Deutschlands Diplomaten haben jetzt einen Spickzettel. Vier Seiten umfasst das vertrauliche Schreiben mit dem Aktenzeichen 34/2010, das das Auswärtige Amt am 3. März an die "lieben Kolleginnen und Kollegen" in den Botschaften verschickt hat. Im Anschreiben steht zwar, dass das "mit dem Bundesfinanzministerium abgestimmte Argumentationspapier zu den Leistungsbilanzdefiziten innerhalb der Euro-Zone" nur als "persönliche Hintergrundinformation" gedacht sei. Aber eigentlich enthält die Berliner Depesche eine klare Dienstanweisung an die Diplomaten: "Deutsches Wachstumsmodell verteidigen". Man habe "seine Hausaufgaben gemacht". Jetzt seien die anderen an der Reihe.

Stimmt: Deutschland hat seine Hausaufgaben gemacht. Das Land ist vom "kranken Mann Europas" (so der britische Economist 2005) zum Land eines neuen Wirtschaftswunders (dasselbe Magazin 2010) aufgestiegen. Die Deutschen haben ernst genommen, was die Ökonomen predigten: härter arbeiten, wendiger wirtschaften, weniger verdienen, sonst stehlen die Chinesen unseren Wohlstand. Zwischen 1998 und 2008 sind die deutschen Lohnstückkosten um gerade einmal knapp vier Prozent gestiegen – aber in Frankreich um 20 Prozent und in Griechenland um 32 Prozent. Das deutsche Haushaltsdefizit ist niedriger als sonst wo in Europa. Der Schuldenberg ist weniger drückend.

Doch kurz vor dem dieswöchigen EU-Frühjahrsgipfel in Brüssel ereilt Deutschland das Schicksal aller Musterschüler. Es wird zum fiesen Streber abgestempelt.

Die Partner in Europa murren, weil die Deutschen den Griechen erst gar nicht helfen wollten und jetzt nur zusammen mit dem Internationalen Währungsfonds. Dagegen hatten sich andere EU-Länder lange gewehrt. Sie sind auch verstimmt, weil Deutschland Jahr für Jahr mehr Waren und Dienstleistungen ausführt, als es einführt. Es gefällt ihnen nicht, dass die Deutschen viel Geld auf Sparbücher legen, statt davon Renaults aus Frankreich oder Fetakäse aus Griechenland zu kaufen.

Ob Deutschland denn nicht – bitte schön – "ein klein wenig mehr" für die heimische Nachfrage tun könne, fragte Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde charmant, aber bestimmt. "Was, wenn nicht Griechenland, sondern Deutschland der blinde Passagier der Euro-Zone ist?", sinniert Le Monde, und für die britische Financial Times ist die deutsche Position "unbrauchbar".

Man merkt es schon: Es setzt Klassenprügel. Eine unbequeme Frage steht im Raum: Schadet die eifrige deutsche Wirtschaftspolitik tatsächlich dem Rest Europas? Und schaden wir damit vielleicht sogar uns selbst?

In der Bundeshauptstadt reagiert man zurzeit genervt bis bockig. Das konnte man zum Beispiel am vergangenen Dienstag bei der Pressekonferenz des deutschen Wirtschaftsministers besichtigen: Da bewarb Rainer Brüderle nämlich das "Exportland Deutschland". Er berichtete über neue Programme zur Förderung der deutschen Ausfuhren. Und er stellte das "Exporttelefon" vor, an dem kleine Unternehmen Tipps bekommen können. Auf die Frage eines französischen Journalisten, ob das angesichts der Vorwürfe aus Paris eine Provokation sei, antwortete der Minister trocken: "Ihr Präsident ist auch von Libyen bis sonst wo aktiv."