DIE ZEIT: Herr Bini Smaghi, warum sollen deutsche Steuerzahler den Griechen Geld geben?

Lorenzo Bini Smaghi: Die deutschen und europäischen Steuerzahler werden nicht zahlen. Die Griechen werden die Rechnung begleichen müssen – und das tun sie auch. Sie haben beschlossen, ihr Staatsdefizit in diesem Jahr um vier Prozentpunkte zu senken. Das ist eine massive Anpassung. Es ist aber wichtig, dass Griechenland während dieser Anpassung Zugang zu den Kapitalmärkten behält. Die Griechen sollten auf Unterstützung zählen können. Das hat die EU auf ihrem Gipfel am 11. Februar auch versprochen. Pacta sunt servanda , Verträge müssen eingehalten werden.

ZEIT: Das ist ein formalistisches Argument.

Bini Smaghi: Es gibt weitere. Verweigern wir den Griechen die Unterstützung, werden die Märkte möglicherweise gegen das Land spekulieren. Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass sich das negativ auf den Euro auswirkt. Wir sollten das Schicksal unserer Währung nicht komplett den Marktkräften überlassen. Und: Wenn Griechenland fällt, wird die Rechnung für Deutschlands und Europas Steuerzahler größer, als wenn dem Land temporär finanzielle Unterstützung gewährt würde.

ZEIT: Warum?

Bini Smaghi: Die Finanzmärkte sind so stark integriert, dass bei einem Zahlungsausfall Griechenlands die Banken in ganz Europa die Verluste tragen müssten. Das würde die Realwirtschaft und den Arbeitsmarkt schwächen. Sie haben doch gesehen, was 2008 nach der Pleite von Lehman Brothers geschehen ist! Die instinktive Reaktion der Amerikaner war, dass die Steuerzahler nicht für eine Bank zur Kasse gebeten werden dürfen. Eine rationalere Analyse hätte ihnen gezeigt, dass die Sache noch teurer wird, wenn man Lehman untergehen lässt. Und so kam es auch. Wir in Europa sollten ein wenig klüger sein.

ZEIT: Und deutsche Steuergelder ausgeben.

Bini Smaghi: Es geht nicht um den Transfer von Steuergeldern, es geht um eine vorübergehende Unterstützung. Die Länder, die Kredite vergeben, werden ihr Geld zurückerhalten. Mit Zinsen, die über den normalen Marktzinsen liegen. Die Steuerzahler könnten also sogar einen Gewinn machen.

ZEIT: Der EU-Vertrag verbietet aber, dass sich Länder gegenseitig aushelfen.

Bini Smaghi: Der Vertrag ist hier ganz eindeutig. Fiskaltransfers zwischen Ländern innerhalb der Euro-Zone sind nicht erlaubt, temporäre Hilfen aber schon. Es wäre keine Verletzung des Vertrags.

ZEIT: Dennoch: Jeder wird künftig nach Unterstützung rufen. Es wäre ein Dammbruch.

Bini Smaghi: Das wäre es – gäbe es keine Auflagen. Die gibt es aber. Griechenland erhält nur zu harten Konditionen Geld. Ich glaube nicht, dass andere Länder diesen Weg freiwillig gehen würden.