Wozu eine schlechte Kirche gut ist – Seite 1

Nie hätte ich gedacht, dass ich diesen Satz schreiben würde. "Ich glaube an die Kirche." In der ersten Hälfte meines Lebens schien mir schon die eine Hälfte der Aussage falsch zu sein – "Ich glaube" –, in der zweiten Hälfte dann die andere: wie bitte, an eine Kirche glauben?!

Ich glaube an die Kirche. Das ist ein unmöglicher Satz. Alles daran hat mich abgestoßen: der Ton, also das Bekenntnishafte; das Festgelegte, also das Spießige; und dann das Institutionelle. Ich verachtete Institutionen, so hat man es mir im Schulunterricht der achtziger Jahre beigebracht. Ich fand den Satz gut, den ich mal von Bundespräsident Herzog las: Wie kann ich den Staat lieben? Ich liebe ja auch nicht die Allgemeine Ortskrankenkasse.

Wie kann man also eine Kirche lieben, diese AOK des Glaubens? Alleine die Kirchengeschichte spricht dagegen, die katholische ohnehin (ich bin evangelisch), aber letztlich eben auch die protestantische, wie ich als Sohn einer lutherischen Pastorin weiß. Und dann erst die versammelte ästhetische Katastrophe! Kirche ist ein Laden, auf dessen Jute-statt-Plastik-Kirchentagen ich seit 15 Jahren nicht mehr war und dessen Peinlichkeit sich in der allsonntäglichen Kirchencafé-Trostlosigkeit widerspiegelt. Da stehen wir nach dem Gottesdienst beieinander und erwecken über Mürbekeksen und Apfelsaft von Gut & Günstig sicher nicht den Eindruck, dass Kirche auch nur annähernd so glücklich, frei und heiter machen könnte wie Yoga oder vielleicht Tantra-Massagen.

Und doch glaube ich, Protestant mit katholischen Sympathien, inzwischen an die zwei großen Kirchen. Bewusst geworden ist mir das erst jetzt, wo die Gründe auszutreten so gut sind wie lange nicht mehr. Nach Wochen, in denen ich über den massenhaften, weltweiten sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche berichtet habe, kann ich jeden verstehen, der auf die Kirche spuckt.

Ich habe die mal ignorante, mal gnadenlose, immer aber machtversessene Abwehr von Kirchenführungen erlebt, die eher Opfer zu Wichtigtuern erklären, als einem Kollegen Bischof die Frage nach der Beteiligung an der Vertuschung zu stellen: Und du, mein Sohn? Ich stehe fassungslos vor der jüngsten Windung einer Kirche, die die Öffentlichkeit beschuldigt, den Missbrauch als Kampagne zu inszenieren. Geht’s noch?! In der Kirche haben die Opfer all die Jahre jedenfalls kein Gehör gefunden.

Es gibt kein Vertun: Die Kirche verrät gerade Theorie und Praxis des Christentums. Was soll da noch bleiben?

Früher hatte ich versucht, mir die Kirche sympathischer zu malen, als sie ist, indem ich sie in die böse Institution und die guten Individuen aufteilte. Kirchen sind nur so viel wert wie die Individuen, die sie tragen, dachte ich. Heute, im Angesicht all der sexuellen Monster in Kutte und Talar, sehe ich den Zusammenhang anders. Wo sich Machtverschworenheit und Vulgärevangelismus treffen, heißt es gerne schwiemelig "Wir sind doch alle nur Menschen". Unter diesem modrigen Hirtenmantel hat die Kirche allzu lange ihre Sünden zugedeckt.

 

Die Institution Kirche hat also denselben Horror an Macht-, Sexualitäts- und Seelenmissbrauch hervorgebracht wie viele weltliche Institutionen. Außerdem maßt die Kirche sich oft Rollen an, die ihr nicht zustehen, sondern allenfalls Gott selbst: Dann spielt sie Moralausteilungshochsitz, Besserwisserapotheke, Lebensverurteilungsinstanz. Und doch – die Kirche ist auch die Hüterin einer Tradition und eines Glaubensschatzes, der es verdient, bewahrt zu werden. Sie lebt durch den Einzelnen, aber eben auch über ihn hinaus.

So nehme ich also die Würdenträger in Kauf, und ich freue mich an anderen Gläubigen, sofern sie mir halbwegs sympathisch sind. Aber in der Kirche bin ich wegen des Glaubens. Kirchen sind nur so viel wert wie der Glaube, den sie hüten, sonst wären sie eine Art Odenwaldschule in bunten Kostümen.

Der Glaube aber, und darin unterscheiden sich meine heutigen von meinen früheren Überzeugungen, ist ohne Kirche ungleich schwerer zu leben als mit Kirche.

Ich glaube zum Beispiel nicht, dass ich ohne Kirche die Bedeutung der Ostergeschichte für mich entdeckt hätte. Ostern bringt etwas auf den Punkt, was etwa die moderne Wellness-Spiritualität gern verdrängt: dass ein anderer Umgang mit Schmerzen uns freier, glücklicher, heiterer machen kann.

Dem Schmerzenskult des Katholizismus (und, in abgeschwächter Form, jeden Christentums) stand ich lange verständnislos gegenüber, er war der vergessene Keller meines Glaubens, selbst als ich sonntags schon wieder leidlich regelmäßig in die Kirche ging. Dass wir da (vor den Mürbekeksen und dem Apfelsaft) unter der Figur eines gemarterten Mannes mit einer blutenden Wunde an der Seite saßen, kam mir bestenfalls bizarr vor.

Nun, mit knapp 40 Jahren, blicke ich anders auf die Wundmale Jesu. Ich meine darin Spuren meiner eigenen Blessuren zu erkennen, körperlicher, aber auch seelischer. Und ich finde es tröstlich, dass in meiner Religion ein Gott verehrt wird, der (wieder so eine mir früher rätselhafte Formel) ganz Gott, aber eben auch ganz Mensch ist. Ostern ist nicht nur das Fest der Auferstehung, es erinnert auch daran, wie Jesus an Karfreitag gequält und getötet wurde.

Ich glaube, dass wir in unserem Leben viel häufiger unausweichlichen Schmerzen unterworfen sind, als uns oft bewusst ist. Mal sind es Schmerzen, die ungerecht sind und falsch (wie etwa bei einem Unfall, einem Unrecht oder auch nur einer Trennung), mal, fast schlimmer noch, sind die Schmerzen groß und doch notwendig (etwa bei einer medizinischen Behandlung). Ich lag als Kind wegen verschiedener Operationen über mehrere Jahre immer wieder in einem Kinderkrankenhaus. Die Wunden sind längst verheilt, aber Narben sind geblieben.

 

Um von der Erinnerung an Wunden zu genesen, muss man sich ihnen erst einmal stellen. Leider verstärkt diese Erinnerung zunächst den Schmerz, ehe sie ihn lindern kann. Hätte Jesus seinen Martern ausweichen können? Wahrscheinlich ja, schließlich war er Gottes Sohn. Aber er hat darauf verzichtet, er hat sein Leiden akzeptiert (aus Gründen, die jetzt zu weit führen). Dass er am Ende Erlösung erfährt (für sich und, so glaubt der Christ, sogar für uns), macht aus seinem Horrortrip eine Hoffnungsgeschichte.

Für den Umgang mit Traumata einen Religionsstifter zu haben, der sein Leiden konfrontiert hat (und Erlösung fand!), ist schon mal eine Hilfe. Und plötzlich wirkt es nicht mehr ganz so floskelhaft, wenn die Kirche predigt, Jesus Christus sei für unsere Schmerzen gestorben.

Natürlich muss man diese persönliche Theologie des Schmerzes in keiner Weise teilen, und vielleicht sehe ich selbst die Dinge in ein paar Jahren schon wieder anders. Aber heute hat mir diese Blickrichtung geholfen, und ich hätte sie nicht gefunden, wenn sich nicht immer wieder Kirchenfrauen und -männer um die Auslegung der Bibel bemüht hätten.

"Verwundet bin ich – und aufgehoben" ist so ein Satz angewandter Theologie, den ich neulich in einer Broschüre meines Kirchenkreises fand. In einer Wellness-Gesellschaft, die sich der Schmerzvermeidung um jeden Preis verschrieben hat, plädiert jemand für die Achtung vor dem Schmerz. Bleibe ich deswegen in der Kirche? Manchmal reicht schon ein Wort.

Patrik Schwarz, stellvertretender Politikchef der ZEIT und Sohn einer Münchner Pastorin kam über die taz zur ZEIT