Hilft Hightech gegen Raub und Diebstahl? Lassen Einbrecher die Finger von Wertgegenständen, deren rechtmäßiger Besitzer sich auch nach vielen Jahren noch eindeutig feststellen lässt? Können Überfälle auf Tankstellen verhindert werden, wenn die Räuber bei der Tat mit einer Flüssigkeit besprüht werden, die sie überführen kann?

Auf diese Fragen sucht die Bremer Polizei seit November in einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt eine Antwort. Gefunden hat sie sie noch nicht, dafür aber eine lautstarke Debatte über die Privatisierung der Strafverfolgung losgetreten. Dabei werden nicht nur rechtliche Bedenken ins Feld geführt. Es wird mit frisierten Statistiken gearbeitet, mit populistischen Umfragen und problematischen Plakaten. Es ist ein Lehrstück über die Fallstricke, die drohen, wenn Kriminalität mit technischer Aufrüstung bekämpft werden soll.

Große rot-weiße Schilder im Versuchsgebiet in der Bremer Neustadt warnen potenzielle Diebe. "DNA-Spuren führen zum Täter", ist darauf zu lesen, darunter ein symbolischer Fingerabdruck. Die gleiche Botschaft tragen auch mehrere Hundert Aufkleber an Türen und Fenstern der drei- bis vierstöckigen Häuserblocks. Das von Spielhallen, Internetcafés und Discountmärkten eingerahmte kleinbürgerliche Viertel ist Schauplatz des gut 100.000 Euro teuren Pilotprojekts "Eigentumsschutz durch künstliche DNA".

Gemeint ist damit nicht der menschliche Gencode, sondern ein transparenter Lack, mit dem Computer, Schmuck, Videorekorder und andere Wertgegenstände eindeutig, dauerhaft und fast unsichtbar markiert werden können. Ein Set mit einem Fläschchen Lack, Tupfer und Anleitung hat die Polizei an über 1000 Haushalte in der "Pilotregion" verteilt, zusätzlich sind auch alle Bremer Schulen, Hochschulen, Kindertagesstätten und andere öffentliche Einrichtungen damit ausgestattet worden.

Ein DNA-Lack für Wertgegenstände ordnet diese eindeutig ihrem Besitzer zu

Wie ein unverwechselbarer Fingerabdruck haftet der Lack auf einmal markierten Gegenständen. Solches Diebesgut kann eindeutig seinem Besitzer zugeordnet werden. Denn in der Flüssigkeit stecken winzige Kunststoffplättchen, sogenannte Microdots, mit einer eingravierten Nummer.

Stößt die Polizei bei der Überprüfung eines Verdächtigen auf mutmaßliche Beute, kann sie die Markierung mit einer UV-Lampe suchen und auf der Wache mit einem Mikroskop die Zahlenfolge auf den Microdots auslesen. Eine zentrale Online-Datenbank gibt darüber Auskunft, welchem Eigentümer sie zugeordnet ist. Im Rahmen des Pilotprojekts kümmert sich die Polizei um den Datenbankeintrag und trägt auch die Kosten. Später aber sollen die Nutzer sich selbst registrieren und Jahr für Jahr 7,50 Euro bezahlen.

Wer markierten Besitz verkauft oder verschenkt, muss das ebenfalls in der Datenbank vermerken lassen, damit der neue Eigentümer nicht zu Unrecht unter Verdacht geraten kann. Sind in der Markierung keine Microdots mehr zu finden, können selbst winzige Reste des Lacks noch immer in jedem forensischen Labor untersucht werden. Denn er enthält eine kleine Menge künstlich erzeugter DNA. Die Kombination der Nukleinbasen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin ergibt in jeder Charge einen anderen, einzigartigen Code. Auch er ist in der Datenbank hinterlegt. Der Lack leuchtet unter Schwarzlicht lila, ist aber mit bloßem Auge unsichtbar. Die schiere Möglichkeit einer Markierung soll Diebe und Hehler abschrecken. 

DNA-Duschen sollen Einbrecher und Räuber abschrecken

Wie stark das Projekt auf den psychologischen Effekt setzt, zeigt ebenso die zweite Anwendung im Bremer Versuchsgebiet: Sogenannte DNA-Duschen über der Eingangstür sollen Einbrecher und Räuber abschrecken. Werden sie ausgelöst, versprühen sie feine Tröpfchen einer mit Kunst-DNA versetzten Flüssigkeit. Unsichtbar haftet sie bis zu sechs Wochen lang auf Haut und Kleidung, kann nicht abgewaschen werden und leuchtet unter UV-Licht auf. Auf frischer Tat markierte Verdächtige könnten von der Polizei leicht einem Tatort zugeordnet werden. Gesundheitlich sei das unbedenklich. Ein Bremer Polizist demonstrierte es im öffentlichen Selbstversuch.

Allerdings haben bisher ganze zwei Tankstellen solche Duschen installiert, eine von ihnen war innerhalb von zwei Jahren neun Mal ausgeraubt worden. "Überfallschutz durch DNA", warnt jetzt ein Aufkleber an der Eingangstür. Dabei soll die Anlage nur nachts, wenn die Tankstelle geschlossen ist, gegen Einbrecher eingesetzt werden, versichert die Orlen GmbH, Betreiberin der beiden Tankstellen. "Wir müssen ja unsere Mitarbeiter vor Ort schützen", erklärt Firmensprecherin Carolin Ewert. Denn die gerieten womöglich in zusätzliche Gefahr, wenn ein Räuber besprüht werde und darauf aggressiv reagiere.

"Wir wollen das schon als Überfallschutz", entgegnet Günther Wiechert, Geschäftsführer des Projekts beim Bremer Landeskriminalamt. Ein Supermarkt habe Interesse geäußert, auch mit häufig von Überfällen betroffenen Spielhallen, Juwelieren und Kiosken liefen Gespräche. Zunächst sollen jedoch die Beratungen in der Innendeputation der Bürgerschaft abgewartet werden. Dort gibt es Streit. Rolf Gössner, Innenpolitiker der Linken, hatte auf die rechtliche Grauzone bei der Strafverfolgung hingewiesen, in der "private Betreiber zu staatlich lizenzierten Kooperationspartnern der Polizei" würden. Außerdem befürchtet er einen "problematischen Verdrängungseffekt": Täter könnten künftig gezielt ungesicherte Objekte ins Visier nehmen.

Sowohl Nutzen als auch Kritik sind bisher bloße Theorie. In den ersten drei Monaten nach Projektstart hat Kunst-DNA noch in keinem einzigen Fall eine Rolle in der polizeilichen Ermittlungsarbeit gespielt. Wirken soll das Ganze sowieso vor allem durch Abschreckung. "Außerdem wollen wir das Sicherheitsgefühl der Bürger stärken", sagt Wiechert. Die Anwohner hat er auf Bürgerversammlungen informiert, die potenziellen Diebe will er mit den großen Schildern, mit Flyern und einem ausführlichen Artikel in der Gefangenenzeitung der Bremer JVA erreichen. "Der Profi lässt sich davon nicht aufhalten", sagt Wiechert, "aber das ist auch nicht unsere Zielgruppe." Wen er stattdessen im Visier hat, macht er an einem Beispiel deutlich: "Neulich haben wir einen drogenabhängigen Hartz-IV-Empfänger mit einer Breitling-Uhr am Arm angehalten." Ob sie gestohlen war, ließ sich nicht feststellen. "Sie war nicht markiert, da haben wir ihn laufen lassen."

Unter Deutschlands Großstädten ist Bremen Spitzenreiter bei Wohnungseinbrüchen. Die Kriminalitätstatistik zählt im Jahr 4,38 Fälle pro tausend Einwohner. Schlusslicht ist die Hansestadt dagegen bei der Aufklärungsquote. Nur einer von 18 Einbrüchen wird aufgeklärt. Kein Wunder, dass Bremens Polizeipräsident ganz Ohr war, als er Anfang vergangenen Jahres auf einer Tagung der Polizeihochschule Münster-Hiltrup von einer fast unglaublichen Erfolgsgeschichte aus Großbritannien hörte: Um 80 Prozent sei dort die Zahl der Wohnungseinbrüche in Stadtteilen mit DNA-Markierungs-Projekten zurückgegangen. Auf mehreren Pressekonferenzen und Informationsveranstaltungen der Bremer Polizei wurde die britische Statistik seitdem publik gemacht.

Dabei ist sie falsch. Referent der Polizeitagung in Münster war Phil Cleary, Expolizist und Gründer von SmartWater. Zusammen mit seinem Bruder Mike, einem Chemiker, hatte er Ende der neunziger Jahre eine Markierungstinktur auf den Markt gebracht, die ähnlich wie das in Bremen eingesetzte Produkt der niederländischen Firma SelectaDNA funktioniert. Über eine Million britischer Haushalte haben ihre Wertgegenstände bereits mit SmartWater markiert, viele Kirchen setzen die Tinktur ein, um wertvolle Bleidächer zu schützen.

Die von Cleary angeführten Rückgänge der Wohnungseinbrüche von 34 bis 100 Prozent für 13 Orte mit Markierungsprojekten klingen beeindruckend. Einem Vergleich mit der offiziellen Kriminalitätsstatistik halten sie jedoch nicht stand. Das Unternehmen hat sich in jedem Einzelfall einfach den Vergleichszeitraum mit den besten Zahlen herausgesucht. Werden überall die Jahre 2002 (vor Beginn des Massenverkaufs) und 2008 miteinander verglichen, liegt der Rückgang in keinem der ausgewählten Orte über 50 Prozent, oft sogar deutlich darunter – und unterscheidet sich damit nur unwesentlich von der landesweiten Entwicklung. Insgesamt weist die Kriminalitätsstatistik für England und Wales im gleichen Zeitraum nämlich einen Rückgang der Wohnungseinbrüche um 36 Prozent aus. 

Die Erfolgsgeschichten aus Großbritannien sind übertrieben

Nur in Nottingham, mit knapp 300.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt auf der SmartWater-Liste, hat es tatsächlich einen überproportionalen Rückgang gegeben. Die Markierungsflüssigkeit wurde dort kostenlos an jeden dritten Haushalt verteilt. Gleichzeitig startete die Stadt ein groß angelegtes Aufklärungs- und Präventionsprojekt, in dem auch die Polizeipräsenz erhöht wurde und vor allem ambulante Hilfseinrichtungen für Drogenabhängige, die für den Großteil der Einbrüche verantwortlich sind, geschaffen wurden. "Welche Maßnahme mit welchem Anteil zum Erfolg beigetragen hat, wissen wir nicht", sagt Scott Marshall, Sprecher des städtischen Projekts. Eine wissenschaftliche Begleitung, die solche Aussagen ermöglichen würde, gab es weder in Nottingham noch in einem anderen Projektgebiet.

Britische Medien zitierten jedoch häufig eine Studie des Kriminologen Martin Gill von der Universität Leicester. Der Wissenschaftler hatte 100 Tatverdächtige befragt: Welche Sicherheitstechnik würde sie am ehesten von einem Wohnungseinbruch abhalten? SmartWater landete dabei deutlich vor Überwachungskameras, Alarmanlagen und Wächtern. "Dieses Ergebnis darf aber nicht verallgemeinert werden", warnt Gill selbst. Die 100 Interviews hatte er mit frisch Verhafteten in einer Polizeistation geführt. "Wirklich repräsentative Studien gibt es zu dem Thema bisher nicht."

Als leuchtendes Vorbild in Sachen Kriminalitätsbekämpfung ist Großbritannien ohnehin völlig ungeeignet. Nirgendwo in Europa werden mehr Einbrüche verübt. Und das, obwohl Polizei und Sicherheitsdienste technisch aufgerüstet haben wie nirgendwo sonst. Millionen Überwachungskameras und Alarmanlagen sind im Einsatz, selbst mit kamerabestückten Drohnen hat die britische Polizei schon experimentiert. Trotzdem verzeichnet sogar das vermeintliche Erfolgsmodell Nottingham noch immer fünfmal so viele Wohnungseinbrüche wie der deutsche Spitzenreiter.

"Haben Räuber ein Recht auf Datenschutz?"

All das haben die Bremer Bürger bisher nicht erfahren. Die Lokalpresse hat sich stattdessen auf Imke Sommer eingeschossen, Bremens Datenschutzbeauftragte. Ihr war das Werbeplakat des Projekts übel aufgestoßen, das an Schulen und Polizeirevieren aushängt. Neben dem Logo des Herstellers SelectaDNA trägt es auch den offiziellen Polizeistern und das Bremer Amtswappen. Darüber ist ein Bösewicht in Handschellen zu sehen, auf seinem Gesicht leuchtet der Schriftzug "schuldig" in sechs Sprachen. In der Mitte steht in dicken Lettern: "Es steht Dir ins Gesicht geschrieben – die Polizei macht Straftäter sichtbar."

Eine private Firma, die ohne gesetzliche Regelung unter dem Segen der Polizei mit rein technischen Mitteln ein Urteil vorwegnimmt, für das in einem Rechtsstaat allein Gerichte zuständig sind – das ging Sommer dann doch entschieden zu weit. Ihrem Unmut machte sie in einem Auskunftsersuchen an den Tankstellenbetreiber Orlen Luft und verwies auf "große datenschutzrechtliche Bedenken". Der Brief landete beim Weserkurier. Haben Räuber ein Recht auf Datenschutz?, fragte die Lokalzeitung daraufhin süffisant – und erhielt vorhersehbar empörte Leserbriefe zur Antwort. Die öffentliche Aufregung zeigte schnelle Wirkung: In einer gemeinsamen Erklärung kündigten Innen- und Justizsenator fünf Tage später an, den Einsatz von DNA-Sprühanlagen "fortzusetzen und auszubauen" – auch als "Abschreckung gegen Überfälle". Bei privaten Einrichtungen wie Tankstellen oder Spielhallen solle dies in Zukunft ausschließlich "unter der Schirmherrschaft bzw. beratender Begleitung der Polizei" geschehen.

Die war völlig überrascht von den Bedenken gegen ihr Projekt. "Das Bild auf unserem Werbeplakat hatten wir ehrlich gesagt überhaupt nicht problematisiert", gesteht Geschäftsführer Wiechert. Der Vorwurf, etwas salopp mit der Unschuldsvermutung umzugehen, ist dem nüchternen Beamten sichtlich peinlich. Dass der Einsatz künstlicher DNA zu Abschreckung und Ermittlungserfolgen führe, sei keineswegs sicher. "Das wollen wir mit dem Projekt ja gerade erst herausfinden", sagt Wiechert.

Seit Beginn der Berichterstattung über DNA-Markierungen und -Duschen hat es in Bremen nur noch einen einzigen Überfall auf eine Tankstelle gegeben. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Raubüberfälle auf Spielhallen allerdings verdoppelt. Eine Verlagerung? Das könne Zufall sein, sagt Wiechert. Mit belastbaren Zahlen über die Kriminalitätsentwicklung in der Bremer Neustadt und in den benachbarten Vierteln sei frühestens Mitte 2011 zu rechnen. "Ein Scheitern ist nicht auszuschließen."

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