Brigitta Rupp-Eisenreich ist heute eine 81 Jahre alte Dame. Vor 58 Jahren hat sie in einer schönen Sommernacht in Paris den Dichter Paul Celan kennengelernt. Damals kam Celan gerade von der ersten Deutschlandreise seines Lebens zurück. In Niendorf bei Lübeck hat er bei der Tagung der Gruppe 47 nicht nur seine große unmögliche Liebe, die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann, wiedergetroffen, sondern auch den heute fast vergessenen österreichischen Schriftsteller Herbert Eisenreich. Wenige Tage später macht Eisenreich seinen neuen Freund Paul Celan in Paris mit seiner schönen jungen Schwester Brigitta bekannt. Zu dritt ziehen sie durch eine Pariser Nacht voller Zauber, flanieren in den engen Gassen um die Kirche Saint-Julien-le-Pauvre, steigen hinab an die Seine-Ufer. Brigitta Eisenreich trägt ein grünes Kleid, hat langes rotblondes Haar und spricht ein Deutsch, das dem Prager Deutsch von Friederike Antschel, der Mutter Celans, sehr ähnlich ist. Den Dichter hat sie in dem 32-jährigen Paul Celan sofort erkannt.

Die ganz große Liebe mag es nicht gewesen sein. Jedenfalls hat das keiner von beiden jemals behauptet. Wenige Monate nach dieser verzauberten Sommernacht heiratet Celan die größte Liebe seines Lebens, die aus dem französischen Hochadel stammende Künstlerin Gisèle de Lestrange. Neun Monate nach der Hochzeit kommt das erste Kind des Paares zur Welt, das tags darauf an den Folgen der schwierigen Geburt stirbt. In den Tagen nach dem Tod des Kindes pfeift Celan vor dem Fenster von Brigitta Eisenreich in der Pariser Avenue Kléber, in der sie ein Au-pair-Mädchen-Zimmer bewohnt, ein paar Takte aus der Unvollendeten von Schubert. Sie weiß sofort, wer da pfeift, und öffnet ihre Tür. Sie wird ihm neun Jahre lang auf seine Pfiffe hin die Tür öffnen.

Solche Pfiffe würde heute in Paris kein Mensch mehr hören in dem Verkehrslärm, der dort herrscht. Wer heute zu Brigitta Rupp-Eisenreich kommt, muss die Metro bis zur Endstation Mairie des Lilas nehmen, muss ein Eisengitter öffnen, einen Türcode eingeben, im Vorraum eine Sprechanlage in Gang setzen, eine weitere Türsperre passieren, mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock fahren, um am Ende eines langen Ganges von einer sehr munteren und freundlichen alten Dame mit kurzen weißen Haaren in Empfang genommen zu werden. Brigitta Rupp-Eisenreich hat sich nie viel darauf eingebildet, die langjährige Geliebte des berühmten Dichters zu sein. Sie hat ihre Geschichte für sich behalten. Die Briefe Celans hat sie verloren. Was sie noch hat – ein zartes goldenes Halskettchen, ein paar Erinnerungen, ein Notizheft, ein paar Gedichtbände, einen Schmerz, an dem die Zeit ihr heilendes Werk verrichtet hat –, das alles fand sie nicht der öffentlichen Rede wert. In keiner Celan-Biografie ist bisher von ihr die Rede. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach fanden sich in Celans Nachlass jedoch ein paar Briefe und Gedichte von ihr. Die Celan-Forscher suchten sie, konnten sie jedoch unter ihrem neuen Familiennamen Rupp nirgends finden. Aber da ist sie nun. Und weil sie ihre Erinnerungen an Celan nun doch noch aufgeschrieben und der Nachwelt hinterlassen hat in einem sehr schönen, durch seine noble Sachlichkeit berührenden Buch, das soeben im Suhrkamp Verlag erschienen ist (Celans Kreidestern, ein Bericht , mit Briefen und anderen unveröffentlichten Dokumenten, unter Mitwirkung von Bertrand Badiou, 266 S., 22,80 €), klingelt es in diesen Tagen öfter an ihrer Tür.

Ihren wunderbaren Dialekt, den Celan so mochte, spricht sie noch immer. Auch das Goldkettchen, das sie über dem einfachen Pullover trägt, mag noch das Celansche Goldkettchen sein. Mit weiteren Memorabilien kann diese hellwache und gänzlich unsentimentale alte Dame nicht aufwarten. Oder fast nicht.

Brigitta Eisenreich, wie sie damals noch hieß, war 23 Jahre alt, als sie Celan kennenlernte, und 34, als ihre Liebesbeziehung endete. Ihr Leben zerfällt seither in zwei Hälften. Die Celan-Hälfte und der Rest. Die zwei Hälften geben zusammen keine Einheit. Damit hat sie sich inzwischen abgefunden. Sie hat, sagt sie, mit der ersten Phase ihres Lebens abgeschlossen. Sie hat ein anderes Leben gelebt, das mit dem ersten Leben nichts mehr zu tun hatte. Das war das Leben einer Französin, einer Wissenschaftlerin, einer Mutter. Sie war Ethnologin, hat einige wissenschaftliche Zeitschriften geleitet, Dokumentationen angelegt und sich um die französische Afrikanistik verdient gemacht. Das alles war in einem fremden Land, in einer fremden Sprache nicht einfach. Außerdem hat sie geheiratet und eine Tochter großgezogen. Ihr Mann sitzt, während wir im Wohnzimmer plaudern, im Nachbarzimmer. Die Tochter, die in der Nachbarschaft wohnt, kommt abends vorbei.

Ihr Buch über Celan ist durchdrungen vom Geist der Wissenschaftlerin, die so genau wie möglich sein und sich nichts Ungefähres, womöglich subjektiv Gefärbtes durchgehen lassen will. Von sich selbst spricht sie in dem Buch nur an wenigen Stellen. "Von Anfang an", schreibt sie gleich zu Beginn, "war mir klar, geradezu schlagartig, dass ich in etwas Schweres hineinging, dass es sich um keine Liebschaft der Art handeln konnte, deren Ort, Namen, Umstände, wenn ihre Zeit vorbei war, man leicht vergessen konnte." Das Wort "Verwundung" flammt an einer Stelle in ihrem nüchternen, "Bericht" genannten Text überraschend auf. Da ist von dem Kind die Rede, das sie im Winter 1955 (wenige Monate nach der glücklichen Geburt des zweiten Kindes des Ehepaars Celan) erwartete. Für die Abtreibung in Berlin kam Celan finanziell auf, für die seelischen Folgeschäden nicht. Erst Monate nach ihrer Rückkehr aus Berlin habe er wieder vor ihrem Fenster gepfiffen.

Sie kann sich heute nicht mehr daran erinnern, wie oft sie sich überhaupt sahen. Manchmal lange nicht, manchmal mehrmals in der Woche. Weil ihre wechselnden Pariser Zimmer meistens viele Treppen hoch unter dem Dach lagen, hing sie zum Zeichen ihrer Anwesenheit für den Liebhaber ein weißes Tuch ans Fenster. Traf er sie dennoch nicht an, malte er einen Kreidestern auf die Schiefertafel, die sie an der Tür befestigt hatte. Denselben Stern setzte er auch in die Bücher, die er ihr schenkte. Ob ich das vielleicht sehen wolle? Fünf zart gezeichnete sternförmige Bleistiftstriche im Erstdruck der Meridian -Rede hätte sie hier. Also doch eine kleine Devotionalie für die Besucherin.