"Schlechte Nachrichten sind gute", lautet die Journalistenweisheit. Wen interessiert es, wenn die Bahn pünktlich fährt, die Koalition prächtig funktioniert? Dennoch soll hier eine sehr gute Nachricht zelebriert werden. In Amerika, wo bekanntlich die Gewalt regiert, fällt und fällt die Kriminalität; die Mordrate hat sich seit 1991 fast halbiert. Noch besser: Auch in Deutschland sind die Straftaten seit 2004 rückläufig, nachdem sie im Jahrzehnt zuvor um 30 Prozent gestiegen waren.

In Washington, der einstigen Mordkapitale Amerikas, sind Mord und Totschlag noch stärker zurückgegangen als in New York – auf 40 Prozent der Rekordzahl von 1991. Natürlich gibt es so viele Theorien wie Kriminologen, aber keine einzige kann das Phänomen allein deuten. Wir sind, auch in Deutschland, schnell bei der Hand mit zwei Klassikern: der Einwanderung und der Arbeitslosigkeit. Beide greifen nicht. Die vergangenen zwanzig Jahre haben die illegale Einwanderung in den USA explodieren lassen; das war just die Phase, in der das Verbrechen dahinschmolz.

Wirtschaftliche Not? Schon besser als Erklärung, weil der Niedergang des Verbrechens in den Boomjahren Amerikas ablief. Bloß wird gerade für 2009, als die Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent hochschoss, die niedrigste Kriminalitätsquote seit den Sechzigern gemessen. Konjunktur und Kriminalität laufen nicht im Tandem.

Brillante Polizeiarbeit? Damit brüstete sich New Yorks Bürgermeister Giuliani, dessen Mischung aus hartem Durchgreifen und computerisierter Datensammlung ("Konzentriert die Polizei, wo die Kriminellen sind") Furore machte. Nur: In New York begann das Verbrechen schon zwei Jahre vor Giulianis Amtsantritt zu schwinden. 

Weniger Drogenkonsum? Der sinkt nicht. Es fällt freilich der Crack-Konsum, der mit paranoider Gewalttätigkeit einhergeht, was man Opiaten, Kokain und Hasch nicht nachsagt (die wiederum andere Probleme schaffen). Die beste Korrelation, jedenfalls in den USA, ist gesellschaftlich gesehen nicht so gut: Während sich die Mordrate halbierte, wuchs die Gefängnis-Population um zwei Drittel (Häftlinge per 100.000 Einwohner, 1991 bis 2008). In seinem Buch Why Crime Rates Fell meint der Soziologe John Conklin, dass die "Knast-Quote" etwa die Hälfte des Rückgangs erklären könne. Weniger Kriminelle auf der Straße, weniger Kriminalität – was allerdings die Rückläufigkeit in Europa nicht erklärt, wo die Inhaftierungsrate nur geringfügig gestiegen ist.

Und die andere Hälfte der Erklärung? Womöglich ist es der 30. Geburtstag, notiert David von Drehle in der Zeitschrift Time. Ältere Herrschaften sind einfach nicht so gewalt- und risikofreudig, und der Westen altert dahin. Auf dem Höhepunkt der Kriminalität, 1992, war das Medianalter in den USA 32, heute ist es 36. Europa altert noch schneller. Altwerden scheint also auch seine freundlichen Seiten zu haben.

Ansonsten gilt das Gebot der intellektuellen Ehrlichkeit: Wir wissen es nicht so genau. Vielleicht können solche TV-Hellseher wie der Mentalist oder Monk die Antwort liefern. Inzwischen: Erfreuen wir uns an der guten Nachricht.