Es kommt in diesen Wochen manchmal vor, dass er das Gewicht von Peking auf die Hantel legt, es anhebt und sich fragt, wie er das hochbekommen hat. Es kommt ihm dann so vor, als wäre das ein anderer Mensch gewesen, ein anderes Leben, und manchmal steht er dann vor dieser Hantel und schaut sie einfach an, wehmütig und wütend, als wäre sie eine verflossene Geliebte, die ihm noch eine Antwort schuldig ist, wie es jetzt weitergeht. Aber vielleicht ist in den letzten Wochen auch nur einiges in Unordnung geraten.

Es ist ein sonniger Morgen im März 2009, als der Gewichtheber Matthias Steiner in einem Kraftraum des Heidelberger Olympiastützpunktes die Arme auf dem Lenker eines Hometrainers verschränkt und versucht, irgendwie wieder in Tritt zu kommen. Außer seinen schweren Atemzügen ist es still. In einer Ecke steht ein schmales Mädchen vor dem Spiegel und beobachtet sich selbst beim Stemmen einer Hantel. Steiner blickt nach draußen, wo die jungen Leute auf der Wiese vor der Mensa liegen.

"Schönes Studentenleben", murmelt er.

Er schwitzt.

Seit Olympia hat Steiner nichts gemacht. Der Bundestrainer hatte ihm freigegeben, um den Rummel auszukosten, und im Winter entdeckten die Ärzte dann einen Leistenbruch. Steiner wurde operiert. Er lag am Pool, als seine Kameraden auf Teneriffa für die Europameisterschaft trainierten, und er suchte bei Ikea eine Küche, als Jürgen Spieß in Bukarest die Goldmedaille holte. Er war zu Gast in Krömers Internationaler Show, und alle zwei Tage meldete sich die Bild bei ihm und fragte, ob es nicht was Neues gebe. Es gab nichts Neues, aber die Bild meldete auch das.

Steiner schnauft, als er nach einer Stunde an verschiedenen Geräten mithilfe seines Physiotherapeuten auf einen Hightech-Kasten steigt. Er schnallt den rechten Fuß an ein Gewicht und bewegt es dann durch Drehungen der Hüfte.

"Wirst ein super Rumbatänzer mit der Übung", sagt der Physio, aber Steiner lächelt nur gequält. Die Balkendiagramme, die auf einem Monitor die Kraft jeder Bewegung anzeigen, frustrieren ihn, weil sie zu flach sind. Er bläst die Backen auf und stöhnt. Zehn Kilo hat er seit Peking verloren, er wiegt jetzt 135. "Kommt schon wieder", sagt der Physio. "Ist alles eine Kopfsache."

Steiner sieht so aus, als sei er in Gedanken irgendwo weit weg. Am Morgen, auf dem Weg zur Halle, hat er von seinem Manager erfahren, dass ihn ein Sponsor gerne sehen würde, und der Fotograf, der sich um seine neue Website kümmert, hat acht Stunden für ein Shooting angemeldet. "Acht Stunden für drei Fotos!", hat Steiner gemosert. "Die denken wohl, der Steiner ist für jeden Scheiß zu haben." Es ist gerade alles ziemlich viel.

Es reißt einfach nicht ab.

Während andere Olympiasieger nach Peking schnell wieder verschwanden, war Steiner auf allen Kanälen. Er saß bei Gottschalk auf der Couch, bei Jauch, bei Elstner und bei Geissen, und immer musste er erklären, was es auf sich hatte mit dem Foto, das er nach der Siegerehrung in die Kameras hielt. Wie das damals war, an diesem Julitag 2007, als ein fremder Wagen auf der B3 nicht weit von Heidelberg frontal gegen den Nissan seiner Frau gekracht war. Er war sofort ins Krankenhaus geeilt, Susann da lag, im Koma, er saß an ihrem Bett und sprach mit ihr.

Er war ihr aufgefallen, vier Jahre zuvor, als sie spätabends zufällig bei Eurosport hineingezappt hatte, wo die Europameisterschaft in Kiew übertragen wurde. Ihr gefiel der junge Mann, der Siebter wurde, ein Österreicher, Diabetiker, Heizungsinstallateur von Beruf, sie fand, er habe etwas Bodenständiges. Susann, die damals in Zwickau eine Ausbildung im Hotelmanagement absolvierte, schrieb ihm eine Mail, und Steiner schrieb zurück. Als sie sich wenig später trafen, wussten sie, dass es die große Liebe war.

Sie heirateten, und Steiner beantragte den deutschen Pass, weil es Querelen gab mit seinem österreichischen Verband. Er ging nach Leimen bei Heidelberg, wo die Gewichtheber ihr Bundesleistungszentrum haben, und Susann kam nach. Gemeinsam träumten sie von Peking, von Olympia, aber jetzt lag sie da in diesem Bett, verkabelt mit einer Maschine, die im Rhythmus ihres Herzschlags fiepte, und Steiner sagte unter Tränen, dass er alleine fliegen werde, wenn sie es nicht schaffe. Er sagte ihr, dass er für sie gewinnen wolle. Dann war es plötzlich still.

Susann war tot, und Steiner hörte auf zu leben.

Er tigerte durch seine Wohnung und verrückte Möbel. Er saß auf dem Balkon und sah sich immer wieder dieses Foto an, Susann, aufgenommen auf einem Spaziergang durch den Odenwald, die Sonnenbrille im Haar, ein Lächeln, das sie ihm zuwirft wie einen flüchtigen Kuss. Es war kaum auszuhalten. Der einzige Ort, an dem er existieren konnte, war in dieser Zeit die Trainingshalle. Steiner schloss sich darin ein und drückte seine Trauer weg. Er hielt sich fest an den Gewichten. Er klammerte sich an das Wort, das er Susann gegeben hatte, es half ihm über jeden Tag und jede Woche, und dann stand er plötzlich da, in Peking, und balancierte diese Eisenstange über seinem Kopf, die schwerer war als alles, was er je zuvor gehoben hatte.

258 Kilo.