Als er im Winter vom Tod des Grafen Lambsdorff hörte, reiste Viktor Orbán zur Trauerfeier nach Brandenburg an der Havel. Ohne Anmeldung, ohne Einladung. Orbán kondolierte der Witwe, unsicher, ob sie sich an den Besucher aus Ungarn erinnern würde. Doch die Witwe erinnerte sich gut. Für ihren Mann war Viktor Orbán einst eine große politische Hoffnung gewesen – und eine schmerzhafte Enttäuschung. Mit wachsendem Entsetzen hatte Lambsdorff Orbáns Wandlung vom liberalen Hoffnungsträger zum Rechtspopulisten beobachtet und sich dann abgewendet. Er ließ ihn aus der Fraktion der Europäischen Liberalen ausschließen.

Am Sonntag wählt Ungarn im ersten Wahlgang ein neues Parlament, und Viktor Orbáns Partei Fidesz, dem Bund Junger Demokraten, werden bis zu 60 Prozent der Stimmen vorausgesagt. Dann würde Viktor Orbán von Neuem Ungarn regieren – ein Land, das sich so dramatisch wie kein anderes in Osteuropa gewandelt hat: von der "fröhlichsten Baracke" hinter dem Eisernen Vorhang, die sanft den Übergang zur Demokratie vollzog, zu einer Gesellschaft, die sich nationalistischen Mythen und einem grassierenden Rechtspopulismus hingibt.

Orbáns politische Karriere markiert diesen Wandel – und man fragt sich, was der 46-Jährige heute ist: ein Mann, der politische Stimmungswechsel schneller als andere erahnt und geschickt nutzt? Oder einer, der den kollektiven Rechtsruck gezielt betrieben hat?

Schon einmal hat Viktor Orbán regiert, und wer an diese Jahre zurückdenkt, fürchtet die kommenden. Von 1998 bis 2002 war er Ministerpräsident einer rechtskonservativen Regierung. Da beherrschte er längst die Kunst des stillen Tabubruchs – Orbán war es, der "ausländisches Kapital" als Gefahr für Heimat und Familie bezeichnete und die kommunistische Regierung "fremdherzig" nannte, womit jüdisch gemeint ist, und der nun sagt, er werde einen Ausverkauf Ungarns verhindern. Er reduzierte damals massiv die Zahl der Parlamentssitzungen und schaffte die Untersuchungsausschüsse ab. Als die Opposition einmal aus Protest den Plenarsaal verließ, rief er ihr hinterher, es ließe sich ohnehin besser ohne sie regieren. Als Orbán zwei Jahre im Amt war, ließ er in einer pompösen Zeremonie die Stephanskrone, das Symbol des einstigen ungarischen Königreichs, in das Parlament schaffen – nicht ohne einen Umweg über den Bischofssitz. Kirche, Krone und schwüles Pathos als Mittel der Politik.

2002 verlor er die Wahlen, aber er akzeptierte seine Niederlage nicht. Orbán trieb seine Anhänger auf die Straße. "Es kann sein, dass unsere Parteien und Abgeordneten im Parlament in der Opposition sind", sprach Orbán, als er oben auf dem Platz der Budapester Burg stand, zu seinen Füßen die Stadt und die Menschen. "Aber wir, die wir hier auf diesem Platz sind, werden nicht und können auch nicht in der Opposition sein." Orbán gründete "Bürgerkreise" gegen die sozialistische Regierung, in denen Politiker, Künstler und Intellektuelle vertreten waren, meist aus dem rechten Spektrum.

Anfang Februar 2010, ein überfüllter Saal in einem Budapester Theater, 500 Sitze, 900 Menschen, das Fernsehen überträgt eine Stunde lang live Viktor Orbáns Rede an die Nation. Er hat sich das vor zwölf Jahren vom amerikanischen Präsidenten abgeschaut, seitdem tritt er jedes Jahr auf. In diesen Augenblicken lässt sich vergessen, dass dieser Mann noch gar nicht regiert. Da steht er aufrecht, die ungarischen Fahnen in seinem Rücken, und spricht etwas zu schnell. Man müsse Ungarn vor den Extremisten schützen, sagt Orbán – und meint damit die Rechtsextremen und die Sozialisten. Orbán rührt einen Brei aus Religion und Politik, aus Glaube, Staat und Nation zusammen. Orbán sagt: "Und ich glaube an Ungarn."

Er hält sich zurück, denn er weiß: Diese Wahlen sind so gut wie gewonnen – wenn er jetzt keine Fehler macht wie damals, als er 2002 nach vier Regierungsjahren verlor, weil seine polarisierende Sprache, seine aggressiven Auftritte den Wählern zu viel wurden – und sie sich lieber einer Alternative zuwandten. Damals, als es noch eine Alternative gab, als die Sozialisten noch stark waren.