Das ist einfach großartig, wie selbst die rührseligste, männerkitschanfälligste Szene dieses Buches so lässig, so unbeirrt ins Bild gerückt wird, dass sie maßlos gelingt, obwohl ja alles dagegenspricht. Sie findet sich in einem Udo-Lindenberg-Porträt. Benjamin von Stuckrad-Barre porträtiert den Musiker, da dieser vor seinem großen Comeback steht. Das will er aufzeichnen, will sehen, wie der alte Mann, den man ja nicht ganz zu Unrecht immer als "Legende" bezeichnet, nach all den heruntergekommenen Jahren sich wieder aufrichtet. Und zwischendrin, inmitten einer Reihe von kleinen, dichten Szenen, kunstvollen Miniaturen und wachen Beobachtungen, findet sich folgende Episode, die man ausführlich zitieren muss: Stuckrad-Barre lockt seinen Dichter- und Reporterkollegen Moritz von Uslar am Vorabend von dessen Geburtstag in das Hamburger Hotel Atlantic, Udo Lindenbergs Wohnstätte. Moritz von Uslar, schreibt Stuckrad-Barre, "gehört zu den vernünftigen Männern, die weinen, wenn sie bestimmte Lindenberg-Lieder hören. Wie verabredet kommt nun Lindenberg um die Ecke, er trägt eine Latex-Greisen-Maske, beugt sich zum erstaunten Uslar herunter und sagt: ›Wir werden alle älter, nicht wahr? Gleich kommt ein junger Kollege, die Nachtigall Udo Lindenberg, der möchte Ihnen ein kleines Ständchen zwitschern, ich hol ihn mal.‹ Der Maskenmann verschwindet hinter einer Säule, kommt als Udo wieder hervor, tänzelt zum Barklavier rüber, an dem der Panikband-Keyboarder Hendrik Schaper schon die ersten Töne von Uslars Udo-Lieblingslied intoniert, schlaggenau um null Uhr lindenbergt sich Udo in die erste Strophe, ›Düpndödüp‹ – und dann: ›Wir war’n zwei Detektive, die Hüte tief im Gesicht…‹ Weinend freuten wir uns auf unseren 60. Geburtstag."

Das ist natürlich für die Mainstream-Ironieüberfütterten unserer Zeit, die nur noch per Augenrollen und Augenzwinkern und Achselzucken kommunizieren und alles immer und überall unter Inszenierungs- und Strategieverdacht stellen und beständig glauben, irgendein Klischee zu entlarven, schwer erträglich. Ist ja auch übel auf den ersten Blick: Männertrio mit abgenutztem Star längst abgefeierter Lieder verliert Selbstkontrolle und wird mächtig melodramatisch, harte Schale, weicher Kern, der Suff, das Rauchen, Altherrentresenseligkeit usw. Aber ist doch egal, sagt uns Stuckrad-Barre, ist doch einfach egal, ist doch gut und schön, wir entgleiten. Größtmögliche Lässigkeit: sich um das Gelaber, die Diskursfallen, die Peinlichkeiten nicht mehr kümmern. Das ist so unverschämt schamlos, man neidet ihm diese Haltung spontan.

Auch Deutsche unter den Opfern heißt Stuckrad-Barres neues Buch und versammelt Reportagen, die in den vergangenen Monaten für seinen jüngsten Arbeitgeber, den Axel Springer Verlag, also in Welt, Welt am Sonntag, B.Z. usw., erschienen sind. Und wer sie liest, das gleich vorweg, ist sich eines gewiss: Einen besseren Chronisten unserer Zeit gibt es einfach nicht.

Schon aus einem banalen Grund: Stuckrad-Barre war in den vergangenen Monaten einfach genau immer da, wo man zu sein hatte, um herauszufinden, was dieses Land im Innersten zusammenhält – beim sogenannten kleinen Mann, dem Schrotthändler, der auf einmal mächtig was zu tun hat wegen der albernen Abwrackprämie, bei Obamas Auftritt in Berlin, immer wieder zu Besuch beim chronisch kranken Patienten SPD, beim chronisch unbeirrbaren Dichter und Mahner Günter Grass, mit dem chronisch auf trotzige Genugtuung getrimmten Til Schweiger im Kino, auf der Fanmeile, bei einer Google-Party, in der Berliner Eckkneipe Wuppke, die stolz dem Rauchverbot trotzt, bei Merkel, die ins All telefoniert. Und manchmal ist unser Reporter einfach nur auf der Straße, wenn ein ungewöhnlich kalter Winter ihn ereilt und Stiefel gekauft werden müssen, aber es einfach nicht gelingen mag, denn in Berlin-Mitte haben die Schuhverkäufer mit ihren "asymmetrischen Frisuren" natürlich keine wärmenden und halbwegs schicken Herrenstiefel, sondern nur solche mit "idiotischer Gummibuchstabenbeklebung". Kleine, entrückte Feuilletons sind da mitunter entstanden. Vergleichbare Szenarien, in denen Alltag und Welthaltigkeit mühelos zusammenfallen, las man einst von Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung. Aber das ist ja schon eine Weile her.

Während des vergangenen Bundestagswahlkampfs begleitet Stuckrad-Barre Guido Westerwelle. Wir sind bei einem abendlichen Sommerfest des Landes Niedersachsen in Berlin, "gemeinsam essen Westerwelle und Rösler ein gegrilltes Hähnchen, Christian Wulff stellt sich dazu – schöne Fotos werden das. Jürgen Trittin schleicht vorbei, Westerwelle hebt entschuldigend seine hähnchenfettigen Finger, also diese Hände könne er ihm leider nicht geben. Man versteht sich parteiübergreifend gut. Claudia Roth, ein Sommerfest weiter, umarmt Westerwelle gar und überschüttet ihn mit Herzlichkeit: ›Deinen Mann, den find ich so toll!‹ – Westerwelle: ›Ja, aber den kriegst du nicht.‹ – Da biegt und schüttelt sie sich vor Freude: ›Das weiß ich doch!‹" Und allein mit dieser selten gesehenen Szene ist die Berliner Republik wohl besser erklärt als mit zahlreichen Kommentaren und gelehrten Fachanalysen. Da wird das halb private Politikergemenge, das Duzen, Sichkneifen und Sichumarmen von Links und Rechts, Grün und Gelb, Schwarz und Rot gnadenlos dem scheinempörten Getue gegenübergestellt, das jeder aus den Talkshows kennt. Und man weiß gar nicht, ob man sich empören soll über die allgemeine Verlogenheit oder dankbar sein soll für das Ausmaß an ziviler Klüngelei, die so hemmungslos hinter den Kulissen herausbricht. Und ahnt dann natürlich, dass ausgerechnet die Lüge und das Theater die Fundamente jedes halbwegs friedfertigen Zusammenlebens bilden, dass die Doppelmoral ein Himmelsgeschenk ist.

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat Stuckrad-Barre vor einigen Jahren mit der Film- und Fotokamera begleitet, als dieser mit Drogenproblemen zu kämpfen hatte. Stuckrad-Barre erinnert sich in diesem Band an die erste Begegnung der beiden und räsoniert, dass ein Abbilden der Wirklichkeit zumeist Manipulation bedinge, dass man immer zu Posen neige, die einem schmeicheln, zum Bauch- oder Wangeneinziehen, zum ernst-charismatischen Gesichtsausdruck usw., sobald der Fotograf sich einem nähert. "Aber vor Herlinde Koelbls Kamera kann man posieren, wie man will, sie drückt erst ab, wenn einem die Attitüde entgleitet." Denn die Fotografin nimmt sich unfassbar viel Zeit, so lange, bis einem die Verrenkungen misslingen, bis man zu seinem eigenen Erschrecken erschlafft, unkontrolliert blickt. So wie Stuckrad-Barre einfach derart lange Guido Westerwelle begleitet, bis der gedankenverloren über die schlimme Akne seiner Jugend spricht. Und dann kann man mit ihm, der sich sonst nie eine unkontrollierte Blöße gibt, "lachen über die Lebenszeit, die man schon bei Hautärzten verbracht hat, und wieder eine neue Salbe, wir probieren es jetzt mal mit Zink! Oder Schwefel. Und ein paar Monate später mit irgendeiner Säure, dann wieder mit Antibiotischem. Aber irgendwann komme man in das Alter, da akzeptiere man das eben."

Das Abbilden der Wirklichkeit bedingt häufig Manipulation, Theater ist die Voraussetzung von Zivilität, aber immer wieder, an markanten Stellen, kriegt man doch eine Ahnung von der Nacktheit, der Schutzlosigkeit derjenigen, die in diesem Band porträtiert werden. Da offenbart sich mit einem Mal die ewige Spaltung des Menschen in ein Inneres und ein Äußeres, in Gedanken und Gefühle einerseits und den Körper andererseits, in dem man so unheilvoll steckt und auf den ja überhaupt wenig Verlass ist: Da ist man wütend, und der wütende Satz, den man hinausposaunt, findet das vorgesehene Ende nicht, da man sich so aufregt, und die Umstehenden lachen; da sagt man etwas erschütternd Albernes und bereut es sogleich. Derartige Momente des Allzumenschlichen sind grotesk, man errötet entsetzt vor dem Beobachter. Stuckrad-Barre ist ein Meister darin, sie aufzuspüren. Er wartet einfach ab. Und irgendwann sagt Frank-Walter Steinmeier, an einem Buffet stehend, nach irgendeiner endlosen Abendveranstaltung eines endlosen Tages eines endlosen Wahlkampfs den gewiss eher unbeabsichtigt lustigen Satz: "Ich bin ein Freund des Leberkäses." Da liest der Theaterregisseur Claus Peymann bebend vor Publikum den Hessischen Landboten von Georg Büchner vor, und Stuckrad-Barre kommentiert trocken: "Als Regisseur würde man ihm raten, das Requisit Taschentuch nicht ganz so oft zum Stirntrockenwischen aus der Tasche zu ziehen." Und Grass kippt im Eifer seiner Rechthaberei das Weinglas um.

Und doch, und das ist vielleicht Stuckrad-Barres eigentliche Leistung: Erst durch die Entgleisung blitzt der menschliche Makel auf, werden selbst die, die wir gar nicht mögen, zu unseresgleichen. Man verzeiht auch deshalb mit größter Selbstverständlichkeit die wenigen nicht ganz so geglückten Stücke, die entweder allzu hastig dem Tagesgeschehen abgerungen sind oder in denen – wie bei der Beschreibung des Hamburger Wahlkampfes – die Porträtierten allzu bequem karikiert werden, wenn der Finger also zu rasch am Auslöser war. Er ist dies so verdammt selten, dass man, schamlos lindenbergliedhaft gesagt, nur seinen Hut ziehen kann.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern. KiWi 1164; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010; 336 S., 14,95 €