Geologische Kriterien, die für die Sicherheit eines nuklearen Endlagers von Bedeutung wären, spielen bei der Standortsuche eine eher untergeordnete Rolle. Die unterirdische Endlagerstätte ist eben nur eine von mehreren Komponenten des geplanten Nuklearzentrums. Vor allem geht es um den Standort für die Wiederaufbereitungsanlage, eine große chemische Fabrik, die Mensch und Umwelt möglichst wenig stören soll. Am Ende schlägt die KEWA drei Standorte vor: Lutterloh in der südlichen Lüneburger Heide, Lichtenhorst im Lichtenmoor und Wahn im Emsland. Gorleben ist nicht dabei, weil es in einer "Ferienzone" liege, so die KEWA.

Lutterloh, Lichtenhorst, Wahn – die Bevölkerung in der niedersächsischen Provinz ahnt zunächst nicht, was da um sie herum erkundet wird. Es heißt, man suche Bodenschätze. Mit der Wahrheit, das hat der Historiker Tiggemann den Akten entnommen, will der Bund erst nach der Entscheidung für einen Standort herausrücken. Als sie doch bekannt wird, ist die Aufregung groß. Auch Kommunalpolitiker fühlen sich hintergangen.

Im Emsland schlägt die Angelegenheit im Januar 1976 Wellen – kurz bevor der Unionspolitiker Ernst Albrecht mit Stimmen aus der sozialliberalen Regierungskoalition in Niedersachsen überraschend zum Nachfolger des aus Altersgründen zurückgetretenen Ministerpräsidenten Kubel gewählt wird. Albrecht, Chef einer Minderheitsregierung, ist auf jede Stimme angewiesen, auch auf die von Walter und Werner Remmers aus dem Emsland, die beide für die CDU im Landtag sitzen. Sie sind wenig begeistert von der Idee, ausgerechnet im Emsländischen das Nuklearzentrum zu errichten.

Albrecht kann ihnen helfen. Glücklicherweise gibt es mehr potenzielle Standorte, als die KEWA in Augenschein genommen hatte. Das niedersächsische Wirtschaftsministerium führt im Herbst eine eigene Auswahl durch, unter den Standorten ist auch Gorleben. Man sucht zwar einen geeigneten Salzstock, aber in erster Linie geht es noch immer um den Standort für die Wiederaufarbeitungsanlage. Vier Standorte kommen in die engere Wahl, die Entscheidung fällt das niedersächsische Landeskabinett am 22. Februar 1977: für Gorleben.

Die damals von Helmut Schmidt geführte sozialliberale Bundesregierung ist beunruhigt. Gorleben liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zur früheren DDR entfernt. Man befürchtet, der Osten könne sich der geplanten Nuklearanlage im Konfliktfall handstreichartig bemächtigen. Die Bundesregierung versucht, Albrecht von Gorleben abzubringen oder ihn zu bewegen, wenigstens noch einen anderen Standort zu benennen. Vergeblich.

Nach Aktenlage glauben Albrecht und seine Leute, dass sich Grund und Boden über dem Gorlebener Salzstock einfacher erwerben lassen als an anderen Standorten. Das Land befindet sich tatsächlich weitgehend in einer Hand, nämlich in der von Andreas Graf von Bernstorff, der obendrein Mitglied der CDU ist. Doch Bernstorff will nicht verkaufen.

Stattdessen regt er an, das Konzept des Nuklearen Entsorgungszentrums unabhängig begutachten zu lassen. Albrecht, dem Landtagswahlen ins Haus stehen und der den Akten zufolge die Wiederaufarbeitung in Wirklichkeit am liebsten international, also außerhalb Niedersachsens lösen will, greift den Vorschlag auf und organisiert das sogenannte Gorleben-Hearing. Unter der Moderation des Kernphysikers Carl Friedrich von Weizsäcker diskutieren im Frühjahr 1979 mehr als 60 nationale und internationale Wissenschaftler in Hannover eine Woche lang über die Sicherheit nuklearer Entsorgungsanlagen; Albrecht ist fast immer dabei. Die sozialliberale Bundesregierung, die an einer raschen Lösung des Entsorgungsproblems interessiert ist, akzeptiert Albrechts Vorgehen zähneknirschend.

Inzwischen hat sich einige Tausend Kilometer entfernt, in Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania, der bis dahin schwerste Unfall in einem westlichen Atommeiler ereignet – just an dem Tag, an dem in Hannover das Gorleben-Hearing beginnt. Plötzlich lockt eine anlässlich des Hearings geplante Demonstration Zehntausende Bürger an. Abends ist in der Tagesschau von der "bisher größten Demonstration gegen Kernenergie in der Bundesrepublik" die Rede. Sechs Wochen später erklärt Albrecht, auf die Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben zu verzichten. Das Projekt sei zwar technisch realisierbar, aber politisch nicht durchsetzbar.