Das Erste, was einen nach der Ankunft in Khartoum mit voller Wucht trifft, ist die Hitze. 46 Grad und ein heißer Wind, als hätte Gott den Fön angeworfen. Dann kühlt der haboub, der Sandsturm, die Temperaturen auf 34 Grad herunter und verzieht sich rechtzeitig für den Wahlauftritt von Omar al-Baschir, der im Vorort Um Dawaban unter frenetischem Beifall religiöser Konservativer die Scharia preist und allen Alkoholkonsumenten 40 Hiebe androht. In einem nahe gelegenen Frauenzentrum im Stadtteil al-Mamora üben Wählerinnen in improvisierten Kabinen, sich durch den Wust von Stimmzetteln zu arbeiten. Die Sudanesen stimmen nicht nur über den Präsidenten, sondern auch über das National- und Provinzparlament sowie die Gouverneure ab. Etliche Parteien haben sich aufstellen lassen, das gab es seit über zwanzig Jahren nicht mehr. Die Wahlkampfmaschine läuft.

In einem Hinterhof in Nordkhartoum greift ein altes Männchen, das aussieht wie Mahatma Gandhi mit Turban, zum Mikrofon und ruft: "Es lebe die Revolution! Es lebe die Arbeiterklasse!" Ibrahim Nugud, Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei, beschwört vor seinem Publikum in einem Künstlertreff die Demokratie, die Freiheit der Kunst und verspricht für den Fall seines unwahrscheinlichen Wahlsiegs mehr staatliche Unterstützung für Sudans säkulare Poeten, Maler und Musiker. Streiklieder und Spottverse auf Militärs, Islamisten und "andere Lügner" runden den Abend ab, so manche Faust reckt sich aus der wehenden Jellabah in den Nachthimmel, Lautsprecher tragen den gut gelaunten Aufruhr über die Dächer der Nachbarschaft, der Geheimdienst hört aufmerksam mit. "Mal sehen, wie lange sie uns in Ruhe lassen", sagt einer der Künstler. Man praktiziere hier "freedom by hand, not by law". Freiheit, die man sich mit eigenen Händen nehmen muss, kurz vor den Wahlen. So sie denn wie geplant am 11. April und ohne Teil- oder Totalboykott der Opposition stattfinden, was sich im Sudan nie ganz sicher sagen lässt.

Wahlen im Sudan? In einem Land, dessen Präsident erneut kandidiert, aber vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Gräueltaten in Darfur mit Haftbefehl gesucht wird? Wahlen, die schon im Vorfeld jeder Diplomat als nicht frei und fair bezeichnet, die aber trotzdem von UN und EU unterstützt werden? In einer Nation, die es in dieser Form schon bald nicht mehr geben wird, weil der Süden sich Anfang 2011 per Referendum in die Unabhängigkeit entlassen will? Wozu das Ganze?

"Um Spielräume zu schaffen", sagt Mariam al-Mahdi und plumpst, die Wangen noch feucht von der Gesichtsmaske, in das weiche Sofa des Diva-Beauty-Center, Khartoums neuester Adresse für Schönheitspflege und Braut-Präparierung. "Um Bürger aufzuklären, eine Protestkultur zu schaffen. Damit sie gegen den Wahlbetrug auf die Straße gehen werden. Damit das hier ein zweites Teheran wird."

Mariam al-Mahdi, Ärztin, Parlamentskandidatin der moderaten islamischen Umma-Partei, Vorsitzende der Frauenabteilung des Fußballclubs al-Hilal, Ehefrau und Mutter, entstammt der bekanntesten Politikerdynastie im Sudan.

Mariams Ururgroßvater Muhammad Achmed besiegte Ende des 19. Jahrhunderts das britisch-ägyptische Kolonialregime, erklärte sich selbst zum mahdi, zum von Allah gesandten Messias, errichtete für ein Jahrzehnt ein Kalifat und ist den Muslimen im Sudan bis heute ein Held. Die Nicht-Muslime erinnern ihn als brutalen Schinder, der die von den Briten geschlossenen Sklavenmärkte wieder eröffnete und im Süden auf Menschenfang ging. 

Mariams Vater, Sadiq al-Mahdi, war zweimal Premierminister, zuletzt von 1986 bis 1989, als ihn ein Armeeoberst namens Omar al-Baschir aus dem Amt putschte. Sadiq al-Mahdi kann von sich sagen, der letzte demokratisch gewählte Regierungschef gewesen zu sein. Doch zum Ende seiner von Skandalen und Korruption geprägten Amtszeit mussten die Khartumer für fast alles Schlange stehen – von Brot bis Benzin. Im Bürgerkrieg gegen den Süden schickte auch al-Mahdi, bevor er es mit Friedensverhandlungen versuchte, Reitermilizen, die massakrierten, vergewaltigten, plünderten.

Jetzt gilt seine Tochter als neues Gesicht der Familie, der Partei, und auch ihre Gegner bescheinigen ihr politisches Talent – ihre Anhänger hätten sie gern als Spitzenkandidatin gegen Omar al-Baschir gesehen, eine muslimische Powerfrau gegen einen islamistischen Militär. Aber stattdessen drängte sich der 75-jährige Vater noch einmal nach vorn, Teil des politischen Urgesteins, das bei der jungen Bevölkerung des Sudans nur noch ein Gähnen hervorruft.