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Velo-Clubs Brittnau zum Testfahren nach Huttwil gekommen.

Heini Bertschi sitzt seit fast 40 Jahren im Sattel, eine halbe Million Kilometer hat der drahtige Schweizer auf dem Tacho. Nun spürt er es: "Auch Rennradler werden älter." Also ist Bertschi mit 20 Mitgliedern des

Außerhalb des Kleinstädtchens auf halber Strecke zwischen Bern und Luzern hat die Firma Biketec vor ein paar Monaten ein schwarzes Niedrigenergie-Fabrikgebäude in Betrieb genommen, auf jeder Etage mehrere Espressomaschinen und auf dem Dach eine Solaranlage. Darunter montieren knapp 100 Mitarbeiter eine ganze Flotte von Elektrofahrrädern – die Swiss Flyer: "Eine bestechende Kombination aus intelligenter Mobilität, ökologischer Effizienz, individueller Freiheit und ultimativem Fahrspaß", schwärmt der Firmenprospekt, "Sie kommen in jedem Gelände zügig und mit einem Lächeln auf den Lippen voran." Bertschi sieht es nüchtern: "Wenn man älter wird, muss man eben eine Unterstützung haben."

Die steckt gleich hinter dem Tretlager. Ein kleiner schwarzer Elektromotor treibt die Kette umso stärker, je kraftvoller der Radler in die Pedalen tritt. Dafür sorgt die sogenannte Drehmomentsensorik zusammen mit einer elektronischen Steuerung, die in schweizerisch-japanischer Kooperation bei Panasonic entwickelt wird. Über breite Knöpfe an einem Display am Lenker kann die Motorunterstützung in drei Stufen dosiert werden, bis zur 1,5-fachen Kraft des Radlers. Wer noch mehr will, muss das E-Bike als Mofa anmelden und eine Haftpflichtversicherung abschließen. Damit zischen dann auch ungeübte Radler mit 40 Sachen über die Landstraße – und das ohne Helmpflicht.

 Bergauf ist elektrischer Rückenwind natürlich besonders angenehm. Mit 12 Prozent Steigung windet sich die Teststrecke aus dem Emmental hinauf nach Schönentüel. Mit 1,8-facher Kraftverstärkung oben angelangt, sind weder Seitenstiche noch Schweißausbrüche zu beklagen. Dafür signalisiert das Blinken der Akku-Anzeige bereits auf halber Höhe einen starken Spannungsabfall. Weiter geht es über die leicht gewellte Hochebene, nach 24 Kilometern und einer guten Stunde Fahrt ist der Akku endgültig leer.

Für eine ganztägige Fahrradtour eignen sich deshalb selbst die besten E-Bikes nur dort, wo es – wie in einigen Schweizer Touristengebieten – unterwegs Tauschstationen für verbrauchte Akkus gibt. Der Wechsel des Energiespeichers ist mit zwei Handgriffen in wenigen Sekunden erledigt. Das Aufladen dauert jedoch fünf Stunden. Von der Mitnahme geladener Ersatzakkus ist abzuraten. Bei einem Anschaffungspreis von 800 Euro pro Stück wäre das ein kostspieliges Vergnügen.

Außerdem wiegt der leistungsfähigste Lithium-Ionen-Akku knapp vier Kilo, die zusätzlich zum Eigengewicht des Fahrrads von 26 Kilo bewegt werden müssen – ein normales Tourenrad ist acht Kilo leichter. Bei Motorstillstand ist das E-Bike selbst auf ebener Bahn schwerfällig wie ein ungeöltes Hollandrad mit vollen Packtaschen, bergauf muss es geschoben werden. Mit 0,5facher Kraftverstärkung fühlt sich der Radler wie auf einem normalen Stadtrad, der Spaß fängt erst bei höherer Unterstützung an. Zur Jagd auf Fahrradkuriere reicht es nie und nimmer. 

E-Bike Kunden sind Rentner oder Menschen, die ungern schwitzen

"Als durchschnittliche Reichweite geben wir 40 Kilometer an", sagt Biketec-Exportleiter Gianni Mazzeo, "in der Praxis kann sie aber je nach Landschaft und Fahrweise zwischen zehn und 70 Kilometern liegen." Sein Kollege David Buess, der häufiger Gruppen auf Testfahrten begleitet, hat einen deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern festgestellt: "Die Frauen kommen meistens weiter; sie fahren einfach feiner und ausgeglichener."

Das Gleiche gilt für Radler im Rentenalter. Sie haben etwa die Hälfte der knapp 30.000 Elektrofahrräder gekauft, die im vergangenen Jahr in Huttwil montiert wurden. Die andere Hälfte ging an Verleihfirmen in Touristenregionen und an Stadtmenschen, die einen längeren Weg zum Arbeitsplatz gerne mit dem Rad zurücklegen, dort aber nicht verschwitzt ankommen wollen.

Arme Studenten und Berufsanfänger sind unter den E-Bike Kunden selten. Der Kaufpreis beginnt bei 2000 Euro und steigt bei der S-Klasse der E-Räder mit Scheibenbremsen, Federgabel und starkem 300-Watt-Motor bis auf 5000 Euro. Zwar sind die laufenden Kosten gering: Motor und Antrieb brauchen keine Wartung, und die Viertelkilowattstunde Strom für eine volle Akkuladung kostet gerade mal fünf Cent. Doch dafür muss der teure Akku alle drei bis vier Jahre ersetzt werden. Nach 500 bis 600 vollen Ladezyklen lässt die Leistung stark nach.

Gegenüber dem "roten Büffel" aus dem Jahr 1993 ist das ein echter Fortschritt. Er steht als ältestes Modell in einer kleinen Ausstellung im Foyer der Biketec-Fabrik. Eine sperrige mattweiße Bleibatterie hing damals unter der Stange eines ganz normalen roten Tourenrads. Zehn Jahre später hatte der Swiss Flyer seine typische Form mit besonders niedrigem Schwerpunkt, unauffälligem Motor und standardisierter Akkuhalterung gefunden.

Raum für Verbesserungen bleibt trotzdem. Zum Beispiel beim Zusammenspiel von Gangschaltung und Motorunterstützung. Die läuft auch ohne Tritt in die Pedale noch etwa eine Sekunde nach. Deshalb lässt sich die Nabenschaltung des Fahrrads nur zeitverzögert in einen niedrigeren Gang schalten. An steilen Hängen bremst das Rad dabei unangenehm ab. "Für bergiges Gelände empfehlen wir deshalb die Kettenschaltung", sagt Exportleiter Mazzeo, sie kann auch bei Motorantrieb betätigt werden.

Keine Patentlösung hat er für die geringe Reichweite des Akkus. Die von Konkurrenzfirmen eingesetzte Rückgewinnung von Energie beim Bremsen und Bergabfahren habe nur einen minimalen Effekt und rechtfertige den technischen Zusatzaufwand nicht. Die chinesischen Hersteller aller E-Bike-Akkus verbesserten zwar die Leistungsfähigkeit ihrer Produkte, so Mazzeo: "Rund zehn Prozent pro Jahr." Selbst wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird es noch weit mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis E-Bikes die Alltagstauglichkeit heutiger Handys erreichen, die nur nachts geladen werden müssen und einen ganzen Tag im vollen Einsatz durchhalten.

Nach Werksbesichtigung und Testfahrt ist Heini Bertschi denn auch skeptisch, ob E-Bikes der richtige Untersatz für die künftigen Seniorentouren des Brittnauer Velo-Clubs sind. Dafür sieht er einen anderen Vorteil: "Man kann die Frau mitnehmen – sie auf dem E-Bike und ich auf dem Rennrad."