Was hat er damit zu tun? Von allen Fragen, die sich der katholischen Kirche im Gefolge der Missbrauchsskandale in Deutschland wie in anderen Ländern stellen, ist dies die schwierigste. Und kaum eine Frage löst in Rom derzeit solche Empörung und Zurückweisung aus: Was er damit zu tun hat?! Dabei hat die Kirche selbst bestätigt, dass Benedikt XVI. in seiner Zeit als Erzbischof von München und Freising mit dem Fall eines Priesters befasst war, der wiederholt sexuellen Missbrauch begangen hat. Ausgerechnet der Theologe auf dem Papststuhl, dem stets so viel an der Schönheit der Kirche, ihrer Lehre und Liturgie lag, erlebt nun, dass sein Pontifikat mit dem Aufkommen von "Schmutz und Sünde" verbunden wird. Insofern ist die Frage durchaus zwingend: Was hat der Mann an der Spitze zu dieser größten Krise der Kirche seit vielen Jahrzehnten beigetragen?

Für einen Mann, der vor allem für die Konstanz seiner Positionen bekannt ist, hat Joseph Ratzinger in der Missbrauchsproblematik bemerkenswerte Veränderungen durchlaufen, auf seinem Weg vom Ortsbischof zum Präfekten der Glaubenskongregation und schließlich zum Kirchenoberhaupt. In ihm spiegelt sich zunächst das langsame Erwachen eines Problembewusstseins der Kirche, dann aber auch die stete Gefahr, die Dimensionen einer inzwischen globalen Krise im Katholizismus zu verkennen oder sogar hinter einmal gewonnene Erkenntnisse zurückzufallen.

"Falsch und verleumderisch" sei es, den Papst der Vertuschung zu verdächtigen, erklärte dieser Tage Charles Scicluna, langjähriger Mitarbeiter Ratzingers und unter ihm Chefankläger bei der Glaubenskongregation. Die Getreuen vermuten eine gezielte Diskreditierung: Es gebe Medien, "die verbissen nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchsfragen hineinzuziehen", protestierte sein Sprecher Federico Lombardi, aber "für jeden objektiven Beobachter ist klar, dass diese Versuche gescheitert sind". Ganz so einfach ist es nicht.

Was auf der Sitzung des Münchner Ordinariatsrates am 15. Januar 1980 unter Vorsitz des Erzbischofs Ratzinger verhandelt wurde, beschäftigt inzwischen Katholiken weltweit, etwa den National Catholic Reporter, ein Leitmedium des katholischen Amerikas. Wo es einen derartigen Fall gebe, schreibt kühl dessen Chefreporter und Autor eines wohlwollenden Buches über Benedikt, John Allen, "da kann es gut auch mehr solcher Fälle geben". Die Diözese übernahm damals mit Billigung des Bischofs einen Kaplan aus Essen, der dort wegen sexuellen Missbrauchs von Jungen abgezogen worden war. Zum Zwecke einer Therapie sollte er in einem Pfarrhaus untergebracht werden, wurde aber tatsächlich schon bald in verschiedenen Pfarreien zur "Seelsorgemithilfe" eingesetzt, wie das Ordinariat jetzt nach Prüfung der Akten offenbart hat. 1986 wurde er wegen erneuten Missbrauchs zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, aber bereits kurz darauf wieder als Seelsorger eingesetzt. Erst im März 2010 schließlich wurde Peter H. suspendiert. Am Anfang dieser Odyssee der Verantwortungslosigkeit stand eine Entscheidung, an der Ratzinger mitgewirkt hat. Was aber zeigt der Fall: Sorglosigkeit? Ignoranz? Vorsatz?

Nicht weil Ratzinger sich eines besonderen Vergehens schuldig gemacht hätte, ist der Fall Peter H. alarmierend. Es ist gerade umgekehrt: Er ist bedeutsam, weil der Erzbischof handelte wie wohl die meisten anderen Würdenträger jener Jahre. 1980 war Joseph Ratzinger Teil des Problems, das ihn heute beschwert.

Damit zeichnet sich in Deutschland ab, was zuvor in den USA und Irland zu beobachten war. Hat die Aufklärung vergangener Jahrzehnte erst einmal begonnen, geraten auch die Bischöfe und Kardinäle von heute in Bedrängnis. Obwohl etwa der Primas von Irland, Kardinal Sean Brady, sich schonungsloser als mancher Kollege für die Konfrontation mit der dunklen Vergangenheit starkmachte, hat er jetzt seine Beteiligung an einem massiven Fall von Vertuschung eingestehen müssen. Und Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hat als langjähriger Personaldezernent seines Freiburger Bistums mit Vorwürfen zu kämpfen, 1991 die Versetzung eines Pfarrers in den Ruhestand als Ausweg aus Missbrauchsvorwürfen gebilligt zu haben. Aus heutiger Sicht, so sagt er, hätte er "konsequenter und mit größerem Nachdruck nach Zeugen und Opfern" suchen sollen.

Die deutsche Situation ist im Vergleich zu Irland und den USA in ihrer Dimension noch überschaubar, gäbe es da nicht die eine Besonderheit: dass der Papst ein Teil der Geschichte ist. "Die Frage ist jetzt", meint der Vatikan-Beobachter John Allen, "ob Ratzingers Vergangenheit Benedikts Gegenwart überschattet?"