Im Jahr 2006 fährt im Berliner Bahnhof Südkreuz ein S-Bahn-Zug mit 180 Fahrgästen auf einen anderen auf. Es gibt 37 Verletzte. Die Ursachen dafür sind die bei allen Zügen dieser Baureihe schlecht arbeitenden Bremsen. Seit 1996 waren diese Züge von der S-Bahn angeschafft worden, bemerkt wurde der Mangel erst nach dem Südkreuz-Unfall. Bemerkt wurden auch leere Bremssandstreubehälter am Unglückszug. "Zu den zentralen Maßnahmen gehört zudem die Verlängerung der Wartungsintervalle", steht im "Qualify"-Papier. Die Bremssandbehälter waren nicht mehr so oft wie nötig befüllt worden.

In den Jahren danach wurden die Züge unpünktlich.

Die S-Bahn entließ 900 ihrer 3800 Beschäftigten.

41 Viertelzüge wurden abgeschafft.

All das wurde draußen, außerhalb der Werkstätten und Führerstände, kaum bemerkt.

Erst recht nicht, dass Wegners Kollegen irgendwann damit anfangen mussten, nach Werkzeug zu fragen. So erzählt er es. "Bei Beträgen über 50 Euro mussten die bei DB Stadtverkehr um Erlaubnis fragen." Es sollen zum Beispiel Schraubenschlüssel für die Aufarbeitung von Bremszylindern gefehlt haben, 76 Euro teuer. "Also anrufen, und dann wurde dort von oben herab entschieden, ohne nachzufragen, ob das jetzt ein wichtiges Werkzeug war oder nicht." Im Fall der Bremszylinder war es ein wichtiges.

Im September wurde bei der S-Bahn festgestellt, dass jene Bremszylinder jahrelang nicht ordnungsgemäß gewartet worden sind, es ging vor allem um eine Druckmutter und einen Ring, die entgegen der Vorschrift nicht regelmäßig gewechselt worden waren.

Im Januar 2009 fielen innerhalb von nur einer Woche 3000 Zugfahrten aus, 5000 waren verspätet. Es war kalt, eine "extreme Witterungslage", wie eine S-Bahn-Pressemitteilung vom 6. Januar es nannte. Der Deutsche Wetterdienst maß an diesem Tag in Berlin zwischen minus 7 bis minus 17 Grad. Ein Bauteil, angebracht an jedem Zug, eine Art Notbremsungsauslöser, war nicht mit dem bewährten Material eingefettet worden und fror fest. Es hatte mehr als 80 Jahre lang funktioniert.

Wer mit Eisenbahnexperten spricht, egal ob in Universitäten, Parlamenten oder Beratungsfirmen, der stößt auf Menschen, die alle einen Begriff in ihrem Wortschatz haben: "Rückfallebene". Ein Eisenbahnunternehmen, das keine Reserven hat, weder an Fahrzeugen noch an Personal, das also bei jedem auftauchenden Problem sofort und nahezu komplett stillsteht, sei ein schlecht und fahrlässig geführtes Eisenbahnunternehmen, sagen sie.

Pressemitteilung der S-Bahn vom 4. Mai 2009:

"›Die Sicherheit unserer Fahrgäste hat für uns oberste Priorität‹, erklärte Tobias Heinemann, Sprecher der Geschäftsführung der S-Bahn Berlin. ›Alle gesetzlich vorgeschriebenen Regelungen zur Untersuchung von Fahrzeugen werden exakt eingehalten und dokumentiert.‹" Hintergrund der Aussage Heinemanns sind Medienberichte, wonach die Entgleisung eines S-Bahn-Zuges am 1. Mai auf mangelnde Wartung zurückzuführen sei.

Pressemitteilung des Eisenbahn-Bundesamtes vom 30. Juni 2009:

"Am 29.6.09 führte das Eisenbahn-Bundesamt Kontrollen bei der S-Bahn Berlin GmbH durch. Dabei musste festgestellt werden, dass Zusicherungen der S-Bahn Berlin GmbH nur unzureichend eingehalten wurden."

Mitteilung der S-Bahn vom 14. Januar 2010:

"Die derzeitigen Witterungsverhältnisse führen bei immer mehr Zügen der S-Bahn Berlin zu konstruktionsbedingten Antriebsstörungen. Durch Flugschnee und Kondenswasser fallen derzeit 100 Viertelzüge der Baureihe 481 mit defekten Fahrmotoren aus."

Am selben Tag sendet das Fernsehmagazin Kontraste einen Bericht, in dem es um Zugausfälle beim Intercityexpress zu Weihnachten geht. Lokführer, unkenntlich gemacht, berichten: Der Grund dafür, dass tagelang nur jeder zweite Zug auf der Strecke zwischen Berlin, Leipzig und München fuhr, sei Kondenswasser. Es bilde sich wegen nicht gewarteter Belüftungsöffnungen an der Zugunterseite, die Elektrik versage. Auch Bremsen seien kaputt. "Ein mängelfreier Zug, das ist die absolute Ausnahme." Kondenswasser, Bremsen, es klang, als sprächen sie von der Berliner S-Bahn.

Verschiedene Bahnsprecher hatten in den Wochen zuvor noch eine andere Erklärung für die ausgefallenen ICE. Es liege am Wartungsstau, die Achsen der Züge müssten seit dem Radbruch in Köln zehnmal häufiger kontrolliert werden als zuvor. Dieser Wartungsstau – Tausende Räder und Achsen müssen ausgetauscht werden, die Hälfte der 250 ICE-Züge ist davon betroffen – wird sich wahrscheinlich erst in drei Jahren auflösen.

Vier Tage später mussten eine voll besetzte S-Bahn und ein voll besetzter ICE in Berlin geräumt werden. Die S-Bahn wegen starker Rauchentwicklung, der ICE wegen Überfüllung. Der Vorgängerzug war ausgefallen.

Im Februar 2010 wird die S-Bahn Berlin 15 Viertelzüge der Baureihe 485 außer Betrieb nehmen und einer sogenannten Wirbelstromprüfung unterziehen. Nach derzeitigen Erkenntnissen sind diese Wirbelstromprüfungen nicht im erforderlichen Umfang durchgeführt worden.

Mitte März wird der frühere Technik-Geschäftsführer der S-Bahn Berlin, Ulrich Thon, das Unternehmen im gegenseitigen Einvernehmen verlassen. Thon bezeichnet diesen Schritt als persönliche Antwort auf eine permanente Medienkampagne gegen seine Person.

Die Deutsche Bahn will einen Milliardenbetrag investieren. In den Kauf eines Verkehrskonzerns in Großbritannien.

Verkehrsminister Ramsauer sagt im ZDF -Morgenmagazin zu diesen Plänen, dass er dem Bahnmanagement "klar gesagt" habe, "wenn das geschieht, dann muss der Laden zu Hause aber auch in Ordnung gebracht werden beziehungsweise sein".

Und Ende März wird bekannt, dass die Züge der Baureihe 485 seit mindestens fünf Jahren ohne Zulassung unterwegs sind.