Wird er annehmen oder nicht? Diese Frage treibt die Mathematiker in aller Welt in diesen Tagen um, und sie gilt dem Russen Grigorij Perelman. Ihm hat die amerikanische Clay Foundation in der vorvergangenen Woche eine Million Dollar für die Lösung eines der sieben schwierigsten Matheprobleme zugesprochen – und der Geehrte bat sich eine (nicht befristete) Bedenkzeit aus.

Ein großes Medienecho folgte, wie vor vier Jahren, als Perelman die Fields-Medaille, den "Nobelpreis der Mathematik", ablehnte. Ihn eigen zu nennen, wäre kaum übertrieben: Ein akademischer Eremit mit wallendem Haar, persönlichen Macken und offenbar frei von Geltungsdrang – was für eine schöne Geschichte! Jetzt wird sie weiter gesponnen. Entzieht er sich dem Lockruf des Geldes?

Gut möglich. Perelman lebt mit seiner Mutter in einer Dreizimmerwohnung in Sankt Petersburg, die hygienischen Verhältnisse dort sollen nicht optimal sein, erzählen seine Nachbarn Reportern, manchmal spiele er einsam Tischtennis mit der Wand. Interviews lehnt er ab. Man darf sich freuen, wenn er durch die verschlossene Tür sagt, dass er nichts zu sagen habe.

Das stille Kämmerlein ist eben auch ein Ort, an dem Mathematik entsteht, als einsame Geistesleistung eines Einzelnen. Das war so beim vorletzten Jahrhundertproblem, Fermats letztem Satz, den Andrew Wiles in siebenjähriger Klausur bewiesen hat. Und eben auch bei jenem 1904 von Jules Henri Poincaré gestellten Problem. Für Laien ist es schwer zu verstehen, für Experten blieb es fast ein Jahrhundert lang unbeweisbar: Viele Mathematiker rangen damit, aber es war Perelman, der im Alleingang alle losen Fäden zusammenführte und 2002 einen Beweis veröffentlichte, im Internet.

Dieser wurde eingehend geprüft, sodass Poincarés Vermutung mittlerweile als bewiesen gilt und eine Aussage über "einfach zusammenhängende" Strukturen im vierdimensionalen Raum ermöglicht. Einen praktischen Nutzen bietet das, wie so oft in der Mathematik, noch nicht. Manchmal wird so ein Satz dann nach Jahrzehnten wichtig, in diesem Fall könnten einst die Kosmologen profitieren.

Spannend wird es spätestens Anfang Juni, wenn das Clay Institute in Paris den Durchbruch mit einer Konferenz würdigen will – mit oder ohne Perelman.

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