Leicht unterschätzt man 32694 Dörentrup. Das liegt nicht zuletzt an der geografischen Lage: Die Gemeinde befindet sich, wo die deutsche Landkarte noch weiße Flecken hat – im Nordlippischen. Städtchen mit seltsam klingenden Namen liegen unweit – Lemgo, Detmold, auch Hameln. Doch immerhin: Ein Hilmar von Münchhausen hat hier ein Schloss gebaut. Der Schalker Rechtsaußen Reinhard "Stan" Libuda wurde im Ort geboren. Und heute gibt es in Dörentrup sogar ein virtuelles Rathaus. Jetzt aber der Hammer: Dörentrup ist wahrscheinlich das bekannteste deutsche Dorf in Australien, den USA und England, also weltweit. Und das kam so:

Vor drei Jahren machte sich Frau Grothe Sorgen. Der Bürgermeister hatte Dörentrup Sparen verordnet und beim Straßenlicht gleich hart durchgegriffen. Schlag elf Uhr abends wurde es in Dörentrup so finster, wie es nur im Lippischen sein kann. Wenn die Kinder aus der Disco heimkamen, hatten die Eltern ein schlechtes Gefühl. Auch Frau Grothe.

Da hatte Herr Grothe, Werbefachmann im Dienste mehrerer Leuchtmittelhersteller, eine Idee: Warum nicht die Straßenlampen schalten wie das Treppenhauslicht? Er tat sich mit den Stadtwerken Lemgo zusammen. Man verwarf Scheckkartenschlitze an den Laternen wegen der Kaugummi-Anfälligkeit. Ebenso fielen Bewegungsmelder durch, denn sie reagieren auf Igel. Man kam dann schnell aufs Telefon. Ein Anruf – und die Straße oder die Siedlung wird hell. Für eine Viertelstunde. Aus der Idee wurde ein Projekt, ein Testgebiet in Dörentrup wurde ausgesucht, die Medien wurden aufmerksam, die Sendung mit der Maus kam vorbei. Im Nu war das Bedarfslicht für Dörfer weltweit bekannt. Jetzt hat das Kind einen schicken Namen und wird vermarktet: dial4light

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Die Weltzentrale von dial4light liegt in einem kleinen Büro der Stadtwerke Lemgo im ersten Stock. Verkaufsdirektor Bernd Klemme deutet auf einen Berg von Plastikkistchen: Modems, alle für Dörentrup, denn dort wird Ernst gemacht. Der Ort wird als erster weltweit flächendeckend mit Handylicht versorgt.

Die "Modems" sind eigentlich Handys mit ein bisschen Zusatzintelligenz. Sie werden in jene grauen Schaltkästen am Straßenrand eingebaut, auf denen das Plakatekleben stets verboten ist und deswegen mit Hingabe betrieben wird. Ein Anruf, und das Handy gibt dem Schaltrelais einen Hinweis – das Straßenlicht springt an. Um Unfug auszuschließen und den Schaltverkehr zu überwachen und auszuwerten, läuft die Kommunikation über einen Rechner im weit entfernten Rheinland-Pfalz. Der analysiert, ob der Anrufer angemeldet ist, und reicht den Schaltauftrag an den Schaltkasten weiter.

Damit die richtigen Lampen anspringen, steht auf jeder einzelnen eine Codenummer. Ich will in der Dörentruper Siedlung Großes Feld um 23 Uhr mit dem Hund raus? Ich drücke am Telefon oder Handy die einprogrammierte Telefonnummer plus Code 326902 – und Sekunden später haben Hund und Herrchen draußen Licht.

Zwischen Idee und Geschäft liegt ein dorniger Pfad. Herr Klemme seufzt, schon wieder klingelt das Telefon, diesmal Melbourne. Ein australischer Energieversorger hat von Lemgo gehört und bittet nun um Details. Das nötigste Vokabular auf Französisch und Englisch hat sich der Verkaufsdirektor gemerkt. Mit dem theoretisch möglichen Geschäftsumfang wäre aber selbst einer wie Klemme völlig überfordert: 12.400 Gemeinden gibt es in Deutschland, vier von fünf hält er für zukünftige Kunden. Darum versucht er gerade, ein Vertriebsnetz mit lizenzierten Partnern aufzubauen. Die werden geschult und erhalten Gebietsschutz.