Kommende Woche will Greenpeace Dokumente präsentieren, aus denen zweifelsfrei hervorgehen soll, dass der Endlagersuche im Wendland eine "politische Standortentscheidung" zugrunde liegt. In der Woche darauf tritt erstmals der Gorleben-Untersuchungsausschuss des Bundestages zusammen. Und kurz danach, zwei Tage bevor sich am 26. April der Tag der Tschernobyl-Katastrophe jährt, will die Anti-AKW-Bewegung mit Großdemonstrationen gegen die Nuklearpolitik mobilmachen. Die beiden Meiler im hessischen Biblis sollen umzingelt werden, und eine 120 Kilometer lange Menschenkette soll die beiden norddeutschen Reaktoren Brunsbüttel und Krümmel verbinden. Spektakuläre Bilder in der Tagesschau sind sicher.

Warum hat die Politik ausgerechnet hier alles auf eine Karte gesetzt?

Der Umstand, dass in Nordrhein-Westfalen in Kürze gewählt wird, verleiht den Protesten zusätzliche Brisanz. Abgestimmt wird dabei nicht nur über die Zusammensetzung des Landesparlaments, sondern womöglich auch über die Atompolitik des Bundes. Kippte Schwarz-Gelb an Rhein und Ruhr, fehlte im Bundesrat womöglich die Mehrheit – jedenfalls die für einen strammen Pro-Atom-Kurs.

Wie die Karten im scheinbar endlosen Streit um die Kernenergie verteilt sind, hängt maßgeblich davon ab, was bei der Wahrheitsfindung in puncto Endlagersuche herauskommt. Warum wurde allein Gorleben erkundet? Warum nicht auch mindestens ein anderer Standort? Warum setzte die Politik bei einer für die Energieversorgung so wichtigen Frage alles auf eine Karte?

Weil die Angelegenheit seit Jahrzehnten schwelt, können inzwischen nur noch Zeitgeschichtler wie Anselm Tiggemann Aufklärung schaffen. Der Kölner Historiker hat eine mehr als 800-seitige Dissertation über das Endlagerdrama verfasst. Momentan sichtet er wieder Akten. Niemand kennt die vielen Tausend Seiten so gut wie er. Niemand weiß so gut, wer wann was gesagt, gemeint und entschieden hat.

Die Quintessenz von Tiggemanns Recherchen: Erstens war der politische Prozess zu Gorleben alles andere als transparent. Zweitens hat er genug Anlass für den Verdacht politischer Einflussnahme geboten. Und drittens können weder Union noch SPD die Vorgänge heute zu ihrem Vorteil nutzen, ohne die Wahrheit zu verbiegen.

Die Geschichte beginnt, als noch alle Parteien von der Kernkraft überzeugt sind. Und sie beginnt nicht mit der Suche nach einem Standort für ein nukleares Endlager, sondern mit der nach einem Platz für ein Nukleares Entsorgungszentrum. Es soll ein einzigartiges Projekt werden. Eins, das ein Endlager für alle Arten radioaktiven Mülls umfasst, vor allem aber die größte Wiederaufarbeitungsanlage der Welt. 1974 beauftragt die sozialliberale Bundesregierung ein Privatunternehmen namens KEWA (Kernbrennstoff-Wiederaufarbeitungs-Gesellschaft mbh) mit der Standortsuche. Die KEWA sucht überall, aber vor allem in Niedersachsen. Nicht nur, weil dort die meisten Salzstöcke Deutschlands liegen, sondern auch, weil der damalige Ministerpräsident Alfred Kubel (SPD) dem Bund zusagt, das große deutsche Entsorgungszentrum in Niedersachsen zu verwirklichen.