Manchmal fühle ich mich wie Günter Wallraff. Wie ein Enthüllungsreporter in einem schwierigen Milieu. Ich sitze in meinem Zimmer in einer Zweiraumwohnung im Leipziger Stadtteil Schönefeld, hier lebe ich zusammen mit meiner Mutter. Irgendwie ist dieses Zimmer im Kontrast zur restlichen Wohnung eine kleine Parallelwelt. Auf dem Fensterbrett liegt die Tageszeitung, im Bücherregal steht ein Gedichtband. An der Wand hängt ein Poster der Band Blumfeld. In der Ecke stehen zwei Gitarren und ein Keyboard. Durch mein Zimmer weht ein Hauch von adoleszentem Aufbruch, während außerhalb dieser 14 Quadratmeter beinahe alles von Resignation beherrscht wird.

Es ist halb zwölf vormittags. Gleich gibt es Essen. Schon von Weitem höre ich aus der Küche, wie das neue Album von Mark Medlock aus den Boxen dröhnt. Ich laufe in die Küche, drehe die Musik leiser und warte. Meine Mutter steht am Herd und schüttet mir Spirelli auf den Teller. "Bitte vergiss nicht, mir deine Geldkarte zu geben", erinnert sie mich, "ich muss doch noch die 250 Euro abheben." – "Ja", antworte ich und bin genervt.

Mit meinem Teller in der Hand gehe ich in mein Zimmer zurück und ärgere mich darüber, dass ich meiner Mutter jeden Monat 250 Euro geben muss, eine Art Taschengeld. Deshalb ist mir der Appetit vergangen, auch wenn ich schon den ganzen Tag versucht habe, den Ärger zu verdrängen. Doch die Realität läuft huckepack mit mir.

Nur damit das klar ist: Ich liebe meine Mutter.

Sie ist 50 Jahre alt und seit 17 Jahren arbeitslos, sie ist Hartz-IV-Empfängerin. Ich bin 20 Jahre alt und leiste momentan in einem Altenheim meinen Zivildienst. Und so hat das Arbeitsamt mir meinen monatlichen Regelsatz von 287 Euro mit der Begründung gestrichen, ich könne durch meinen Zivildienstsold erst mal selber für mich sorgen. So muss ich nun mehr als die Hälfte davon an meine Mutter abgeben, damit die Haushaltskasse wieder stimmt. Gerne würde ich für meine Zukunft vorsorgen, zum Beispiel für meine eigene Wohnung sparen. Ich will bald ausziehen. Raus aus dem Hartz-IV-Trott, hinein in ein Leben, in dem ich mich frei entfalten kann. Doch sparen kann ich nicht. Ich habe ja sowieso keine Zukunft.

Ich bin am Tropf des Staates aufgewachsen, und die Allgemeinheit stuft mich pauschal als Unterschicht ein. Doch ich trage keine Unterschicht in mir. Ich bin gefühlte Oberschicht. Sich als Abiturient mit Hartz-IV-Bewilligungsbescheiden beschäftigen zu müssen ist bitter. Ich kokettiere ganz bewusst mit meiner Rolle als Hartz-IV-Filius. Denn ich fühle mich in ihr gefangen, sie wird mir aufgezwungen. Dennoch ist unser Zwei-Personen-Haushalt ein Beleg dafür, dass Hartz IV nicht durch die Venen fließt und Armut keine Erbkrankheit ist.

Die Situation meiner Mutter ist, solange ich denken kann, prekär: Sie hat es mit der Hüfte, mit dem Rücken und hat ständig diesen Druck auf den Ohren. Sie ist gelernte Facharbeiterin für Textiltechnik, begann in den frühen achtziger Jahren in einer Leipziger Baumwollspinnerei zu arbeiten. Nach ein paar Jahren jedoch bekam sie Rückenprobleme. Die achtstündige Arbeit im Stehen wurde immer mehr zu einer Tortur. Sie musste aufhören. In der folgenden Zeit war sie als Küchenhilfe und Putzkraft in einer Bäckerei beschäftigt, bis sie im Jahr 1993 auch diesen Job verlor – Personalabbau.