DIE ZEIT: Wird es bald wirklich synthetisches Leben aus Menschenhand geben?

George Church: Ich denke, ja. Unsere Fähigkeiten, genetische Information zu lesen und neue zu schreiben, verbessern sich jedes Jahr. Bald gibt es kaum noch Grenzen des Vorstellbaren.

ZEIT: Ein Lebewesen ist doch viel zu komplex, als dass man es einfach neu erfinden könnte.

Church: Man entwirft auch ein neues Auto nicht wirklich neu, man baut es aus existierenden Einzelteilen, die man verändert. So ist es auch in der synthetischen Biologie: Wir müssen synthetisches Leben nicht Atom für Atom neu konstruieren.

ZEIT: Es gibt die Idee, auch ausgestorbene Lebewesen auferstehen zu lassen, das Mammut etwa.

Church: So etwas ist doch bereits gelungen. Meine Kollegen haben das Erbgut des Erregers der Spanischen Grippe von 1918 chemisch synthetisiert und das Virus zum Leben erweckt. Ein Mammut ist aber eine andere Herausforderung, denn es hatte ein viel größeres Erbgut: Wir reden nicht von einem Dutzend Genen, sondern von 25.000.

ZEIT: Und wie kann das Mammut wieder zum Leben erweckt werden?

Church: Man würde eine möglichst nah verwandte Art nehmen, den Elefanten. Um dessen Erbgut nach und nach in das eines Mammuts zu verwandeln, wären natürlich Millionen Veränderungen nötig. Man nimmt Stammzellen und baut ihr Erbgut mit synthetischer DNA um. Aus ihnen lässt sich ein Elefant mit riesigen Stoßzähnen und langem, wolligen Fell klonen. Mit der Zeit kann dabei ein echtes Mammut herauskommen, das nicht nur Zoobesucher begeistert, sondern ein realistisches Abbild der ausgestorbenen Art ist. Es würde wie ein Mammut aussehen und sich auch so verhalten. Übrigens ist das mehr als Jurassic Park – diese Techniken werden sehr wertvoll in der Medizin werden, für Organtransplantationen, Gewebeersatz und viele andere Probleme.

ZEIT: Sind die vor 30.000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler auch Kandidaten für die Auferstehung? Ihr Erbgut wird in wenigen Wochen von deutschen Forschern rekonstruiert worden sein.

Church: Neandertaler sind sehr nah mit uns verwandt. Doch wenn man nur auf ihre Genomsequenz in der Datenbank starrt, kann man höchstens vermuten, wie ihre Zellen beschaffen waren. Menschliche Zellen lassen sich ebenso leicht manipulieren wie die anderer Säugetiere. Das heißt: Wir können – und werden vermutlich – menschliche Zellen herstellen, die zunächst zehn, hundert oder mehr Erbmerkmale der Neandertaler aufweisen. Sie werden uns erlauben, die physiologischen Eigenschaften unserer Verwandten zu testen. Das lässt sich tatsächlich hinkriegen. In ein paar Jahren ist es so weit.

ZEIT: Mit Zellkulturen von Neandertalern wäre der Weg frei für einen unerhörten Versuch: Man könnte aus ihnen lebendige Individuen klonen. Dürfen wir das?