Er wartete schon in der Küche, der Altbundeskanzler im Rollstuhl. Elf Jahre hatten sie sich nicht gesehen bis zu diesem Tag im Januar 2010, und statt einer Begrüßung rief Kohl, der immer noch charmant sein kann: "Mensch, Konrad, du wirst ja immer jünger!" Tatsächlich, äußerlich könnten beide unterschiedlicher nicht sein: der massig große Pfälzer, 30 Kilo leichter mittlerweile, und der agile Berliner mit der großen Klappe, der ihn 1973 das erste Mal fotografierte und später immer wieder. "Maître" nannte Kohl ihn meist – weil er Müller einst bei seinem Freund François Mitterrand kennen- und schätzen gelernt hatte.

Gar nicht selbstverständlich, dass Müller vorgelassen wurde in Oggersheim. Selbst engste Weggefährten warten vergebens auf eine Chance. Das System der Betreuung wünscht es so. Maike Richter-Kohl ist die Frau an seiner Seite, die pflegt und wacht, dirigiert und sortiert. Die ihn streichelt und im Gespräch auch schon mal für ihn antwortet, wenn er zu lange nach den Worten sucht. "Wie auf Station", so schien es Müller. Nur als sie dem gebrechlichen Neunundsiebzigjährigen aufhelfen will, rebelliert der deutlich mit einer Handbewegung: "Nein!"

Sonst aber war eigentlich alles sofort wie immer, wenn zwei sich treffen, die viel gemeinsam erlebt haben. Bilder wurden wach: die Einkehr in dem Pfälzer Gasthaus, in dem das Foto entstand, das im Wahlkampf 1994 Furore machte, "Politik ohne Bart". Die Morgenrunde im Kanzleramt, mit Ackermann, Teltschik und Juliane Weber. Kohl am 14. Juli in Paris. In San Francisco, an seiner Seite Angela Merkel, das Mädchen.

Eine Stunde nur, länger sollte er nicht bleiben, war ihm bedeutet worden. Müller macht sich an die Arbeit, nimmt den Elder Statesman bei der Lektüre der Tageszeitung auf. "Aber nicht den Rollstuhl", lautet die Bitte. Der kommt trotzdem aufs Bild – von hinten, nur Räder, nur Beine.

"Das Amt hat sich noch in jedes Gesicht geschnitten und es geformt", behauptet Konrad R. Müller, der alle acht Bundeskanzler porträtiert hat. So leicht sei es stets gewesen, Kohl lächerlich zu machen, sagt er. Honorig hat er ihn stattdessen gezeigt: auf der Stirn die Schachbrettlandschaft tiefer Falten, buschige Brauen darunter, dann dieser Blick, der vernichten konnte, wenn es sein sollte. Seit der Stress aus den Zügen gewichen ist, sei die untere Gesichtspartie beinahe amorph geworden. Wehmut beim Abschied? Bleibt nicht aus, knurrt Müller. War vermutlich ja auch das letzte Mal.