Von Schiller gibt es eine, von Beethoven, von Brecht und auch von Heiner Müller. Warum aber sollten die RAF-Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe ebenfalls zu jenen Hochverehrten gehören, denen man gleich nach ihrem Tod eine Maske abnimmt, damit die Nachwelt sie niemals vergesse? Im letzten Jahr waren sie plötzlich aufgetaucht, drei Gipsmaken, drei noch im Tode schrecklich lebendige Gesichter. Ein Bildhauer hatte Ensslin, Baader und Raspe nach ihrem Tod 1977 im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim die Maske abgenommen, ohne Wissen der Staatsanwaltschaft. Lange lagen die drei Reliquien im Depot des Künstlers, bis dessen Tochter sie einem Kunsthändler anbot und dieser sie an das Deutsche Historische Museum verkaufen wollte; das Museum lehnte dankend ab. Dennoch sind die Masken nun zu sehen, in einer Kunstausstellung in Esslingen. Eine überaus geglückte Provokation.

Der Schrecken, den die Gipsabdrücke verbreiten, ist gleich ein doppelter: Nicht nur dem Terror meint man hier unmittelbar ins Gesicht zu blicken, auch der Tod gewinnt eine höchst ungewohnte Präsenz. Im Angesicht der drei Masken verliert das Leiden und Sterben, das sonst so gern verdrängt wird, alles Abstrakte, und nicht zuletzt davon fühlen sich viele Besucher der Ausstellung befremdet. Obwohl in jüngster Zeit oft von einer neuen Sichtbarkeit des Todes die Rede ist, erscheint es doch seltsam geschmacklos, das Gipsgesicht eines Verstorbenen auszustellen. Im 19. Jahrhundert hingegen gehörten Totenmasken quasi zur Grundausstattung eines bürgerlichen Haushalts, viele hüteten sie daheim im Sekretär, sorgsam eingeschlagen in ein Samttüchlein. Sich auf diese Weise der eigenen Herkunft zu vergewissern, zeugte von Bildung und Geschmack. Heute würde man es Totenkult nennen, eine höhere Art von Gruftitum.

Und wollte jemand ernsthaft widersprechen? Wer die drei Terroristen in der alten Würdeform der Totenmaske zur Schau stellt, der scheint unzweifelhaft an kultischer Verherrlichung interessiert zu sein. Wieder einmal kommt den Tätern mehr Aufmerksamkeit zu als den Opfern. Wieder frönt man dem RAF-Schick, der sich schon seit einigen Jahren auf T-Shirts und Mützen breitmacht. Und doch, bei allem Voyeurismus, aller Sensationsgier, sollte man die ästhetische Eigenmächtigkeit der drei Gipsabdrücke nicht unterschätzen. Sie taugen nicht zum Heldenkult. Es sind Masken, die demaskieren.

Schon in früheren Zeiten waren Totengesichter nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil sie sich einem Paradox verdanken. Sie fangen den Menschen ein, bewahren seine Lebendigkeit – und das just in jenem Moment, in dem er kein Mensch mehr ist, nicht mehr beseelt, nur noch vergängliche Materie. Natürlich gab es auch Bildhauer, die von lebenden Zeitgenossen eine Maske anfertigten. Doch erst im Ableben zeige der Mensch sein wahres Gesicht, unverstellt, ungekünstelt, davon waren viele Künstler überzeugt. Erst wenn das Innere erloschen ist, kommt das Äußere zu sich selbst.

Doch suchten die Menschen in den Masken nicht allein nach Authentizität. In ihnen findet auch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode zu einer Form. Sie scheint davon zu zeugen, dass selbst nach dem Ableben die Lebendigkeit nicht erlischt. In seiner Totenmaske sieht der Mensch aus, als sei er nicht gestorben, als schliefe er nur – und könnte jederzeit wiederauferstehen.

Noch heute ist diese Nähe zum Ungreifbaren zu spüren. Selbst ein Fremder rückt uns mit einem Mal ganz nah, der Hochgerühmte ebenso wie der als Mörderbestie Geschmähte. Es stimmt tatsächlich: In der Maske bleiben die Rollen zurück, zutage tritt der Mensch. Und das ändert alles.

Denn damit sind es keine Terroristen, die nun in Esslingen ausgestellt werden, es sind drei Menschen. Und nicht zuletzt darum sind viele Besucher so erbost: Hier erscheinen jene, die so viel Unmenschlichkeit verbreiteten, menschlich. In ihren Gesichtern zeigt sich der Terror nicht als abstrakter Feind, nicht als historisches Phänomen, nicht als politische Herausforderung. Der Terror wird persönlich, wird intim, mit einem Mal sind wir mit ihm auf Du und Du.