ZEITmagazin: Herr von Schirach, als Strafverteidiger haben Sie Einblick in viele Lebensschicksale. Entdecken Sie in ihnen irgendeinen Sinn?

Ferdinand von Schirach: Einen Sinn des Lebens? Nein. Es soll in unserer Galaxie hundert Milliarden solcher Sonnensysteme wie unseres geben und wiederum hundert Milliarden solcher Galaxien. Und das soll nur zehn Prozent des Universums ausmachen, dazwischen ist es leer und kalt. Wenn Sie sich das nur zwei Sekunden lang vorstellen, ist alles, was wir tun, völlig unbedeutend. Und doch müssen wir mit dieser Kälte und Leere leben. Uns rettet die Kultur, sie trennt uns einzig vom Chaos.

ZEITmagazin: Ein bisschen fröstelt es mich schon, wenn Sie so reden.

von Schirach: Ach, kommen Sie: Es gibt diesen wunderbaren Satz von Aristoteles , dass am Beginn aller Wissenschaft immer das Erstaunen steht, dass die Dinge sind, wie sie sind. Und die Dinge sind wirklich, wie sie sind. Sie können nichts daran ändern. Die richtige Haltung scheint mir deshalb ein verhaltenes Mittun zu sein.

ZEITmagazin: Haben Sie ein pessimistisches Menschenbild?

von Schirach: Nein. Pessimistisch oder optimistisch – diese Begriffe würden ja voraussetzen, dass man etwas erwartet. Ich arbeite jetzt seit 16 Jahren in der Strafjustiz, ich habe genügend Tote gesehen – ich erwarte nichts mehr. Ich bin zufrieden, wenn es irgendwie weitergeht. Wir leben ja in einer großartigen Zeit. Es gibt keinen Krieg in Europa , und wir können bei einem netten Italiener zu Mittag essen. Das ist schon mehr, als die meisten Generationen vor uns hatten. Es ist sehr viel.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Ich weiß nicht, ob mir das nicht doch zu wenig an Sinnstiftung ist... 

von Schirach: Das Schöne ist – und vielleicht beruhigt Sie der Gedanke –, dass nichts verloren geht. Es spielt keine Rolle, wie sich die Atome zusammensetzen, aufs Ganze gesehen bleibt alles, wie es ist. Und es gibt noch einen anderen tröstlichen Gedanken: dass wir dazugehören. Wir gehören zur Gemeinschaft der Menschen.

ZEITmagazin: Was hat Sie an dem Beruf des Strafverteidigers gereizt: die Fülle der Geschichten?

von Schirach: Die Geschichten sind wunderbar, ja, sie sind ein guter Grund für diesen Beruf. Aber eigentlich ist das jetzt die Frage nach der Rettung.

 

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

von Schirach: Mein Beruf war eine Art Rettung. Ich fühlte mich immer fremd. Zu Hause in der Familie und erst recht außerhalb. Als Kind habe ich selten bei Freunden übernachtet, weil ich glaubte, nicht dazuzugehören. Das hat mich lange begleitet. In Bayern nennt man das "fremdeln" – das bezeichnet es ganz gut. Ich habe ein vollkommen normales Leben gelebt, ich ging auf Feste, hatte Freunde und Freundinnen, ich war kein Einzelgänger. Und doch verschwand dieses Gefühl nie ganz. Wenn man jung ist, kann man nicht über solche Dinge sprechen, auch wenn sie einen beschäftigen. Und erst viel später, als ich schon ein paar Jahre Strafverteidiger war, habe ich langsam begriffen, dass es nicht nur mir so geht. Wenn zu einem Verteidiger Mandanten kommen, dann standen sie manchmal kurz zuvor an einem Abgrund, dort, wo alles, die Kultur, das Recht, die Ordnung, weggebrochen ist. Und wahrscheinlich liegt es daran, dass diese Menschen dem Anwalt mehr erzählen, als sie es sonst tun. Man sieht tiefer in sie. Und wenn man genau zuhört, begreift man, dass viele Menschen dieses Gefühl teilen. Das Fremdsein und die Distanziertheit werden deshalb natürlich nicht weniger, aber es hat mich beruhigt, zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin.

ZEITmagazin: Warum fühlten Sie sich fremd?

von Schirach: Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt es von meiner Kindheit. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der aus den fünfziger Jahren stammte, es gab zu viel Personal, keiner war richtig für uns Kinder zuständig. Später war ich auf einem Internat, dort war es ähnlich. Es war immer da, ein Grundgefühl der Distanziertheit und Leere. Es gibt einen Maler, der das gut ausgedrückt hat: Edward Hopper . Ich habe ihn erst spät für mich entdeckt, aber ich habe alle Szenen, die er gemalt hat, selbst erlebt. Ich kenne seine Situationen. Wie man mit einer Frau im Hotelzimmer sitzt und zum Fenster rausschaut und spürt, dass alles nicht stimmt und man einsam bleiben wird.

ZEITmagazin: Ihr Großvater war der NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Kann Ihr Fremdheitsgefühl auch etwas mit Ihrer Familiengeschichte zu tun haben?

von Schirach: So ein Unsinn.

ZEITmagazin: Macht das Schreiben Sie zufrieden?

von Schirach: Ich brauche nicht viel Schlaf, ich schreibe nachts, es ist still, niemand ruft an, der Kaffee ist gut und keine Unterhaltung nötig – ja, das ist wirklich so etwas wie Glück.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold