ist, erkannten bereits vor hundert Jahren die deutschen Soziologen Max Weber und Georg Simmel. Es stellt, so konstatierte der Systemforscher Niklas Luhmann in deren Tradition, "einen Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität" dar: Vertrauen erlaubt es, sich in einer unübersichtlichen Welt zu orientieren und auch bei Unwissenheit zu entscheiden.