Es gibt eine merkwürdige Legende um Leonardo da Vincis Abendmahl, eine jener Geschichten, die immer wieder erzählt werden, obwohl ihr Ursprung im Ungewissen liegt: Als da Vinci am Ende des 15. Jahrhunderts sein berühmtes Abendmahl an die Wand der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie malt, sucht er dreizehn Gesichter, die Jesus mit seinen zwölf Gefährten darstellen könnten. Er lässt sich von den Physiognomien verschiedener Mailänder Bürger inspirieren und porträtiert sie einen nach dem anderen: als Petrus, als Johannes, als Jakobus und so weiter. Zuletzt fehlen am langen Tisch nur noch zwei Köpfe: der des Verräters Judas und der des Erlösers Jesus. Letzteren findet da Vinci schließlich in einem jungen Mann, aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtet. Der sitzt ihm Modell und wird als todgeweihter Christus verewigt, das Haupt leicht geneigt, die Augen gesenkt.