Es gibt eine merkwürdige Legende um Leonardo da Vincis Abendmahl, eine jener Geschichten, die immer wieder erzählt werden, obwohl ihr Ursprung im Ungewissen liegt: Als da Vinci am Ende des 15. Jahrhunderts sein berühmtes Abendmahl an die Wand der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie malt, sucht er dreizehn Gesichter, die Jesus mit seinen zwölf Gefährten darstellen könnten. Er lässt sich von den Physiognomien verschiedener Mailänder Bürger inspirieren und porträtiert sie einen nach dem anderen: als Petrus, als Johannes, als Jakobus und so weiter. Zuletzt fehlen am langen Tisch nur noch zwei Köpfe: der des Verräters Judas und der des Erlösers Jesus. Letzteren findet da Vinci schließlich in einem jungen Mann, aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtet. Der sitzt ihm Modell und wird als todgeweihter Christus verewigt, das Haupt leicht geneigt, die Augen gesenkt.

Fehlt bloß noch Judas. Der Künstler sucht und sucht, erblickt aber nirgendwo eine Visage, in der sich die Zerrissenheit und Verworfenheit der Verräterseele eindrucksvoll genug gespiegelt hätte. Deshalb bleibt die Figur des Judas im Fresko für viele Jahre gesichtslos. Und plötzlich stößt da Vinci auf seinen Judas: Es ist ein Mailänder mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarten. Auch dieser Mann sitzt da Vinci bereitwillig Modell. Und der malt ihn hinein in den Kreis der aufgebrachten Jünger, die gerade erfahren haben, dass einer von ihnen den Meister verraten wird. Malt ihn mit abgewandtem und verschattetem Gesicht.

Als sein Porträt fertig ist, richtet der Judas das Wort an den Künstler: "Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt, ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen." Und er zeigt auf die lichte Gestalt des Jesus. – Natürlich brauchte da Vinci in Wirklichkeit nicht zwanzig, sondern nur vier Jahre für sein Abendmahl. Die Gesichter von Jesus und Judas sind aber tatsächlich unvollendet geblieben. Die Legende schildert indes keine Begebenheit im Mailand des ausgehenden Mittelalters, sondern erzählt von der Ambivalenz der Seele. Vom Erleuchteten und von seinem finsteren Bruder. Vom Andächtigen und vom Abgekehrten. Von dem über jeden Zweifel Erhabenen und dem vom Zweifel Zerfressenen. Von zwei Antipoden, die ein und derselbe sind. Also vom Menschen.

Judas war einer der Jünger Jesu. Er trägt als einziger eine Ortsbezeichnung im Namen: Ischariot, was vermutlich "aus Kariot" bedeutet. Judas gehört wie Jesus dem Stamme Juda an, dem erwählten Stamm Davids. Er soll – so erzählt es das Neue Testament – den abtrünnigen Rabbiner, den ketzerischen Wanderprediger Jesus beim Passahfest in Jerusalem an dessen Todfeinde, die dogmatische jüdische Sekte der Pharisäer, verraten haben. Es ging darum, Jesus abseits des Rummels der Festlichkeiten und unbemerkt von seinen Fans in die Gewalt zu bekommen. Judas, erfährt der Leser, führt bewaffnete Soldaten in den nächtlichen Garten Gethsemane und bezeichnet den festzunehmenden Jesus mit einem Kuss. Dem Judaskuss. Die mächtigen Pharisäer sorgen dann mit Ranküne und Erpressung dafür, dass der Störenfried Jesus mithilfe der römischen Besatzungsmacht hingerichtet wird. Dreißig Silberlinge soll Judas für die Auslieferung des Gottessohnes kassiert haben. Das war auch 33 nach Christus nicht viel. Als Judas die Auswirkungen seines Verrats erkennt, erhängt er sich.

Ohne den abtrünnigen Jünger gäbe es kein Heilsgeschehen

Viel mehr weiß man nicht über den düstersten aller Jünger. Die vier Evangelisten lassen kein gutes Haar an ihm. Geldgierig und hinterhältig sei er von jeher gewesen. Ein Gewissenloser. Ein Verräter von der ersten Stunde an. Je größer der Abstand zwischen der Entstehung des jeweiligen Evangeliums und dem historischen Geschehen, desto niederträchtiger die Ausformung des Judas. In den mittelalterlichen Darstellungen erscheint er dann als Inbegriff des Bösen, als Werkzeug des Teufels. Er wird zur Hassfigur der Kirche – und zum Liebling der Antisemiten.

Merkwürdig bloß, dass der Vielschreiber Paulus, der nur wenige Jahre nach dem Kuss zu den Jüngern stößt, nicht ein einziges Wort über den angeblichen Verrat verliert. Schämte man sich in der frühen Christenheit dieses schwarzen Schafes so sehr? Oder hat es den Judaskuss womöglich gar nicht gegeben?

Judas wirkt wie eine literarische Figur, die auf die Bühne geschickt wird, weil das Drama sie braucht, um sich zu entfalten. Judas, der Katalysator in diesem Prozess: eine Substanz, die hinzugefügt wird, die gewünschte Reaktion hervorruft und sich rückstandslos auflöst. Denn was wäre aus Jesus geworden ohne den Skeptiker, den Aussteiger Judas? Definitiv kein Auferstandener, höchstens eine Art Konfuzius, bis ins Alter metaphysische Texte ersinnend, die in seiner jüdischen Splittergruppe mächtig gut angekommen wären. Oder – wie der Rhetorikprofessor Walter Jens räsoniert – bloß ein verrenteter Zimmermann, "nicht gekreuzigt, sondern am Kreuze schnitzend: ein unter seinesgleichen geachteter Mann, dem die Sprüche längst verziehen waren, die er gemacht hatte, als er jung gewesen war". Ohne Judas, den Verräter, hätte es das Christentum nie gegeben. Kein Heilsversprechen. Keine Erlösung. Kein Opfer. Keine Religion.