Der Feind meines Feindes – Seite 1

Am 18. Juli 1977 reist General Hasan Toufanian nach Israel . Irans stellvertretender Verteidigungsminister trifft sich mit Israels legendärem Militärchef Mosche Dajan und mit Ezer Weizmann, dem Außenminister und späteren Präsidenten. Es geht um gemeinsame Rüstungsvorhaben. Eines davon ist das Projekt Flower: die Weiterentwicklung einer israelischen Antischiffsrakete. Auch möchte der Abgesandte des Schahs von Persien gern über U-Boot-Raketen sprechen: Iran ist besorgt über Indiens und Pakistans atomare Raketenrüstung. General Toufanian hat bereits einen Test von Israels nuklearwaffenfähiger Langstreckenrakete Jericho beobachten dürfen, er war begeistert. Das Interesse an dieser Technik ist entsprechend groß.

Das Flower-Geschäft kommt zustande. Als Anzahlung liefert Iran ein Jahr später, 1978, Öl im Wert von 280 Millionen Dollar an Israel. Experten beider Länder beginnen mit dem Aufbau einer Raketenfabrik in der Nähe von Sirdschan im südlichen Iran und einer Testanlage bei Rafsandschan. Als im Februar 1979 die Islamische Revolution das Regime von Schah Mohammed Reza Pahlevi stürzt, bedeutet das auch das Ende von Flower. Die israelischen Ingenieure werden ausgeflogen, die Pläne und Blaupausen der Waffensysteme mit einem stark geschützten diplomatischen Kurier nach Israel zurückgebracht.

Und dennoch: Selbst nach der Machtergreifung durch das Mullahregime ging die iranisch-israelische Zusammenarbeit nach kurzer Pause weiter. Als im September 1980 der Iran-Irak-Krieg begann, stand Israel wieder an der Seite der Iraner. Nach Recherchen der britischen Sonntagszeitung Observer verkaufte man während des gesamten Krieges, der bis 1988 andauerte, jährlich Waffen für 500 Millionen Dollar an Teheran . Das amerikanische Magazin Time berichtete, dass Israelis 1981 und 1982 Schweizer Bankkonten einrichteten, um die Geschäfte abzuwickeln.

Persiens König befreite einst die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft

Auch die Amerikaner nutzten die alten Verbindungen der iranisch-israelischen Waffenbrüderschaft. Nach dem Bericht des Kongress-Untersuchungsausschusses zur Iran-Contra-Affäre begann der Verkauf amerikanischer Waffen über Israel an Iran im Sommer 1985 – mit Billigung von Präsident Ronald Reagan. Die Lieferungen umfassten mehr als 2000 Panzerabwehrraketen und 235 Bausätze für Luftabwehrraketen. Weitere Geschäfte im Umfang von zwei Milliarden Dollar, darunter 82 Kampfflugzeuge und 4000 Raketen, wurden vom US-Justizministerium vereitelt. Israel soll ferner willens gewesen sein, Teheran Raketen für den Luftkampf, Radarausrüstung, Munition für Mörser und Maschinengewehre, Feldtelefone, Panzermotoren, Artilleriegranaten und Ersatzteile für Transportflugzeuge zu verkaufen.

Israel und Iran Seit’ an Seit’. Es war eine aus heutiger Sicht wunderliche Allianz. Wie ist sie zu erklären? Wie kam sie überhaupt zustande? Gleich vielen anderen Geschichten im Nahen Osten beginnt auch diese lange, sehr lange vor unserer Zeit. Genau genommen gründet das besondere Verhältnis zwischen Israel und Iran im Jahr 539 vor Christi Geburt. Da eroberte der Perserkönig Cyrus der Große Babylon und befreite die Israeliten aus ihrer langen Gefangenschaft. Cyrus erlaubte ihnen die Rückkehr nach Jerusalem und finanzierte den Wiederaufbau ihres Tempels; der Rest dieses Bauwerks – die Klagemauer – gilt als eine der wichtigsten religiösen Stätten des Judentums. Die Israeliten waren König Cyrus so dankbar, dass sie ihm den Status eines von Gott gesandten Retters verliehen. Er ist der einzige Nichtjude, dem diese Ehre widerfahren ist.

In den folgenden Jahrhunderten siedelten sich viele Juden in Iran an. Wie andere Kulturen im Persischen Reich genossen auch sie religiöse Freiheit; in persönlichen und familiären Belangen durften sie ihren eigenen Gesetzen und Gebräuchen folgen. 651 geriet das Land unter die Herrschaft der Araber, die Islamisierung des gesamten Nahen Ostens schritt unaufhaltsam voran. Die Distanz zu den neuen Herren einte Juden und Iraner, zumal Letztere von den Arabern zwar den Islam übernahmen, sich aber die persische Sprache und ihre indoeuropäische Lebensart bewahrten.

Ende der 1970er Jahre noch zählte die jüdische Gemeinde in Iran 100.000 Mitglieder. Es war ihre goldene Ära: Unter dem Regime des Schahs, der sich selbst gern in die Tradition Cyrus’ des Großen stellte, verfügte sie über kulturelle Autonomie und profitierte von seiner Politik einer forcierten Verwestlichung des Landes und dem ökonomischen Aufschwung. Selbst heute – unter den Diskriminierungen der Islamischen Republik – beherbergt Iran immer noch die größte jüdische Gemeinschaft im Nahen und Mittleren Osten außerhalb Israels, und das, obwohl drei Viertel der iranischen Juden das Land seit der Revolution verlassen haben.

 

Was also lag 1948 für den jungen israelischen Staat näher, als sich auf der Suche nach Verbündeten im Nahen Osten an Teheran zu wenden? Premierminister David Ben Gurion entwickelte damals die "Peripherie-Doktrin", ein Konzept, das Israels Außenpolitik bis zum Ende des Kalten Krieges dominierte. Danach sollte Israel Allianzen mit nicht arabischen Staaten in der Peripherie schließen, die den arabischen Einfluss in der Region eindämmen konnten. Neben nicht arabischen Minderheiten wie den Kurden und den libanesischen Christen boten sich hier vor allem die Türkei und Iran als bedeutende Mächte an.

Ankara und Teheran galten als natürliche Verbündete, da ihre geopolitischen Interessen immer wieder denen der arabischen Staaten entgegenstanden. Israels Peripherie-Netzwerk sollte einen Keil zwischen die Feinde des jüdischen Staates treiben, den arabischen Block schwächen und die Ausbreitung des Panarabismus aufhalten.

Doch auch umgekehrt sah das Pahlevi-Regime in Israel einen idealen Partner. Es sollte als Gegengewicht zu Teherans arabischen Nachbarn dienen. Dabei ergab sich allerdings ein Dilemma: Zum einen wusste der Schah, dass der Aufbau eines weiteren nicht arabischen, prowestlichen Staates im Nahen und Mittleren Osten Irans Sicherheit erhöhen würde. Ben Gurions Unabhängigkeitserklärung lenkte die Aufmerksamkeit und die Ressourcen der arabischen Länder von Iran als ihrem traditionellen Rivalen in der Region ab. Zum anderen aber würde sich ein Teil der arabischen Wut gegen Iran wenden, sollte der Schah Israel offiziell anerkennen oder bei seinem Aufbau öffentlich unterstützen. Ein schwieriger Balanceakt schien der einzige Ausweg. So war Teheran 1951 bereit, Israels Staatswerdung als eine Tatsache zu akzeptieren, lehnte jedoch eine völkerrechtliche Anerkennung und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen ab.

Eines der wichtigsten Motive für die enge inoffizielle Kooperation zwischen Israel und Iran war indes der wachsende arabische Nationalismus, angeführt von Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser. Nach dem Sturz der ägyptischen Monarchie durch die Bewegung der "Freien Offiziere" 1952 warb Nasser, nicht zuletzt mit Unterstützung der Sowjetunion , für eine große panarabische Nation. Nachdem er den Sueskrieg 1956 gegen Großbritannien , Frankreich und Israel politisch gewonnen hatte, stieg er zum Nationalhelden auf. Sein Erfolg inspirierte Putsche und Bewegungen gegen prowestliche Regime in arabischen Ländern wie Syrien, dem Irak , dem Jemen oder dem Sudan.

Dagegen stand der Iran Pahlevis, eng mit den USA und Israel verbunden. Er galt Nasser und anderen arabischen Nationalisten als Haupthindernis, um die Ölressourcen der Region für den Aufbau ökonomischer und militärischer Macht im Kampf gegen den jüdischen Staat nutzen zu können. Vor allem am Persischen Golf, wo die meisten Ölförderanlagen Irans liegen, stritten sich Araber und Iraner in territorialen Fragen: über Bahrain, drei Inseln und die ölreiche iranische Provinz Chusistan am nordöstlichen Ufer des Golfs.

Im Jom-Kippur-Krieg beliefert Iran beide Seiten mit Öl und Waffen

1955 führte die Entscheidung des Schahs, dem Bagdad-Pakt beizutreten, zu weiteren Spannungen mit Kairo. Denn in diesem gegen die Sowjetunion gerichteten Verteidigungsbündnis des Iraks (damals noch ein arabisches Königreich unter britischer Kuratel), der Türkei, Großbritanniens und Pakistans waren die USA von 1958 an mit einem Beobachterstatus ebenfalls de facto Mitglied – aus ägyptischer Sicht ein "zionistisches Komplott". Die Anfeindungen zwischen Kairo und Teheran führten schließlich 1960 zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Nasser. Unterdessen bauten Israel und Iran ihre ökonomische und strategische Zusammenarbeit weiter aus – frei nach der Maxime "Der Feind meines Feindes ist mein Freund".

Hinzu kam der wirtschaftliche Aufschwung Israels. Das Land brauchte Öl, die Araber weigerten sich, es zu liefern. Also wandte man sich wieder an Iran. Nach dem Sueskrieg half Teheran bei der Finanzierung einer Ölleitung von Elat im Süden Israels durch Be’er Scheva zur israelischen Mittelmeerküste. Durch die Elat-Aschkelon-Pipeline konnten iranische Ölexporte nach Israel gelangen, ohne per Schiff den Sueskanal passieren zu müssen. Gebaut 1957 in lediglich hundert Tagen, wurde die Leitungskapazität nur ein Jahr später bereits verdoppelt. Möglich machte dies eine Vereinbarung zwischen Israels Finanzminister Levi Eschkol und dem Schah. Es war, 1958, das erste direkte Treffen zwischen einem israelischen Kabinettsmitglied und dem König der Könige.

 

Iran wiederum benötigte dringend fortschrittliche Technologie aus Israel für die eigene Wirtschaft, nicht zuletzt für seine Landwirtschaft. Das Know-how bei Bewässerungssystemen wurde sehr geschätzt; israelische Berater bildeten Zehntausende iranische Agrarexperten aus.

Dennoch blieb die Allianz weiterhin "inoffiziell". Aus Sorge um die Beziehungen zu den arabischen Staaten war Teheran sehr daran gelegen, die Kooperation aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Daher übertrug der Schah das Management der Zusammenarbeit dem iranischen Geheimdienst, der von 1957 an Bande zu den Kollegen des Mossad knüpfte. Fortan blieb Teherans Außenministerium bei neuen Kooperationsprojekten oftmals außen vor. Irans Agenten wurden heimlich in beiden Staaten von israelischen Nachrichtenoffizieren ausgebildet. Israel trainierte auch 400 iranische Piloten, Fallschirmspringer und Artilleriemannschaften, begleitet von Verkäufen moderner Militärausrüstung. Der Mossad lieferte ausführliche Informationen über Bewegungen und Planungen der ägyptischen Streitkräfte an das iranische Militär, das sich nach wie vor auf potenzielle irakische und ägyptische Angriffe vorbereitete.

Zusammen mit der Türkei beobachteten die iranischen und israelischen Nachrichtendienste die militärische Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion, Ägypten und dem inzwischen von nationalistischen Militärs beherrschten Irak. Die drei nicht arabischen Verbündeten behielten die Lieferungen sowjetischer Waffen für die ägyptische und die irakische Armee im Visier, die auf dem Wasserweg vom Schwarzen Meer durch den Sueskanal in den Persischen Golf gelangten.

Waren die Besuche von iranischen Regierungsvertretern beim jüdischen Alliierten auch nicht völlig geheim zu halten, so bemühte man sich dennoch um Diskretion. Fast immer reiste man über die Türkei ein und erhielt bei der Ankunft in Israel keinen Stempel in den Pass. Offiziell hatte man damit lediglich die Türkei besucht. Noch heute reisen iranische Juden auf derselben Route – mit stillschweigendem Einverständnis ihrer Regierung. Auch die Entsendung iranischer Diplomaten unterlag dem Siegel der Verschwiegenheit. In den siebziger Jahren dienten sechs von ihnen in der geheimen Mission Irans. In ihren Akten war jedoch Bern als Dienstort vermerkt. Die iranische Botschaft in Israel firmierte in den Dokumenten des Teheraner Außenministeriums unter "Bern 2".

Zwar gestattete Iran im Gegenzug eine große israelische Präsenz in Teheran. Aber offiziell als Botschaft anerkannt wurde Jerusalems ständige Vertretung nicht. Weder wehte Israels Flagge über der Mission, noch nahmen deren Diplomaten an offiziellen Staatsfeierlichkeiten teil. Seit Ben Gurions erster Iran-Reise 1961 waren auch die nachfolgenden Besuche israelischer Premiers stets geheim gehalten worden.

Im Stillen hofften die Israelis allerdings darauf, dass der Schah sich vor der Welt zu ihrem Land bekennen würde. Denn sollte Iran als eine vorherrschend muslimische Nation den jüdischen Staat offen anerkennen, würde dies, so dachte man, gewiss helfen, die Araber dazu zu bringen, Israel endlich zu akzeptieren. Doch der Schah beharrte auf seiner Position: Eine volle Anerkennung durch Iran kam für ihn nicht infrage.

Der Sechstagekrieg im Juni 1967, der mit einem Triumph Israels über seine arabischen Nachbarn endete, brüskierte Teheran. In den Augen des Schahs hatte sich das Land aus einem bedrängten Staat in eine aggressive Macht verwandelt. Stets misstrauisch, wollte Iran verhindern, dass Israel eine dominierende Rolle in der Region erhielt, die Teherans Streben nach einer Vormachtstellung oder seine strategische Bedeutung für Washington gefährden konnte.

 

Noch wichtiger war, dass ein aggressiveres und dominanteres Israel den iranischen Balanceakt, enge Beziehungen zum jüdischen Staat aufrechtzuerhalten, ohne übermäßigen Groll seiner arabischen Nachbarn auf sich zu ziehen, weiter verkomplizierte. Jerusalems Weigerung, 1967 erobertes Land wieder zurückzugeben, tat jedoch genau das. Das Verhältnis kühlte merklich ab. Reza Pahlevi ließ alle gemeinsamen Projekte einstellen und unterstützte Resolution 242 des UN-Sicherheitsrates, die Israels Rückzug aus den besetzten Gebieten forderte.

Nachdem Ägypten unter Anwar al-Sadat 1972 mit der Sowjetunion gebrochen und mehr als zehntausend sowjetische Militärberater des Landes verwiesen hatte, konzentrierte sich Moskaus Militärhilfe auf Bagdad. Die wachsende Stärke des Iraks bedeutete für Israel wie Iran eine Bedrohung. Diese drei hätte Gott nicht schaffen sollen: Perser, Juden und Fliegen lautete der Titel eines Pamphlets von Saddam Husseins Onkel und Schwiegervater Khairallah Talfah. Eine Renaissance der iranisch-israelischen Entente war die Folge. Um Bagdad zu schwächen, bewaffneten Teheran und Jerusalem von 1970 bis 1975 kurdische Aufständische im Nordirak und bildeten sie gemeinsam aus.

Selbst noch im Jom-Kippur-Krieg 1973 behielt der Schah seine Schaukelpolitik bei. Einerseits ließ er die Welt wissen, dass er den arabischen Angriffskrieg für legitim halte. Auch unterstützte Iran Ägypten mit Öl; iranische Maschinen flogen ein saudisches Bataillon zu den umkämpften Golanhöhen und brachten auf dem Rückflug verwundete syrische Soldaten zur Behandlung nach Teheran. Andererseits aber weigerte sich der Schah, das arabische Ölembargo gegen Israel mitzutragen, und die Regierung in Teheran lieferte Waffen an Israel, vor allem die dringend benötigten schweren Mörser.

Erst die Islamische Revolution bereitete dieser Politik ein jähes Ende. Ajatollah Chomeini annullierte sämtliche Verträge und Abkommen, die Israel und Iran seit 1948 untereinander geschlossen hatten. In Teheran stürmten die frommen Revolutionäre die diplomatische Mission Jerusalems und übergaben sie symbolisch der PLO Jassir Arafats.

Doch selbst die islamistischen Fanatiker ließen das alte Bündnis 1980, nach Saddam Husseins Überfall auf Iran, noch einmal aufleben. Israel lieferte Waffen für die Front, die Ajatollahs revanchierten sich mit Informationen ihres Geheimdienstes über den Standort des irakischen Atomreaktors Osirak. Ein Angriff iranischer Kampfflugzeuge am 30. September 1980 hatte keinen durchschlagenden Erfolg gehabt. Der gelang dann ein Dreivierteljahr später israelischen Jagdbombern. Die iranischen Gotteskrieger nahmen diese Hilfe des alten Freundes und neuen Feindes, des "kleinen Satans Israel", dankbar zur Kenntnis.

Der Autor ist Historiker und Politologe; er lebt in Düsseldorf